Herr Lütolf, ist das nicht Erpressung der Aktionäre?

Der Präsident von Meyer Burger über den Streit mit dem grössten Aktionär Sentis und zwei mutmassliche Interessenkonflikte seines Vorgängers

«Ich habe zu wenig Zeit, um mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen»: Verwaltungsratspräsident Remo Lütolf. Foto: Paolo Dutto

«Ich habe zu wenig Zeit, um mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen»: Verwaltungsratspräsident Remo Lütolf. Foto: Paolo Dutto

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Herr Lütolf, an der ausserordentlichen Generalversammlung vom 30. Oktober lehnen Sie die Wahl eines Vertreters des grössten Aktionärs Sentis in den Verwaltungsrat ab, weil damit Interessenkonflikte entstehen würden. Das ist doch absurd: In fast allen börsenkotierten Firmen sitzen die grossen Aktionäre im Verwaltungsrat.
Sentis ist kein stiller Teilhaber, sondern handelt aktiv mit Meyer-Burger-Aktien und derivativen Produkten. Das wirft die Frage von Insiderhandel und Interessenkonflikten auf. Dieses Risiko müssen wir gegenüber den Aktionären aufzeigen.

Worin soll das Risiko bestehen?
Würde Sentis-Vertreter Mark Kerekes in den Verwaltungsrat kommen, wo wir fast im Wochentakt intensiv strategische ­Projekte besprechen, wäre er voll eingebunden. Auf der anderen Seite ist er zusammen mit ­Anton Karl Co-Geschäftsführer von Sentis. ­Daran will er nach eigener Aussage nichts ändern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da eine Trennung des Informationsflusses sichergestellt werden kann, sodass keine Interessenkonflikte entstehen.

Das ist doch eine Vorverurteilung. Kerekes wäre an die gesetzliche Schweigepflicht gebunden. Wenn er sie bricht, könnten Sie ihn verklagen.
Es ist keine Vorverurteilung, sondern nur eine Risikobeurteilung. Wir sind verpflichtet, das so zu erwähnen. Wir sind zudem gegen die Wahl von Herrn Kerekes, weil er keine genügenden Qualifikationen mitbringt, um im Verwaltungsrat Einsitz zu nehmen. Und weil bei Sentis agitatorische Züge im Gang sind.

Sie übertreiben.
Nein. Sentis agitiert gegen den Verwaltungsrat und gegen frühere Verwaltungsratsmitglieder und hat sich mit anderen aktivistischen Aktionären zu einer ­Aktionärsgruppe zusammengeschlossen. Eines ihrer Mitglieder hat eine Strafanzeige gegen ­frühere Verwaltungsräte eingereicht, die absolut unfundiert ist. Zudem hat Sentis den Rücktritt unseres Konzernchefs Hans Brändle verlangt.

Können Sie das beweisen? Sentis behauptet, das stimme nicht. Man habe nur Kritik an Brändle geäussert, aber nicht seinen Rücktritt gefordert.
Wir haben das an einer Telefonkonferenz mit Sentis vernommen, in der sie ­Brändles Rücktritt forderten. Sentis verkennt, welche matchentscheidende Rolle er im Turnaround hat, in dem wir uns befinden. Er hat nicht nur ein ausserordentliches Verständnis der Solartechnologie, er ist auch exzellent vernetzt im Markt. Ohne ihn wäre die Zusammenarbeit mit unserem neuen Hauptkunden, der Solarfirma REC, nicht zustande gekommen.

Brändle hat angekündigt, er trete zurück, falls der Sentis-Vertreter in den Verwaltungsrat gewählt wird. Haben Sie das von ihm verlangt?
Nein, das ist seine persönliche Entscheidung. Er fühlt sich derart angegriffen und verunglimpft durch Sentis, dass er sich nicht vorstellen kann, in einer solch entscheiden­den Phase ohne Vertrauen mit so ­jemandem zusammenzuarbeiten.

Wieso lassen Sie seine Rücktrittsandrohung zu? Das ist doch eine Erpressung der Aktionäre.
Herr Brändle ist frei, zu entscheiden, wo er arbeitet. Es ist unsere Pflicht als Verwaltungsrat, die Aktionäre über ein solch fundamentales Risiko zu informieren.

Als weiteres Argument gegen Mark Kerekes behaupten Sie, dem russischen Sentis-Eigentümer Petr Kondrashev drohten Sanktionen, weil er auf der «Putin-Liste» der US-Regierung steht. Doch die Liste ist bloss ein Auszug aus dem Magazin «Forbes» über die reichsten Russen und gibt laut US-Finanzministerium keinerlei Anzeichen über künftige Sanktionen. Also ein faules Argument.
Nein, das ist nicht richtig. Tatsache ist, dass einige Oligarchen und Politiker aus dem Umfeld von Präsident Putin, die auf dieser Liste stehen, in den Sanktionsstatus erhoben worden sind. Und Tatsache ist, dass die Sanktionen schweizerische Firmen in Bedrängnis brachten. Ein Beispiel ist Viktor Vekselberg, der sich als Hauptinvestor von Oerlikon zurückziehen musste. Das brachte die Firma in erhebliche Schwierigkeiten. Wir beurteilen die Gefahr als ziemlich gross, dass die US-Regierung weitere Leute aus dieser Liste in den Sanktionsstatus erhebt, wenn es zu einer neuen politischen Eskalation mit Russland kommt. Dieses Risiko müssen wir aufzeigen. Wir ­habenvon US-Kunden entsprechende Bemerkungen zu Sentis erhalten.

«Es gibt keine Anhaltspunkte, dass der frühere Verwaltungsrat seine Verantwortung vernachlässigt hat.»Remo Lütolf

Nämlich?
Dass sie beunruhigt sind, dass russische Aktionäre plötzlich bei Meyer Burger die Fäden ziehen würden. Gerade jetzt, da wir mithelfen wollen, dass die Solarindustrie wieder in den USA und in Europa Fuss fasst, müssen wir das ernst nehmen.

Die Berner Staatsanwaltschaft für die Verfolgung von Wirtschaftsdelikten hat wegen des Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung eine Untersuchung gegen unbekannt eröffnet. Sie bezeichneten diesen Verdacht als «haltlos». Wie kommen Sie darauf? Immerhin besteht in den Augen der Staatsanwaltschaft ein hinreichender Tatverdacht.
Das muss noch nicht viel bedeuten. Jedermann kann eine Strafanzeige machen. Das hat einer unserer Aktionäre, Elysium Capital, gemacht. Der Staatsanwalt muss eine solche Anzeige an die Hand nehmen, wenn sie nicht auf den ersten Blick völlig ungerechtfertigt erscheint. Sonst würde er ­seine Pflicht nicht wahrnehmen.

Meyer Burger selbst ist nicht beschuldigt. Wäre es da nicht angebracht, zumindest eine neutrale Haltung einzunehmen, solange die Staatsanwaltschaft den Fall prüft?
Wir wurden von der Staatsanwaltschaft gebeten, eine Stellungnahme abzugeben. Das haben wir gemacht, in einer ausführlichen Antwort, die die Anwaltskanzlei Homburger für uns verfasst hat. Da kommt klar zum Ausdruck: Die Vorwürfe sind ­haltlos. Es gibt keine Anhaltspunkte, dass der frühere Verwaltungsrat seine Verantwortung vernachlässigt hat. Es ist unsere Pflicht, die ­Fakten so zu kommunizieren, wie sie sind.

Die Strafanzeige richtet sich gegen den ehemaligen Verwaltungsrat um den Ex-Präsidenten Alexander Vogel. Er schanzte sich im Zusammenhang mit der Beteiligung an Oxford PV ein bedeutendes Aktienpaket zum Rabatt von 11 Prozent zu, während andere Aktionäre kein Bezugsrecht erhielten. Finden Sie sein Verhalten in Ordnung?
Der ganze Prozess lief ausserhalb von ­MeyerBurger ab. Die Firma Oxford PV liess ihre Aktien durch die Credit Suisse platzieren. Die Bank sprach die grössten Aktionäre an. Herr Vogel ist einer davon. Es ist ganz normal, dass er als einer der Hauptaktionäre auf dieser Liste war, und er hat sich engagiert, um Meyer Burger zu stützen. Auch Sentis hat sich da engagiert.

An der letzten Generalversammlung deckte Sentis auf, dass Meyer Burger der Anwaltskanzlei von Alexander Vogel, Meyerlustenberger Lachenal, zwischen 2005 und 2018 Aufträge im Wert von 8,3 Millionen Franken erteilte. Sehen Sie darin keinen Interessenkonflikt?
Ich will das nicht beurteilen. Das ist lange vor meiner Zeit passiert. Die Mandate wurden vom Management vergeben, nicht vom Verwaltungsrat.

Wieso wollen Sie es nicht beurteilen? Sie geben damit kein Signal, dass Sie mit dem Selbstbedienungsladen Meyer Burger aufräumen.
Weil ich nicht dabei war. Ich habe im Moment zu wenig Zeit, um mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Wir sind in einer herausfordernden Turnaround-Situation mit der Zukunft beschäftigt, und ich möchte darauf fokussieren. ­Ressourcen in die Vergangenheit zu investieren, bringt der Firma nichts. Ich kann nur sagen: Ich mache das anders. Wir schauen, dass in Zukunft solche Konstellationen nicht mehr auftreten, dass jemand vielleicht zu nahestehend ist.

Erhält Meyerlustenberger Lachenal immer noch Aufträge von Meyer Burger?
Im Halbjahresbericht steht, dass sich die erbrachten Leistungen bis zum 2. Mai auf 0,3 Millionen Franken beliefen. ­Meines Wissens gibt es seither keine neuen Mandate an Meyerlustenberger Lachenal.

Sie werfen Ihrem grössten Aktionär einen Interessenkonflikt vor, distanzieren sich jedoch in keiner Weise von Ihrem Vorgänger, der gleich in zwei mutmassliche Interessenkonflikte verstrickt ist. Wieso diese auffällige Nähe? Wieso machen Sie keinen klaren Schnitt mit der Vergangenheit?
Es ist nicht meine Aufgabe, ­Vorkommnisse aus der Vergangenheit zu kommentieren. Ich war da schlicht nicht dabei und habe zu wenige Informationen, um es persönlich zu beurteilen. Aber wir haben einen klaren Schnitt gemacht und sind das ­Thema Corporate Governance neu angegangen. Es hat für uns hohe Bedeutung. Wir halten alle Gesetze ein und führen das Unternehmen mit ethischer Verantwortung.

Aus welchen konkreten Schritten besteht der Schnitt mit der Vergangenheit?
Wir haben im Verwaltungsrat zum Beispiel verschärfte Regeln für den Eigenhandel mit Aktien von Meyer Burger beschlossen. Unmittelbar nach der Generalversammlung haben wir das auch gegenüber den ausscheidenden Verwaltungsratsmitgliedern klargestellt.

Meyer Burger zahlte Gehälter und Boni in Millionenhöhe, während das Unternehmen Verluste schrieb und viele Mitarbeiter ihre Stelle verloren. Gehört zum klaren Schnitt auch Zurückhaltung bei den Managementlöhnen?
Wir haben die gesamte ­Vergütungssumme markant gesenkt. Die Konzernleitung ­wurde von fünf Mitgliedern auf drei verkleinert, der Verwaltungsrat von sieben auf vier. Das ist ein Zeichen, dass wir das Thema Vergütung ernst nehmen.

Erstellt: 21.10.2019, 10:25 Uhr

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