Iberia-Beschäftigte kämpfen um 3800 Jobs

Die spanische Fluggesellschaft Iberia erlebt den grössten Streik in ihrer Geschichte. Es geht um Stellenabbau und drastische Lohnsenkungen – nicht die erste Rosskur für die ehemals staatliche Airline.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Fusion mit British Airways im Jahr 2010 sollte der spanischen Fluggesellschaft Iberia eigentlich aus der Patsche helfen. Damals war in der Wirtschaftswelt vor allem von den Synergien die Rede, von denen beide Fluggesellschaften profitieren sollten. Der Zusammengang sollte jährliche Einsparungen in Höhe von 400 Millionen Euro bringen. Über fünf Jahre rechnete der damalige BA-Chef Willie Walsh mit Einsparungen von zwei Milliarden Euro.

Dass solche Sparübungen an den Angestellten nicht spurlos vorbeigehen würden, war den spanischen Beschäftigten schon damals klar. In zähen Verhandlungen versuchten die Gewerkschaften beim Management und den britischen Fusionspartnern herauszuholen, was herauszuholen war.

Lohnkürzungen zwischen 25 und 60 Prozent

Iberia war 2009 zwar zum ersten Mal seit 13 Jahren in die roten Zahlen geflogen, doch auch British Airways machte im Jahr vor dem Zusammengang mit Iberia ein Minus von 460 Millionen Euro. Das Management verordnete Sparübungen und weitere Umstrukturierungen. Im letzten Frühjahr streikte die spanische Pilotengewerkschaft Sepia gegen die Gründung der Billig-Airline Iberia Express und eine Zweiklassengesellschaft bei den Beschäftigten. Dass Iberia Express im März 2012 dennoch abhob, konnten die streikenden Piloten nicht verhindern.

Der jetzige Streik, der Piloten, Flugbegleiter und Bodenpersonal mit einschliesst, richtet sich gegen weitere drastische Lohnsenkungen und den Abbau von 3800 Arbeitsplätzen bis 2015. In den spanischen Medien ist von Lohnsenkungen zwischen 25 und 35 Prozent die Rede. Gegenüber Reuters sprach eine Angestellte von Lohneinbussen bis zu 60 Prozent.

Dem Management werfen die streikenden Iberia-Angestellten vor, sich nicht mehr an die bei der Fusion mit der BA getroffenen Vereinbarungen zu halten. Angesichts der desaströsen Wirtschaftslage hätten Entlassene derzeit kaum Aussichten, wieder einen Arbeitsplatz zu finden.

Jeden Tag 1 Million Euro Verlust

Die hohe Staatsverschuldung und die desaströse spanische Wirtschaftslage sind es auch, die der Iberia seit der Fusion mit British Airways und der Integration in den Code-Sharing-Verbund One World in den letzten Jahren zusetzen. In den ersten neun Monaten 2012 machte Iberia einen Verlust von 262 Millionen Euro. Nach eigenen Angaben kommt mit jedem Betriebstag ein Minus von rund einer Million Euro hinzu. Aus Sicht des Managements sind drastische Einsparungen unumgänglich.

Noch in diesem Jahr will Iberia das Flugangebot um 15 Prozent reduzieren und die Flotte um 25 Maschinen verkleinern. Strecken, die weder rentabel noch strategisch wichtig sind, sollen ausgedünnt und das Personal entsprechend reduziert werden.

Nach einer ersten Verschlankungskur von 30'000 auf 22'000 Beschäftigte in den 90er-Jahren arbeiten bei Iberia, ihrer Regionaltochter Iberia Regional Air Nostrum und ihrer Billigtochter Iberia Express heute noch 20'000 Beschäftigte.

Garantierte Flüge auf die Kanaren

Der aktuelle Streik, dem im März zwei weitere fünftägige Kampfphasen folgen sollen, ist für die spanische Wirtschaft und insbesondere für den Tourismus sicher nicht hilfreich. In Grossbritannien, einem der Länder, aus denen ein Grossteil der Touristen anreist, sind diese Woche Schulferien. Familien, die ihre Ferien auf den Kanaren verbringen wollten, erleben Ärger und Unannehmlichkeiten. Doch die spanische Gesetzgebung zwingt streikende Airline-Beschäftigte, alle Flüge auf die Kanaren und Balearen und die Abwicklung der Hälfte der internationalen Flüge zu garantieren.

85 Prozent umgebucht oder entschädigt

Glaubt man den Zeitungsberichten aus Spanien, dürften sich die Verluste für die spanischen Tourismusdestinationen in Grenzen halten. Nach Angaben von «El País» konnten am Montag 85 Prozent der betroffenen Passagiere umgebucht werden oder wurden entschädigt.

Da auch das Iberia-Bodenpersonal streikt, streichen nach Angaben von «El País» auch die zu Iberia gehörenden Linien Vueling, Air Nostrum und Iberia Express in dieser Woche 800 Flüge. Bei Iberia selbst seien es etwa 400. Insgesamt werden im Laufe der Woche voraussichtlich 70'000 Fluggäste vom Streik betroffen sein und 40 Prozent aller geplanten Flüge ausfallen.

Erstellt: 18.02.2013, 19:50 Uhr

1200 Flüge gestrichen

Bei der spanischen Fluggesellschaft Iberia hat die grösste Streikwelle in der Geschichte des Unternehmens zur Absage von mehr als 1200 Flügen geführt. Allein am Montag musste die angeschlagene Airline zu Beginn der Arbeitsniederlegung 236 Flüge streichen (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete).

Die Gewerkschaften hatten die Beschäftigten des Boden- und Kabinenpersonals von Iberia aufgerufen, aus Protest gegen einen Sanierungsplan bis einschliesslich Freitag die Arbeit niederzulegen. Die Mitarbeiter wollen auch vom 4. bis zum 8. März sowie vom 18. bis zum 22. März streiken. Dann will sich auch die Pilotengewerkschaft Sepla dem Ausstand anschliessen.

Von den Absagen an den fünf Streiktagen dieser Woche sind laut Iberia rund 70'000 Passagiere betroffen. Davon seien 60'000 auf andere Maschinen umgebucht worden. Die übrigen 10'000 betroffenen Fluggäste erhielten ihr Geld zurück.

Auch Iberia-Töchter betroffen

Von den Absagen waren nicht nur Flugverbindungen von Iberia selbst betroffen, sondern auch von Tochtergesellschaften wie Vueling, Air Nostrum oder Iberia Express.

Der Streik führte auch in der Schweiz vereinzelt zu Flugausfällen. Die Behinderungen hielten sich aber in Grenzen. Am Flughafen Genf fiel am Montag einer von drei Iberia-Flüge aus. Am (morgigen) Dienstag sollen zwei Flüge ausfallen, dann bis Freitag täglich wieder einer.

Der Flughafen Zürich meldete am Montag keine Annullationen. Es gebe auch im Moment keine Hinweise, dass es in den nächsten Tagen zu Flugausfällen käme, sagte eine Sprecherin. Von und nach Basel verkehren keine Flugzeuge von Iberia.

Anordnungen eingehalten

Auf dem Madrider Flughafen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und der Polizei. Tausende Iberia-Mitarbeiter hatten auf den Zufahrtsstrassen einen grossen Verkehrsstau ausgelöst und waren in ein Abfertigungsgebäude eingedrungen. Die Polizei ging mit Schlagstöcken gegen die Streikenden vor.

Abgesehen von den Auseinandersetzungen in Madrid verlief der Streik auf den anderen spanischen Flughäfen ohne grössere Zwischenfälle. Die Regierung hatte die Aufrechterhaltung eines Mindestangebots angeordnet.

Danach mussten die Flugverbindungen mit den Inselgruppen der Balearen und Kanaren zu 100 Prozent abgewickelt werden. Für die internationale Flüge galt ein Satz von 50 Prozent. Die Streikenden hielten sich nach Angaben des Verkehrsministeriums an die Anordnung. (sda)

Artikel zum Thema

Schlagstöcke gegen Iberia-Streikende

Für ganze drei Wochen legt das Boden- und Kabinenpersonal der spanischen Fluggesellschaft die Arbeit nieder. 1220 Flüge müssen gestrichen werden. Es kam zu Scharmützeln mit der Polizei. Mehr...

Iberia streicht wegen Pilotenstreiks 91 Flüge

Die spanische Fluggesellschaft Iberia musste heute 91 Flüge absagen. Grund war ein gross angelegter Streik der Piloten. Sie haben Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Mehr...

Auf Höllenfahrt

Hintergrund 25 Prozent Arbeitslosigkeit, 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit: Wie verkraftet Spanien diese Krise? Der Familiensinn rettet das Land – vorerst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...