Freihandel mit China weckt Hoffnungen und Ängste

Das Freihandelsabkommen stärkt die Schweizer Wettbewerbsposition gegenüber EU-Unternehmen.

Sind sich einig: Finanzminister Johann Schneider-Ammann stösst mit dem chinesischen Handelsminister nach der Unterzeichnung einer Absichtserklärung an.

Sind sich einig: Finanzminister Johann Schneider-Ammann stösst mit dem chinesischen Handelsminister nach der Unterzeichnung einer Absichtserklärung an. Bild: Alexander F. Yuan/Keystone

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Nach fast zweieinhalbjährigen Verhandlungen steht das Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und China – und die mit diesem Vertrag verbundenen Erwartungen sind hierzulande gross. Für Luzius Wasescha, der die Schweiz bis Mitte letzten Jahres bei der Welthandelsorganisation in Genf repräsentierte, ist das China-Abkommen – zusammen mit der im September 2009 in Kraft getretenen Vereinbarung mit Japan – das wirtschaftlich bedeutendste seit jenem von 1972 mit der damaligen Europäischen Gemeinschaft. «Es stellt einen wichtigen Brückenschlag für die Schweiz dar, der den Wirtschaftsstandort erheblich aufwerten kann», sagt Wasescha.

Ähnlich optimistisch äussert sich gestern Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse: «Ich sehe das Abkommen als echten Meilenstein. Das darin steckende Potenzial ist sehr gross.» Wenngleich Minsch zu bedenken gibt, dass der Vertrag «noch nicht ratifiziert ist und auf diesem Weg so einiges passieren kann».

Vorsprung auf die EU

Die Pharma-, Chemie-, Maschinen- und die Uhrenindustrie, ausserdem die Nahrungsmittelhersteller sowie der Tourismus dürften nach Waseschas Einschätzung die am stärksten vom Freihandel mit China profitierenden Branchen hierzulande sein. Für Schweizer Exporteure werden inskünftig, so der heutige Sonderbotschafter im Berner Aussenministerium, weniger oder gar keine Einfuhrzölle mehr anfallen. Laut Minsch betragen diese Zölle 8 bis 10 Prozent des Warenwerts. «Eine deutliche Ermässigung wäre für Schweizer Firmen ein willkommener Ausgleich für den Wettbewerbsnachteil des starken Frankens, den wir insbesondere gegenüber deutschen Konkurrenten verspüren.»

Das Freihandelsabkommen mit dem wichtigsten Aussenhandelspartner der Schweiz in Asien eröffne hiesigen Zulieferern darüber hinaus bessere Chancen, in die Wertschöpfungsketten von chinesischen Konzernen einbezogen zu werden, wie Wasescha sagt. Er ermuntert die Schweizer Firmen, «offensiv in den chinesischen Markt zu gehen und die dortige Position zu festigen». Ihnen biete sich jetzt die Möglichkeit, «in China Fuss zu fassen – und dies zu Bedingungen, welche die Konkurrenten in der EU nicht haben».

Auch Minsch zeigt sich überzeugt, dass allein der zeitliche Vorsprung, den die Schweiz gegenüber der EU mit diesem Vertrag habe herausholen können, zu einem «wichtigen Trumpf im europäischen Wettbewerb» werde. Nach seinen Worten gehen gut 4 Prozent der hiesigen Exporte nach China; unter Einbezug von Lieferungen über Auslandsniederlassungen von Schweizer Firmen sei dieser Anteil noch merklich höher.

Mehr Rechtssicherheit

In der Tat wäre die Schweiz neben Island der einzige europäische Staat, der sich mit den Chinesen auf ein Freihandelsabkommen verständigt hat. Die EU hat ein entsprechendes Abkommen mit Südkorea abgeschlossen und verhandelt derzeit in Asien mit Indien und Japan. Zudem will EU-Handelskommissar Karel De Gucht noch vor dem Sommer Gespräche mit den USA über einen grossen gemeinsamen Markt beginnen. Ziel scheint es zu sein, China als den drittgrössten Handelspartner der EU zu isolieren und in Zugzwang zu bringen. «Ich kann mir vorstellen, dass China verärgert ist», sagte De Gucht dem TA zu den bevorstehenden Verhandlungen mit den USA.

Auch Wasescha verweist auf Bestrebungen zum Abschluss regionaler oder bilateraler Handelsabkommen, von denen er zwei in Asien herausgreift: den Vorstoss der USA zu einer transpazifischen Partnerschaft mit asiatischen Anrainerstaaten sowie Australien und Neuseeland und das Vorhaben der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean, Freihandelsverträge mit China, Japan und Südkorea abzuschliessen. Vor diesem Hintergrund erachtet der langjährige Schweizer Handelsdiplomat den jetzigen Zeitpunkt des Durchbruchs mit China als «essenziell». Zudem, so Wasescha, könnte damit der Abschluss weiterer Abkommen mit Ländern wie Indonesien, Malaysia, Thailand und Vietnam beflügelt werden.

Für Rudolf Minsch liegt der Wert des Abkommens darüber hinaus in den «stabileren Rahmenbedingungen im Handel mit China». Ebenso zentral wie reduzierte Zollsätze sei der Umstand, dass nun feste Tarife vertraglich fixiert werden könnten, was den Schweizer Exporteuren langfristige Planungssicherheit ermögliche.

Erstellt: 13.05.2013, 23:09 Uhr

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