Hintergrund

Im Notfall sind Kleinsparer sicher

Wer bezahlt, wenn eine Grossbank in Schieflage gerät? Die Finma schildert in einem Positionspapier, wie das Notszenario aussieht. Und wie es den Sparer treffen könnte.

Die Banken haben in den vergangenen Jahrzenten ihr Eigenkapital systematisch reduziert: UBS-Hauptsitz an der Zürcher Bahnhofstrasse.

Die Banken haben in den vergangenen Jahrzenten ihr Eigenkapital systematisch reduziert: UBS-Hauptsitz an der Zürcher Bahnhofstrasse. Bild: Adrian Moser

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Die Schweizer Finanzaufsichtsbehörde Finma hat ein Positionspapier veröffentlicht. Darin erklärt sie, wie in Zukunft verhindert werden kann, dass systemrelevante Banken wie die UBS oder die CS im Krisenfall mit Steuergeldern gerettet werden müssen. Kernpunkt dabei ist ein sogenanntes Bail-in. Das bedeutet, dass bei einem Kollaps Aktionäre, Obligationäre und Sparkonto-Inhaber in dieser Reihenfolge zu Kasse gebeten werden.

Das Finma-Papier kann missverstanden werden und zu falschen Schlüssen führen. So verbreitet der Finanzblog «Inside Paradeplatz» Panik. 300 Milliarden Franken Spargelder könnte die Finma konfiszieren, wenn die beiden Schweizer Grossbanken in Schwierigkeiten geraten würden. Schweizer Kleinsparer müssten «für eine Schieflage von UBS oder CS zahlen», wird gewarnt. Das klingt spektakulär, ist jedoch falsch.

Zunächst zum Grundsätzlichen: Wer sein Geld auf die Bank trägt in der Absicht, dass er dafür eine Rendite erhält, der geht ein Risiko ein. Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Irrglauben sind auch Spargelder nicht per se sicher. Das Risiko ist aber abgestuft.

Das grösste Risiko tragen die Aktionäre. Sie liefern den Banken das Eigenkapital und erhalten dafür eine Dividende. Zusätzlich profitieren sie bei einem guten Geschäftsgang vom Kursgewinn der Aktien. Dann folgen die Obligationäre. Wer eine Kassenobligation zeichnet, der stellt sein Geld der Bank für eine bestimmte Laufzeit zur Verfügung. Als Gegenleistung erhält er einen Zins, der höher ist als bei einem Sparkonto. Auf dem Sparkonto ist das Geld dafür liquid, es kann jederzeit wieder abgehoben werden.

Wer absolut sicher sein will, dass er sein Geld auf jeden Fall zurückerhält, muss bei der Bank ein Depot mieten. Dafür erhält er aber keinen Zins und muss eine Gebühr bezahlen. Kleinsparer brauchen dies allerdings nicht: Guthaben bis zu 100 000 Franken sind durch einen Einlageschutz gesichert. Dieser Schutz ist als Folge der Ereignisse in der Grossen Depression der 30er-Jahre entstanden. Damals kam es immer wieder zu Bank-Runs. Kleinsparer stürmten die Bank und wollten ihr Geld zurück. Weil auch eine gesunde Bank immer den grössten Teil dieses Geldes ausgeliehen hat, geht jedes Institut bei einem Run pleite. Mit dem Einlageschutz konnte diese Gefahr eingedämmt werden.

Die grosse Schwachstelle

Die jüngste Finanzkrise hat eine ganz andere Schwachstelle ans Tageslicht befördert: die «too big to fail»-Problematik. Der Kollaps von Lehman Brothers hat gezeigt, dass der Untergang einer systemrelevanten Bank das gesamte Finanzsystem zum Einstürzen bringen kann. Der Grund liegt darin, dass die Banken extrem eng miteinander verzahnt sind. Die Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.

Diesen Umstand haben die Banken zu ihren Gunsten ausgenutzt. Im Wissen um ein todsicheres «Bail-out», dem Umstand, dass sie auf jeden Fall vom Steuerzahler gerettet werden müssen, haben sie ihr Eigenkapital systematisch reduziert. Während normale Unternehmen eine Eigenkapitalquote zwischen 30 und 50 Prozent halten, sank diese Quote bei den Banken weit unter 10 Prozent. Bei der UBS beispielsweise lag die sogenannte Leverage Ratio, das Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme, vor der Krise unter 2 Prozent.

Keine Bank käme auf die Idee, einem derart schwach kapitalisierten Unternehmen Kredite zu erteilen. Warum aber halten sie selbst ihre Eigenkapitalquote so tief? Der Grund liegt bei der Eigenkapitalrendite, meist ROE abgekürzt (Return on Equity). Je tiefer das Eigenkapital, desto höher der ROE und je höher der ROE, desto höher die Boni der Banker. Die «too big to fail»-Problematik erlaubt den Bankern eine für sie höchst vorteilhafte Wette. Sie lautet: «Bei Kopf gewinnen wir, bei Zahl verliert der Steuerzahler.»

Das «Bail-out» der Banken hat nach der Krise jedoch auch nicht gewollte, politische Konsequenzen gehabt. Rund um den Globus erzürnten sich die Menschen. Warum werden die Banker mit Hunderten von Milliarden gerettet, während die Kleinen bluten müssen? Die Antwort liegt im «Bail-in». Nicht mehr der Steuerzahler, sondern die Gläubiger der Bank sollen im Krisenfall die Geldinstitute retten, auch diejenigen, die systemrelevant, also «too big to fail» sind. Im Fall von Zypern ist dieses Modell in der Praxis durchgespielt worden.

Zypriotische Banken hatten sehr wenig Eigenkapital und auch kaum Kassenobligationen. Dafür zahlten sie den Sparern sehr hohe Zinsen auf ihre Einlagen. Zu den wichtigsten Sparern gehörten reiche Russen. Sollten also deutsche Steuerzahler russische Millionäre retten? Niemals. Deshalb haben die Europäische Zentralbank und die EU dafür gesorgt, dass bei der Sanierung dieser Banken nicht nur Aktionäre und Obligationäre zur Kassen gebeten wurden, sondern auch die Sparer, allerdings erst, wenn ihre Sparsumme 100 000 Euro überstiegen hat. Die Finanzminister der EU haben dieses Vorgehen bei einem Treffen im Frühsommer ausdrücklich gebilligt, und die Finma schlägt es nun auch in ihrem Positionspapier vor.

Sonderfall unter den Firmen

Was bedeutet dies für die Schweizer Kleinsparer? Die meisten von ihnen sind sicher. Der durchschnittliche Betrag auf einem Sparkonto bei UBS und CS liegt bei 37 500 Franken. Dieses Geld ist dank dem Einlageschutz nicht gefährdet, und es ist deshalb nicht nachvollziehbar, wie «Inside Paradeplatz» zur Behauptung kommt, dass «Kleinsparer die Zeche für Grossbanken» bezahlen müssten. Grundsätzlich ist ein «Bail-in» einem «Bail-out» vorzuziehen. Es ist gerechter und sinnvoller, wenn die Gläubiger einer Bank und nicht die Steuerzahler im Schadensfall haften. Doch grundsätzlich ist es auch richtig, dass die Sparer möglichst gut geschützt werden müssen. Das bedeutet, dass die Banken ihr Eigenkapital erhöhen müssen, und zwar deutlich. Dies wiederum kann auf zwei Arten geschehen. Bei Basel III, einem Abkommen unter den Banken selbst, wird eine Eigenkapitalquote von 19 Prozent angestrebt, allerdings gewichtet. Das heisst, dass die Banken die Risiken selbst einschätzen und mit einem unterschiedlichen Mass an Eigenkapital unterlegen können. Dieses Verfahren ist umstritten, weil es erstens extrem kompliziert und zweitens manipulierbar ist.

Bankfachleute setzen daher auf die Leverage Ratio, das Verhältnis von Eigenkapital und Bilanzsumme. Diese beträgt bei den Schweizer Grossbanken gerade mal knappe 3 Prozent, viel zu wenig, wie auch die Schweizerische Nationalbank bemängelt hat.

Martin Hellwig, der wohl renommierteste Finanzprofessor Deutschlands, will weiter gehen. Er sieht nicht ein, weshalb nicht auch Banken wie alle anderen Unternehmen eine Eigenkapitalquote von mindestens 30 Prozent haben sollen. «Dagegen spricht überhaupt nichts», sagt er. Dafür hingegen sehr viel. Die kanadischen Banken beispielsweise, die eine viel höhere Eigenkapitalquote aufweisen, haben die Krise ohne Probleme gemeistert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2013, 12:26 Uhr

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