Fünf Fragen zur Zerschlagung von Alpiq

Was hinter dem jüngsten Strategieschwenk beim Schweizer Stromkonzern steckt.

Alpiq trennt sich von seinem Industriegeschäft: CEO Jasmin Staiblin nimmt Stellung. Video: SDA
Video: Urs Flueeler /Keystone

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Der Stromkonzern Alpiq spaltet sich selbst auf. Das Unternehmen verkauft das profitable Geschäft mit Gebäudetechnik Alpiq Intec sowie die deutsche Kraftanlagengruppe für 850 Millionen Franken an den französischen Mischkonzern Bouygues. Die Geschäftsbereiche erzielen einen Umsatz von 1,6 Milliarden Franken und einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von zuletzt 85 Millionen Franken. 7650 Mitarbeiter wechseln mit dem Verkauf den Arbeitgeber. Übrig bleiben bei Alpiq das Geschäft mit der Schweizer Stromproduktion, das 2017 Verluste schrieb, die Stromproduktion im Ausland, das Geschäft mit erneuerbaren Energien und der Stromhandel. Hier arbeiten 1550 Menschen. 2017 erwirtschafteten diese Bereiche ein Ebitda von 245 Millionen Franken.

1. Warum verkauft Alpiq die profitablen Wachstumsbereiche?

Das Unternehmen selbst nennt zwei Gründe: Alpiq habe nicht die finanziellen Mittel, um das Gebäudetechnik-Geschäft selbst weiterzuentwickeln. Zum Zweiten wolle der Konzern mit dem Verkaufserlös seine Finanzsituation verbessern.

Alpiq verliert mit der heimischen Stromproduktion aufgrund der tiefen Preise Geld, gleichzeitig lastet auf dem Konzern eine Nettoverschuldung (also Bruttoschulden abzüglich flüssiger Mittel) von zuletzt 714 Millionen Franken. Die Einstufung der Schulden, das sogenannte Rating, war kurz vor Ramschniveau. Wäre das Rating weiter abgerutscht, hätten viele Profi-Investoren keine Anleihen mehr von Alpiq besitzen dürfen. Damit wiederum wäre eine neue Schuldenaufnahme extrem teuer geworden.

Mit Blick auf die Bilanz bringt der Verkauf nun einen Befreiungsschlag: Alpiq wird mit einem Schlag quasi schuldenfrei und weist eine Nettoliquidität von 136 Millionen Franken aus. Mit dem Verkaufserlös kann Alpiq zum Beispiel eine ausstehende Hybridanleihe zurückkaufen und damit 87 Millionen Franken an Zinskosten einsparen.

2. Warum verkauft Alpiq ausgerechnet die Gebäudetechnik?

Der Konzern hat in Sachen Verkäufe einen ziemlichen Schlingerkurs hinter sich. So wollte Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin 2016 zunächst einen Anteil von 49 Prozent der eigenen Wasserkraftwerke verkaufen. Das wurde dann wieder abgeblasen, obwohl es mit dem Infrastrukturfonds der Credit Suisse und der IST-Investmentstiftung, einem Anlagevehikel für Pensionskassen, durchaus Interessenten dafür gegeben hat. Doch zum einen waren offenbar die gebotenen Preise nicht hoch genug. Zum zweiten wollten Kaufinteressenten laut Alpiq nicht das Regulierungsrisiko bezüglich Wasserkraft tragen.

3. Droht nach dem Verkauf die Alpiq ein Risiko für den Steuerzahler zu werden?

Genau das will Alpiq mit dem Verkauf der Gebäudetechnik vermeiden. Ohne eine radikale Senkung der Schuldenlast wäre der Konzern finanziell sehr verwundbar geworden. Analysten und Anleger begrüssen daher den Schritt, die Aktie legte im frühen Handel um über fünf Prozent zu. «Alpiq kann die Verschuldung massiv abbauen und kann die restlichen Geschäfte nun weiterentwickeln», kommentiert Sven Bucher, Analyst der Zürcher Kantonalbank.

Alpiq leidet darunter, dass die Preise auf dem freien Markt für Strom derzeit tiefer sind als die eigenen Gestehungskosten, was zum Teil eine Folge der deutschen Energiewende ist, wo mit Milliarden massive neue Kapazitäten etwa in der Windenergie entstanden sind. Darüber hinaus sind die Öl- und Kohlepreise in den vergangenen Jahren stark gesunken, was auch die Strompreise drückt, da viel Strom mit fossiler Energie hergestellt wird.

Alpiq hat stärker als Wettbewerber mit den tiefen Strompreisen zu kämpfen, da der Konzern seinen Strom komplett am freien Markt verkaufen muss. Alpiq hat keine privaten Endkunden, diese dürfen in der Schweiz noch nicht den Stromanbieter frei wählen, sie sind gefangen, daher können hier die Anbieter gewinnbringende Strompreise verlangen. Darüber hinaus leidet Alpiq unter langfristigen Absicherungsverträgen etwa von Währungsrisiken.

Auch die nächsten zwei Jahre werden wegen dieser Gründe nicht einfach werden. So prognostiziert Alpiq auch fürs laufende Jahr, dass das operative Ergebnis weiter sinkt. Vor diesem Hintergrund ist es für Alpiq wichtig, die Kosten für die Schulden zu drücken. Der Verkauf soll dem Konzern quasi finanziell die Luft verschaffen, die nächste schwierige Zeit zu meistern.

4. Wenn die Schweizer Stromproduktion defizitär ist, hat die geschrumpfte Alpiq überhaupt eine Zukunft?

Alpiq setzt mit dem Verkaufsentscheid nun voll auf das klassische Stromgeschäft. Alpiq ist damit auf eine Erholung der Strompreise angewiesen, welche das Unternehmen für die Zeit nach 2020 in Aussicht stellt. Auch Marktbeobachter erwarten ein weiteres Anziehen der Strompreise. Diese hatten 2016 mit Preisen um 20 Euro je Megawatt-Stunde einen Tiefpunkt erreicht. Zuletzt tendierten die Preise um 35 Euro je Megawatt-Stunde.

Mehrere Faktoren könnten zu weiter steigenden Strompreisen führen. So werden in Deutschland weitere Atomkraftwerke vom Netz gehen, auch ein Teil der billigen, aber dreckigen Kohlekraftwerke soll höchstens noch als Notreserve zum Einsatz kommen. Dank gesunkener Subventionen für erneuerbare Energien werden zudem weniger neue Angebotskapazitäten auf den Markt kommen.

Einen wichtigen Einfluss auf den Strompreis hat auch der Kohlepreis, der zuletzt ebenfalls gestiegen ist. Grösster Verbraucher ist hier China. Sollte das Riesenreich aber Ernst machen und seine Kohleabhängigkeit verringern, droht dem Kohlepreis ein Absturz. Und das dürfte dann wiederum den Strompreis nach unten ziehen.

Unsicherer ist ferner, ob Schweizer Anbieter in Europa bessere Marktchancen bekommen, indem die Schweiz ein Stromabkommen mit der EU abschliesst. Als Bedingung für solch ein Abkommen verlangt die EU, dass die Schweiz zuerst einen Rahmenvertrag abschliesst, welcher die bilateralen Beziehungen grundsätzlich regeln soll und unter anderem klären soll, welche Instanz Rechtsstreitigkeiten klärt. Die SVP ist aber strikt gegen solch ein Abkommen.

Sprich: Die Erholung des Strompreises ist alles andere als sicher.

5. Alpiq-Chefin Staiblin macht mit ihren Verzicht auf ein Verwaltungsrat beim Zurich-Konzern Schlagzeilen. Ist sie geschwächt?

Jasmin Staiblin steht wegen ihrer Ämterhäufung schon länger in der Kritik. Denn neben dem anspruchsvollen Job, Alpiq neu aufzustellen, amtet sie als Verwaltungsrätin beim Industriekonzern Georg Fischer und beim Turbinenbauer Rolls-Royce. Nun verzichtet sie auf das Mandat bei der Zürich mit der Begründung, dass der jetzige Zeitpunkt «nicht der richtige» für den Eintritt beim Versicherungsriesen sei. Doch das Argument hat indes bereits gegolten, als ihre Kandidatur bekannt wurde. Das Hin und Her wirkt alles andere als souverän.

Trostpflaster: Der Alpiq-Verwaltungsrat gönnt ihr trotz der schlechten Jahreszahlen eine Lohnerhöhung: 2016 verdiente sie laut Geschäftsbericht insgesamt 1,879 Millionen Franken. Für das vergangene Jahr bekommt sie 1,959 Millionen. Die gesamte Geschäftsleitung bekommt für das abgelaufene Jahr 7,4 Millionen Franken, das sind rund 1,2 Millionen mehr als ein Jahr zuvor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.03.2018, 13:58 Uhr

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