Hart, kratzfest – abgestürzt

Die Fabrik für iPhone-Displays aus Saphir hätte ein Meisterstück werden sollen. Doch der Betreiber in Arizona ging unter mysteriösen Umständen Pleite. Jetzt gibt es erstmals Indizien, was vorgefallen sein könnte.

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Es war eine der grossen Enttäuschungen, als das neue iPhone im September endlich da war. Ja, es kam in zwei neuen Grössen. Ja, die Kamera war besser. Und ja, das Design war tatsächlich gar nicht schlecht. Aber das Display. Das Display war das gleiche geblieben. Es geht immer noch kaputt, wenn man das Handy fallen lässt und es zerkratzt, wenn man Schlüssel und Handy in die gleiche Tasche stopft. Kein Wunder, denn die Scheibe ist nichts anderes als gehärtetes Glas.

Und das hätte eben nicht so sein sollen. Eigentlich hätte über das Innenleben des neuen iPhones eine blau schimmernde Super-Spezial-Schicht gehört – aus synthetisch hergestelltem Saphir, einem der härtesten Materialien der Welt. Erste Prototypen waren bereits im Vorfeld aufgetaucht, es hatte sogar Tests gegeben. Aus welchen Gründen die kratzfesten Scheiben es dann nicht ins fertige Produkt geschafft hatten, blieb lange ein Rätsel. Nur gerade Kamera und Fingerabdruckscanner des iPhone 6 sind heute mit dem kostbaren Material versehen.

Der 1. Akt: Der Bau der Fabrik

Dass Apple plötzlich auf die Saphirscheibe verzichtete, war umso eigenartiger, als das Unternehmen im Oktober 2013 700 Millionen Dollar in den Bau der grössten Saphirfabrik der Welt in Arizona investiert hatte. Die Weltproduktion von synthetischem Saphir, der heute vor allem für die Herstellung von LEDs und für teure Uhren verwendet wird, hätte sich dadurch verdoppelt.

Die Idee war, dass Apple die Fabrik baut und den Betrieb einem Unternehmen namens GT Advanced Technologies überlässt. GTs Expertise waren die Öfen, in denen Aluminiumoxid bei 2000 Grad Celsius geschmolzen wird, um zu Saphir zu werden. Das Unternehmen hatte kurz vorher angekündigt, es könne jetzt Öfen bauen, die doppelt so grosse Saphirzylinder ergeben wie bisher möglich.

Der 2. Akt: Die Insolvenz

Je grösser der Zylinder, desto effizienter lässt sich das Material in Blöcke zerteilen, die anschliessend zu dünnen Scheiben geschnitten und verarbeitet werden.

Dieses Video zeigt, wie synthetisches Saphir hergestellt und verarbeitet wird. (Quelle: Youtube/Poketnow)

Von dem Moment, als die ersten Gerüchte über einen Deal mit Apple aufkamen, bis kurz vor dem Launch des neuen iPhones hatte sich GTs Aktienkurs mehr als verfünffacht. Erst als das neue iPhone ohne Saphirscheibe auf den Markt kam, wendete sich das Blatt.

Was also war schiefgelaufen? Eine erste Antwort kam ziemlich genau einen Monat später: Am 6. Oktober meldete GT Insolvenz an. Seither kämpft Apple mit den Folgen des Kollapses, der ein ungewolltes Licht auf die Beziehungen des Konzerns zu seinen Lieferanten wirft – dessen genaue Umstände noch immer unklar sind.

Der 3. Akt: Die Vorwürfe

Das könnte sich nun ändern. GT führt unter anderem ins Feld, dass Apple «repressive und belastende» Forderungen gestellt habe – und verweist gleichzeitig auf eine Klausel, wonach Apple eine Strafzahlung von 50 Millionen Dollar für jedes Informationsleck rund um eines seiner Produkte einfordern kann. Das verunmögliche es GT, die wahren Umstände der Liquiditätsprobleme offenzulegen. Der Apple-Lieferant forderte die Konkursrichter auf, die Klausel aufzuheben.

Nun kontert Apple erstmals – indem der Konzern dem «Wall Street Journal» Einblick in ein Schreiben gewährt, das der Konzern den übrigen GT-Gläubigern zukommen liess. Darin wirft Apple GT eklatante Führungsmängel vor. Das Unternehmen sei nicht in der Lage gewesen, seine Versprechen, etwa was die Liefermengen betrifft, einzuhalten. So sollen die meisten der anfangs produzierten Saphirzylinder unbrauchbar gewesen sein, wie Apple anhand von Fotos dokumentiert. Es dauert rund 30 Tage und kostet etwa 20'000 Dollar, einen einzigen Zylinder zu produzieren.

Der 4. Akt: Apples Konter

Einer der Vorwürfe im WSJ lautet, dass GT viel zu schnell eingestellt hat. Weil erst ein Teil der Schmelzöfen in Betrieb war, hatten viele Mitarbeiter über Wochen nichts zu tun, fegten Böden, die eigentlich schon sauber waren oder erschienen einfach nicht zur Arbeit, ohne dass das jemandem aufgefallen war. Einmal soll eine Lieferung wertvoller Saphirblöcke statt zu Apple ins Recycling geschickt worden sein.

Allerdings werden auch Stimmen laut, die die Schuld am Desaster Apple zuweisen. GT hatte keine Erfahrung darin, eine Saphirfabrik zu betreiben. Der Grund dafür, dass Apple das Unternehmen dennoch damit beauftragt hat, sollen die hohen Margen sein, die GT auf den Saphiröfen erzielte. Angeblich suchte Apple nach einem Weg, diese zu umgehen.

Der 5. Akt: Das Ende eines Traums und die Folgen

Hinter vorgehaltener Hand beklagen sich Lieferanten immer wieder über die straffe Hand, mit der Apple seine Zulieferer führt und die kleinen Margen, die der Konzern ihnen gewährt. Weil sie allerdings alle an Geheimhaltungsklauseln gebunden sind, vertrat bislang keiner diese Meinung in der Öffentlichkeit. Mit dem Insolvenzverfahren rund um GT, bei dem Apple einer von vielen Gläubigern ist, könnte sich das ändern. Wie es mit der Saphirfabrik in Arizona und den versprochenen 2000 Arbeitsplätzen für die Region weitergeht, ist unklar. Klar ist nur: Saphir wird dort künftig nicht mehr produziert werden.

Erstellt: 20.11.2014, 16:22 Uhr

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Bild

Der Saphir-Zylinder

Infobox

Nur Diamant ist härter

Saphire kommen natürlich in verschiedenen Farben vor, typischerweise sind sie dunkelblau. Für die industrielle Verwendung wird eine farblose Variante hergestellt. Der Stoff gehört zu den härtesten transparenten Materialien der Welt, er wird in dieser Eigenschaft nur von Diamanten übertroffen. Es ist fast unmöglich, eine Saphiroberfläche zu zerkratzen – was Saphir zum idealen Material macht für Alltagsgegenstände wie Uhren oder Handys. Allerdings ist eine Saphirscheibe für das iPhone mehr als fünfmal teurer als das gehärtete Spezialglas, das Apple einsetzt. Rechnet man die Kosten für das GT-Advanded-Fiasko mit ein, dann steigt dieses Verhältnis wohl sogar noch einmal deutlich an.

Video

Der Saphir-Display-Test

Video

GTs Werbevideo für Saphiröfen

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