Hintergrund

Hayek pfeift auf den illustren Club

Wenn Swatch-Chef Nick Hayek nicht einlenkt, fliegt sein Unternehmen wahrscheinlich aus dem Börsenindex SMI. Den erfolgreichen Unternehmer schert das wenig.

Das Enfant terrible der Uhrenindustrie: Swatch-Chef Nicolas Hayek gönnt sich beim Auftritt vor den Medien eine Zigarre. (Bilanzpressekonferenz im März 2011 in Biel)

Das Enfant terrible der Uhrenindustrie: Swatch-Chef Nicolas Hayek gönnt sich beim Auftritt vor den Medien eine Zigarre. (Bilanzpressekonferenz im März 2011 in Biel) Bild: Keystone

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Nick Hayek ist dafür bekannt, dass er auf die Börse und viele ihrer Akteure nicht gut zu sprechen ist. Wenn er könnte, würde er ganz darauf verzichten, an der Börse gelistet zu sein. Was ihn stört, sind die umfassenden Berichterstattungspflichten, denen die börsenkotierten Unternehmen unterworfen sind. Zu einem grossen Teil hält er sie für Ausgeburten des angelsächsisch inspirierten Regulierungswahns und für eine bürokratische Zumutung. Und jetzt will die Schweizer Börsenaufsicht SIX Exchange Regulation noch einen draufsetzen.

Gemäss einem Bericht der «Finanz & Wirtschaft» plant die Börsenaufsicht, für SMI-Unternehmen die Berichterstattungspflichten gemäss dem International Financial Reporting Standard (IFRS) zur Pflicht zu machen. Der Swiss-Market-Index (SMI) bildet die Kursentwicklung der 20 grössten und wichtigsten Schweizer Unternehmen ab und ist die Grundlage für eine Reihe von Fonds und Derivaten. Manager sogenannter Exchange Traded Funds oder von Index-Fonds kaufen die Aktien der SMI-Unternehmen sozusagen automatisch.

Verzicht auf Privileg

Doch selbst auf diese Vorzugsbehandlung will Hayek verzichten. Gerade erst hat er die Berichterstattung der Swatch Group auf die Bilanzierungsrichtlinien gemäss Swiss GAAP FER (siehe Box links) umgestellt, weil ihm die IFRS-Richtlinien zu aufwendig und zu bürokratisch sind. «Swatch Group hat einstimmig entschieden, ab 2013 auf Swiss GAAP FER umzustellen und will auch bei diesem Entscheid bleiben. Egal, ob wir deshalb aus dem SMI fallen oder nicht», sagte Hayek jetzt der «Finanz & Wirtschaft».

Die Rückkehr zu den Schweizer Rechnungslegungsvorschriften gemäss Swiss GAAP hat der Verwaltungsrat der Swatch Group im letzten Oktober beschlossen. Für ein Industrieunternehmen wie die Swatch Group sei Swiss GAAP ideal, erklärte Swatch in einer Pressemitteilung. «Aufwand und Nutzen halten sich in vernünftigem Rahmen und nehmen Rücksicht auf die spezifischen Bedürfnisse eines Schweizer Industrieunternehmens.» Die Swatch Group kehre damit wieder zu einer praxisnäheren und weniger theoretischen Rechnungslegung zurück, als dies bei IFRS der Fall sei.

Swatch riskiert Kursverluste

Macht die Börsenaufsicht den IFRS für SMI-Unternehmen jedoch obligatorisch und Swatch bleibt beim Schweizer Standard, fliegt der Uhrenkonzern aus dem SMI. ETF-Manager und Indexfonds müssten sich von ihren Swatch-Aktien trennen. Kursverluste wären zumindest kurzfristig programmiert.

Doch Nick Hayek gibt sich gelassen: «Wir haben kein Problem damit, nicht im SMI zu sein», erklärte er im Interview mit der F&W. Die Frage sei vielmehr, ob das ein Verlust für die Swatch-Gruppe sei oder für den SMI. Für die Performance des SMI ist die Zugehörigkeit von Swatch tatsächlich von Vorteil. Allein seit Jahresbeginn hat der Kurs der Aktie um rund 15 Prozent zugelegt. Vor zwei Tagen präsentierte der Bieler Konzern trotz Eurokrise und internationaler Wirtschaftsschwäche exzellente Zahlen.

Der rebellische Geist im grössten Uhrenkonzern der Welt scheint andere Unternehmen anzustecken. «Wir wissen von anderen Grossunternehmen, die Diskussionen darüber führen, auf Swiss GAAP FER umzustellen», gesteht Philipp Leu, der bei der SIX Exchange Regulation der Abteilung Rechnungslegung vorsteht. Um einer Flucht aus dem IFRS-Standard vorzubeugen, will die Aufsicht ihn für SMI-Unternehmen verbindlich machen.

Angelsächsische Regulierungsmanie

Hayek ist die Schweizer Unterwerfung unter die angelsächsische Regulierungsmanie seit langem leid. In einem Interview mit der «Handelszeitung» sprach Hayek letzten Oktober vom «Imperialismus der amerikanischen Finanzindustrie», die echte Unternehmen mit einem Dickicht von Rechnungslegungsvorschriften erwürge. Dabei werde an den Börsen vor allem Luft verkauft. Was zähle, seien Gerüchte, Halbwahrheiten und kurzfristiges Denken. Für ihn als Industriellen sei jedoch die langfristige Entwicklung seines Unternehmens wichtig.

Die Umstellung auf den Swiss-GAAP-FER-Standard begründete Hayek damit, dass er beim Schweizer Standard direkt mit den Gremien diskutieren könne, die diesen Standard definieren. Die internationalen Standards raubten ihm dagegen die unternehmerische Freiheit und erstickten jegliche Kreativität. Seriöse Anleger können nach Auffassung Hayeks den Wert einer Firma auch ohne die internationalen Berichtstandards analysieren. Dass seit der Finanzkrise so viele Banken vor der Pleite gerettet werden mussten, hätten auch die internationalen Berichterstattungsstandards nicht verhindert.

Erstellt: 06.02.2013, 18:31 Uhr

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IFRS und Swiss GAAP FER

International Financial Reporting Standards (IFRS) sind internationale Rechnungslegungsgrundsätze für weltweit tätige Konzerne. Sie orientieren sich an den amerikanischen Bilanzierungsgrundsätzen. Durch eine internationale Rechnungslegung und damit internationale Harmonisierung der Rechnungslegung soll eine Vergleichbarkeit beziehungsweise Interpretierbarkeit der Jahresabschlüsse weltweit agierender Unternehmen erreicht werden.

Mit Swiss GAAP FER steht hiesigen Unternehmen eine auf Schweizer Verhältnisse angepasste Rechnungslegungsvorschrift zur Verfügung, die im Inland anerkannt ist.

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