Jeans und T-Shirts kommen bald aus Europa

Modefirmen verlegen die Produktion zurück in nahe gelegene Länder – weil kürzere Wege mehr bringen als tiefere Lohnkosten.

Kommen bald vermehrt aus Europa: Jeans in einem Schweizer Kleidergeschäft.

Kommen bald vermehrt aus Europa: Jeans in einem Schweizer Kleidergeschäft. Bild: Keystone

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Wo unsere T-Shirts, Hemden, Blusen und Jeans genäht werden, ist leicht herauszufinden. Ein Blick auf das Etikett genügt: Made in Bangladesh, Pakistan oder China.

Ein Grossteil der Kleidung im tiefen und mittleren Preissegment stammt seit vielen Jahren aus Asien. Der Hauptgrund dafür: Die Löhne sind dort niedriger. Doch die Produktionsorte rücken wieder näher an Europa heran. Das zeigt eine neue Studie der Unternehmensberatung McKinsey. «Nearshoring» heisst der Trend.

Für die Studie berechnete McKinsey gemeinsam mit der RWTH Aachen und dem Digital Capability Center Aachen das Potenzial von Automatisierungstechnologien. Daneben wurden 188 Experten aus der Modeindustrie befragt. Das Resultat: Vier von fünf Beschaffungsmanagern in der Modebranche erwarten für die nächsten Jahre eine massive Verlagerung der Produktion weg von Überseeregionen, insbesondere Asien, hin zu europäischen beziehungsweise Mittelmeerländern.

Eine Jeans in der Türkei zu produzieren, kostet gemäss der Untersuchung drei Prozent weniger als in China, wenn man die Kosten für Transport und Einfuhr zusammenzählt. Denn die Lieferzeiten verkürzten sich extrem, sagt Studienleiter Karl-Hendrik Magnus. Modefirmen können so viel schneller auf Trends reagieren und Kollektionen anpassen. Ein Kleidungsstück aus Südostasien ist bis zu 30 Tage mit dem Schiff unterwegs, bevor es im Westen in den Laden kommt – der Transport aus der Türkei dauert hingegen nur drei bis sechs Tage.

Je schneller die Mode im Laden ist, desto besser

Einkaufen ist für viele Menschen ein Zeitvertreib. Manch einer schlendert fast jede Woche durch Boutiquen und sucht nach neuen Trends. Die Detailhändler haben auf dieses Verhalten reagiert. Viele Modeketten wie H&M bieten darum jede Woche neue Kleider an. Ist trendige Mode rasch im Laden, kann mehr zum vollen Preis ohne Rabattaktionen verkauft werden.

Ein zusätzlicher Schub für die Produktion in Europa wird die Automatisierung sein. Noch hinkt die Bekleidungsindustrie in diesem Bereich anderen Branchen hinterher. Doch inzwischen sind einige Technologien marktreif, beispielsweise Roboter und Lasertechnologien zur Bearbeitung von Jeans. Laut der Studie könnten in den nächsten zehn Jahren bei komplizierter Kleidung durch Automatisierung 40 Prozent der Arbeitszeit eingespart werden – bei simplen Stücken bis zu 70 Prozent. Das Herstellen einer einfachen Jeans könnte laut McKinsey statt derzeit 36 Minuten nur noch 11 Minuten dauern.

Ein weiterer Vorteil von Nearshoring: Die Umweltverschmutzung sinkt. Denn es ermögliche mehr Produktion nach Nachfrage, sagt McKinsey-Experte Magnus. «Das hat weniger Bekleidungsmüll zur Folge.» Er geht davon aus, dass bis 2025 Nachhaltigkeit ein Hauptgrund für Modekunden sein wird, ein Produkt zu kaufen.

Diesen Trend bestätigt Manuela Beer, Chefin von PKZ. «Die Kunden achten vermehrt darauf, woher die Produkte stammen.» Sie erkundigten sich oft, ob die Ware in Europa hergestellt werde. PKZ produziere Strickwaren, Hemden, Anzüge und Jacken der Eigenmarken Paul Kehl und Paul darum vermehrt in Europa, und zwar in Italien, Portugal und Osteuropa.

Der Produktionsstandort Europa erlaube es auch, auf Wetterschwankungen zu reagieren, sagt Beer. Ein weiterer Vorteil sei, dass man die Produktionsbedingungen besser kontrollieren könne. Denn die Konkurrenz wird härter. Die Modefirmen überprüfen deshalb ihre Prozesse. Alles muss schneller gehen, und man will die Qualität besser sichern. Auch Luxuslabels wie Prada, Gucci oder Louis Vuitton produzieren mehrheitlich in europäischen Ländern.

Pascal Weber, Sprecher der Modehauskette Chicorée, betont: «Unsere Hauptproduktionsländer sind nach wie vor China und Bangladesh. Die Produktion verschiebt sich aber wieder stärker zurück nach Europa.» Inzwischen produziert Chicorée über 30 Prozent der Kleider in Italien, Griechenland oder der Türkei. Auch die Warenhäuser Manor und Globus stellen ihre Eigenmarken vermehrt in Europa her.

Calida produziert zu 80 Prozent in Europa

Die Modekette H&M erhöht kontinuierlich den Anteil europäischer Lieferanten, wobei noch immer 80 Prozent der Ware aus Asien bezogen werden. Beim Schweizer Unternehmen Calida hingegen beträgt der europäische Produktionsanteil schon jetzt mehr als 80 Prozent der Gesamtproduktion. Dieser soll weiter ausgebaut werden.

Andere Schweizer Modelabels sind noch weiter. Das St. Galler Modehaus Akris produziert vor allem in Zürich und Mendrisio. Und der Unterwäschehersteller Zimmerli hat eine eigene Manufaktur im Tessin. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.11.2018, 11:41 Uhr

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