Hoteliers investieren in Airbnb-Konkurrenten

Auf die Abwehr folgt eine Umarmungsstrategie: Grosse Hotelketten beteiligen sich an Onlineplattformen, über die Private ihr Haus oder ihre Wohnung kurzfristig vermieten.

Den meisten Schweizer Hoteliers fehlt laut Experten eine Strategie, die Generation Y abzuholen: Touristin sucht Unterkunft im Wallis.

Den meisten Schweizer Hoteliers fehlt laut Experten eine Strategie, die Generation Y abzuholen: Touristin sucht Unterkunft im Wallis. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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Zwei grosse US-Hotelketten wollen nicht mehr länger tatenlos zusehen, wie ihnen Onlineplattformen wie Airbnb das Wasser abgraben. Die Hyatt-Gruppe investiert in das Start-up Onefinestay, das vorab in London, New York, Paris und Los Angeles luxuriöse Privatwohnungen und -häuser vermittelt. Hyatt beteiligte sich zusammen mit dem Chiphersteller Intel und verschiedenen Wagniskapitalgebern an der aktuellen Finanzierungsrunde. Sie brachte dem vor fünf Jahren gegründeten Unternehmen umgerechnet rund 37 Millionen Franken ein.

Die Wyndham-Hotelgruppe, zu der Marken wie Ramada oder Travelodge gehören, übernahm derweil für einen zweistelligen Millionenbetrag Anteile von Lovehomeswap. Über diese Site tauschen Private ihr Heim: meine Wohnung in Zürich gegen ein hübsches Häuschen bei Avignon oder sonst wo – simultan in den Ferien oder zeitversetzt.

Zugang der Hoteliers zu internetaffinen Zielgruppen

Die Logik hinter den Beteiligungen ist nicht in erster Linie finanziell. Es besteht zwar eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich das Investment in die Sharing Economy dereinst auszahlt. Marktführer Airbnb zum Beispiel, der im laufenden Jahr umgerechnet über 800 Millionen Franken Umsatz erwartet, wird von Investoren derzeit mit rund 24 Milliarden Franken bewertet.

Wichtiger ist, dass beide Seiten voneinander lernen können. Die Start-ups profitieren von der Branchenerfahrung der alten Profis in der Beherbergungsindustrie und finden womöglich auch neue Nutzer. Umgekehrt schaffen sich die traditionellen Hoteliers einen Zugang zu den oft jungen, internetaffinen Kunden, dem Nachwuchs für ihre eigene Klientel.

Hotelleriesuisse zeigt kein Interesse

Der Branchenverband Hotelleriesuisse hält indes wenig von der neuen Umarmungsstrategie von Hyatt und Wyndham. «Was diese Hotelketten oder Schweizer Hoteliers mit ihrer Liquidität planen, ist deren unternehmerische Entscheidung. Darüber können wir keine Aussagen machen», sagt Thomas Allemann, Leiter Mitglieder. Hingegen legt der Verband Wert darauf, den Wildwuchs der jungen Konkurrenz einzudämmen. Hotelleriesuisse sei der Ansicht, dass die Vermittlungsportale und damit die «neuen» Anbieter von Beherbergungsdienstleistungen bei Gebühren, Hygienevorschriften und weiteren Schlupflöchern mit gleich langen Spiessen behandelt werden müssten.

«Strategie fehlt, um Generation Y abzuholen»

Derweil bereuen auch europäische Player, dass sie die neuen Plattformen zu lange nur als Gefahr statt auch als Chance eingestuft haben. Er bedaure es, nicht in Airbnb investiert zu haben, bekannte Sébastien Bazin, Chef der französischen Hotelkette Accor, Mitte Juni an einer Branchenveranstaltung des Digiworld-Instituts in Paris.

In der Schweiz ist diese Botschaft noch nicht angekommen, wie eine neue Studie des Beratungsunternehmens Deloitte zeigt. «Aufgefallen ist, dass den meisten Hotels eine klare Strategie fehlt, um die immer wichtiger werdende Generation Y abzuholen», stellt Stefan Lagana, Leiter Hospitality Industry von Deloitte in der Schweiz, fest. Für die Studie wurden die Eigentümer und Manager von 32 Hotelbetrieben im Luxus-, Mittelklasse- und Historic-Segment in der ganzen Schweiz befragt.

Nur eine Minderheit will soziale Medien nutzen

78 Prozent schätzten die Zukunft negativ oder leicht negativ ein. Mit verschiedenen Massnahmen versuchen sie, Gegensteuer zu geben. So versuchen manche, neue Zielmärkte zu erschliessen und Kunden in China, Brasilien, dem Nahen Osten sowie den USA geografisch zu gewinnen oder ihre Angebote in den Gesundheitstourismus zu erweitern. Wie man die jüngere Generation ansprechen will, ist vielen aber nicht wirklich klar. Zumeist versuche man, implizit die jungen Mitglieder von Familien zu erreichen, die bereits Stammgäste seien, hält die Studie fest. 56 Prozent planen nicht einmal Investitionen in soziale Medien während der nächsten fünf Jahre. Die Minderheit, die da aktiv werden will, möchte hauptsächlich Instagram oder Twitter nutzen.

Interessante Zielgruppe für gehobene Hotellerie

Direkter wäre der Zugang zur Generation Y auf Sharing-Plattformen. Sie werden nicht nur von Billigtouristen genutzt, für die herkömmliche Hotels zu teuer und damit uninteressant sind. Auch Gäste mit gehobenen Ansprüchen nutzen solche Angebote. Onefinestay spricht eine wohlhabende Kundschaft an und bietet einen luxuriösen, hotelähnlichen Service. Dazu gehört eine Reinigung durch Onefinestay-Angestellte vor und nach dem Aufenthalt. Auch die Bettwäsche stellt das Start-up zur Verfügung. Es rüstet das Bad mit Toilettenartikeln wie in einem Hotel aus, stellt den Gästen iPhones mit lokaler SIM-Karte und einen Concierge-Service zur Verfügung und liefert brav die fälligen Kurtaxen und ähnliche Gebühren ab, wofür es die Hälfte der Miete der Gäste einkassiert.

Eine Beteiligung an solchen Modellen könnte auch in Gegenden mit Zweitwohnungen im gehobenen Bereich erfolgversprechend sein, beispielsweise in St. Moritz. Das eine Mal wählt ein Gast über die Plattform vielleicht die Privatwohnung, das nächste Mal das Kempinski, Kulm oder Palace. Thomas Allemann von Hotelleriesuisse sieht die Sharing-Plattformen eher als eine «Ergänzung des touristischen Angebotes», etwa durch die Kompensation fehlender Bettenkapazitäten bei Grossanlässen oder das Akquirieren von spezifischen Touristengruppen, die sonst nicht in die Schweiz reisen und hier zu einer höheren Bruttowertschöpfung im Tourismus beitragen würden. Der Einstieg von Hyatt und Wyndham ändere grundsätzlich nichts an der Haltung von Hotelleriesuisse zu Airbnb und anderen Plattformen der Sharing Economy in der Beherbergungsbranche, hält er fest. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.06.2015, 19:57 Uhr

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