Hintergrund

Fisch gleich deklarieren wie Fleisch

Für Fisch gelten heute largere Deklarationsvorschriften als für Fleisch. Dies will das Parlament nun ändern. Künftig sollen Restaurants und Detailhändler auch bei Fisch mindestens das Herkunftsland angeben.

Neben der Herkunft der Fische soll künftig auch die Fangmethode deklariert werden.

Neben der Herkunft der Fische soll künftig auch die Fangmethode deklariert werden. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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«Warum deklariert die Speisekarte eigentlich, woher das Fleisch stammt, nicht aber, wo der Fisch gefangen wurde?» Das hat sich der grüne Luzerner Nationalrat Louis Schelbert gefragt, als er mit Freunden in einem Restaurant tafelte. Eine Nachfrage bei der Bundesverwaltung bestätigte seinen Verdacht, wonach dies auf unterschiedliche gesetzliche Vorschriften zurückzuführen sei.

Die Ungleichbehandlung leuchtet Schelbert nicht ein. Er hat daher eine Motion eingereicht, die den Bundesrat zwingen soll, für Fisch gleich strenge Deklarationsvorschriften einzuführen wie für Fleisch. Im Nationalrat wurde der Vorstoss bereits diskussionslos angenommen. Und morgen Dienstag dürfte auch der Ständerat zustimmen. Seine vorberatende Gesundheitskommission empfiehlt jedenfalls einstimmig ein Ja.

Auskunft nur auf Anfrage

Konkret geht es um die Deklarationsregeln im Offenverkauf und in der Gastronomie. Hier muss bei Fleisch bereits heute – wie wenn es verpackt angeboten wird – das Herkunftsland angegeben sein. Ein entsprechender Hinweis kann im Offenverkauf an der Theke angebracht werden. In Restaurants spricht das Gesetz von einer Deklaration auf der Speisekarte oder auf einem Plakat.Bei Fisch hingegen reicht es heute, wenn der Konsument auf Anfrage hin eine mündliche Auskunft erhält.

Diese largere Handhabung stört den Grünen Schelbert. «Im Unterschied zum Fleisch sind beim Fisch manche Bestände gefährdet, und es droht verschiedenen Arten das Aussterben.» Der Konsument solle daher wissen, woher die angebotenen Fische stammen.

Dem stimmt inzwischen auch der Bundesrat zu. Von einem ähnlich lautenden Postulat des ehemaligen PdA-Nationalrats Josef Zisyadis aus dem Jahr 2002 liess er sich dagegen noch wenig beeindrucken. Unterdessen sei das Informationsbedürfnis der Konsumentinnen und Konsumenten bei Fisch gestiegen, findet die Landesregierung. Das dürfte auch daran liegen, dass der Absatz an Fisch und Seafood-Produkten in den letzten Jahrzehnten massiv zugelegt hat. Laut der Umweltschutzorganisation WWF konsumieren die Schweizer jährlich über 70'000 Tonnen – 50 Prozent mehr als noch vor 25 Jahren.

Bei lebendigem Leib angefressen

Doch was nützt den Konsumenten die Angabe des Herkunftslands? Können sie daran wirklich erkennen, ob ein Fisch tierfreundlich gefangen oder gezüchtet wurde? Viele wohl nicht. Schelbert regt daher in der Begründung seiner Motion an, zusätzlich die Fang- oder Produktionsmethode anzugeben. Dies verlangt auch die Tierschutzorganisation Fair-Fish in einer Petition, für die sie derzeit Unterschriften sammelt.

«Man sieht eben dem feinen Thunfisch-Sushi auf dem Teller nicht an, welche Qualen das Tier beim Fang erlitten hat», sagt Co-Geschäftsführerin Bianca Miglioretto. Viele Thunfische würden stunden- bis tagelang am Haken einer Langleine durchs Meer gezogen. Von dort versuchten sie sich verzweifelt loszureissen, was zu immer schlimmeren Verletzungen führe. Und während dieses Kampfs würden sie von anderen Raubfischen bei lebendigem Leib angefressen. Auch vom Beifang – den vielen Meerestieren, die in Grundschleppnetzen hängen bleiben und meist tot oder mit tödlichen Verletzungen über Bord geworfen werden – sehe der Fischkonsument nichts.

Deshalb sei eine Deklaration der Fangmethode wichtig, findet Miglioretto.Davon erhofft sich Fair-Fish einen ähnlichen Effekt wie bei den Eiern. Ihnen sieht der Kunde im Laden auch nicht an, ob sie bloss in Bodenhaltung oder in tierfreundlicher Freilandhaltung gelegt wurden. Aber dank der Deklaration haben die Konsumentinnen die Wahl. Kaufen sie vermehrt Eier aus Freilandhaltung, passen sich die Produzenten an. «Genau das wünschen wir uns beim Fisch», sagt Miglioretto. Die Konsumenten sollen entscheiden, welche Fangmethoden sie unterstützen wollen.

Wirte gegen Deklarationspflicht

Der Schweizerische Fischereiverband begrüsst eine Deklaration der Herkunft. «Für unsere Berufsfischer ist es von Vorteil, wenn man weiss, dass ihre Fische von hier sind», sagt Zentralpräsident Roland Seiler. Und er fragt sich, warum dies nicht schon heute so gehandhabt werde. Schwieriger sei dagegen eine aussagekräftige Bezeichnung der Fangmethoden.

Gar nichts wissen von einer Deklarationspflicht bei Fischen will der Wirteverband Gastrosuisse. «Die Gäste sollten bei der Auswahl der Speisen nicht zuerst eine Gebrauchsanweisung lesen müssen», findet Gastrosuisse-Sprecherin Astrid Haida. Auch dürfe der bürokratische Aufwand nicht unverhältnismässig gross werden. «Allfällige Angaben über die Herkunft von Fisch müssen daher freiwillig bleiben», so Haida.

Kein Widerstand kommt dagegen von den beiden Grossverteilern Migros und Coop. Beide versichern, sie würden die Herkunft der Fische bereits heute deklarieren – auch im Offenverkauf. «Die Migros unterstützt deshalb die Motion», so Sprecherin Martina Bosshard, «jedoch nur, solange es ausschliesslich um die Deklaration des Fanggebiets geht.» Eine zusätzliche Angabe der Fangmethoden lehnen beide Grossverteiler ab. «Die Fülle der Informationen am Verkaufspunkt ist bereits heute sehr gross», argumentiert Bosshard.

«Der Teufel liegt im Detail»

Die Migros arbeitet aber mit dem WWF zusammen und will künftig nur noch nachhaltigen Fisch anbieten. Das gilt auch für Coop. 98,6 Prozent aller Fische würden bereits heute aus Quellen stammen, welche die WWF Seafood Group als nachhaltig bezeichne, versichert Mediensprecherin Nadja Ruch.

Der WWF selbst spricht sich generell für Transparenz aus – sowohl was die Herkunft als auch die Fangmethode betrifft. «Der Teufel steckt aber im Detail», sagt Mariann Breu, Projektleiterin der WWF Seafood Group. Herkunft und Fangmethode seien ja nur zwei von vielen Kriterien, die beim Beurteilen der Umweltverträglichkeit eine Rolle spielten.

Der WWF setzt daher vor allem auf Labels, die mehrere Aspekte berücksichtigen – und dem eiligen Konsumenten eine schnelle Orientierung ermöglichen. Bei Wildfang empfiehlt er das MSC-, bei Zucht das Bio-Label. Die Information der Konsumenten allein genüge aber nicht, so Breu. Um den Fischfang und die -zucht umweltverträglicher zu machen, brauche es auch strengere Umweltvorschriften in den entsprechenden Ländern.

Erstellt: 15.09.2013, 19:27 Uhr

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Geniessen ohne schlechtes Gewissen

Die Fischbestände in unseren Meeren schrumpfen dramatisch. Industrielle Fangflotten plündern die Weltmeere und dringen in immer fernere Regionen und in immer grössere Tiefen vor. Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) besagen, dass weltweit 57 Prozent der Speisefischbestände bis ans Limit genutzt und 30 Prozent überfischt oder erschöpft sind. Das heisst, es wird mehr gefangen, als durch die natürliche Vermehrung nachwachsen kann.

Der ökologische Schaden ist immens – zum Beispiel durch Beifang, der tot über Bord geht, oder zerstörerische Fangmethoden, die den Meeresboden oder Korallenriffe umpflügen. Kann dieser Raubbau nicht gestoppt werden, steht die langfristige Nutzung der Fischbestände auf dem Spiel.
Was können umweltbewusste Konsumentinnen und Konsumenten tun?

Zunächst einmal soll man Fisch als nicht alltägliche Delikatesse geniessen. Die Tierschutzorganisation Fair   Fish ­findet sogar, man solle nur einmal im Monat (Meer-)Fisch essen. Mehr gebe das Meer nicht her.
Immer empfehlenswert sind einheimische Seefische wie Felchen, Egli, Saibling oder Rotauge.

Beim Einkaufen bieten Zertifizierungsprogramme für eine verantwortungsvolle Fischerei und Aquakultur eine Orientierungshilfe. Wer Fisch mit einem Bio-, MSC- oder Aqua-GAP-Label kauft, belohnt gemäss WWF verantwortungsvolle Fischfangtechniken und Zuchtbetriebe und trägt zu einer intakten Natur bei. Das Label Friends of the Sea erhält vom WWF eine schlechtere Note, sei aber immer noch besser als gar kein Label.

Wer sich intensiver mit dem Fischkauf im Laden und der Fischauswahl im Restaurant auseinandersetzen will, kann zu entsprechenden Ratgebern von WWF und Greenpeace greifen. Der WWF bietet auch eine entsprechende App für iPhone und Android an, Greenpeace immerhin eine Mobile-Version ihres Ratgebers.

In der WWF Seafood Group haben sich Unternehmen gefunden, die einen Beitrag zum Schutz der Meere leisten wollen. Unter anderem bieten sie keine Fische mehr an, die vom Aussterben bedroht sind – etwa Hai oder roten Thunfisch. Neben Coop, Migros, Ospelt Food, Dörig Frisch-Fisch oder der Lachsräucherei Dyhrberg sind auch Zulieferer der Gastronomie Mitglied, etwa Bianchi.

Schliesslich gilt bei Fisch wie bei ­allen Nahrungsmitteln: nicht mehr einkaufen oder bestellen, als man essen mag. Lieber ein Fisch mehr im Meer als im Abfall. Romeo Regenass

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