Jede Tragtasche soll künftig kosten

Der Bund will deutlich über das angekündigte Verbot der Wegwerfsäckli an den Ladenkassen hinausgehen. Die Konsumenten sollen bald für alle abgegebenen Mehrwegsäcke bezahlen.

Säcke wie diejenigen, die der Kleidermulti H & M gratis abgibt, sollen kostenpflichtig werden. Foto: Balint Porneczi / Bloomberg.

Säcke wie diejenigen, die der Kleidermulti H & M gratis abgibt, sollen kostenpflichtig werden. Foto: Balint Porneczi / Bloomberg.

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Was als Raschelsäckliverbot bei Migros und Coop angefangen hat, könnte für den gesamten Detailhandel Folgen haben: Geht es nach dem Bundesamt für Umwelt (Bafu), dürfen Detailhändler wie Globus, H & M oder die Bäckerei ums Eck ihre Waren künftig nur noch dann in eine Tragtasche packen, wenn der Kunde dafür auch zahlt.

So stellt sich die Behörde die Umsetzung der sogenannten Motion De Buman vor. Diese hatte ursprünglich zum Ziel, die Verschmutzung durch Wegwerfsäcke zu stoppen, wie sie Lebensmittelverkäufer an der Kasse gratis abgeben. Der Vorschlag, den das Bafu letzte Woche den Ansprechpartnern vorgestellt hat, geht deutlich weiter. Neben dem Verbot für Einwegtaschen sollen neu alle Mehrwegtaschen, egal aus welchem Material, etwas kosten. «Damit wollen wir die mehrfache Nutzung von Säcken fördern», sagt eine Bafu-Sprecherin. Ein Schlupfloch lässt die Behörde derzeit offen: Die Gratisabgabe von Mehrwegsäcken soll dann möglich bleiben, wenn auf die mehrfache Verwendung hingewiesen wird.

Konsumentenorganisationen laufen Sturm gegen den neuen Vorschlag: «Es ist sowieso schon unverständlich, wieso Details wie Raschelsäckli geregelt werden müssen», sagt Michel Rudin vom Konsumentenforum. «Umso mehr ärgert es, dass das Bafu über die Motion hinausgehen und die Konsumenten noch stärker zur Kasse bitten will.»

Kleinere befürchten Nachteile

Auch bei Textilketten und kleineren Detailhändlern wird das Thema heiss diskutiert. Öffentlich äussern dazu mag sich derzeit aber kaum jemand. Alle betonen, wie wichtig ihnen das Thema Nachhaltigkeit ist. Ob Kunden es allerdings goutieren, plötzlich für den Sack zu bezahlen, über dieser Frage scheiden sich die Geister. «Kleineren Geschäften, besonders aber auch dem Textilhandel, werden so im Konkurrenzkampf mit grossen und mit dem Ausland weitere Nachteile aufgebürdet», sagt Adrian Wyss, Geschäftsführer von Swiss Retailfederation, dem Verband mittlerer Detailhändler. Wyss würde einer Branchenvereinbarung den Vorzug geben. «Wir sind mit dem Gewerbeverband daran, eine solche Lösung zu prüfen.»

Unter den kleineren Detail- und Textilhändlern ist klar, dass die grossen diesen Vorschlag gebracht und unterstützt hätten. Diese surften auf der grünen Welle, sagt einer, der anonym bleiben will. Für die grossen Detailhändler seien kostenpflichtige Säcke heute schon Realität und deshalb kein Problem.

Die grossen Händler hingegen wollen sich nicht zur Plastiksack-Frage äussern. Die Interessengemeinschaft Detailhandel Schweiz, die Coop, Migros, Manor und andere Branchengrössen vertritt, sagt, man könne mit einer kostenpflichtigen Abgabe leben. «Mit einer Kostenpflicht kann verhindert werden, dass Plastiksäcke überhaupt verboten werden», sagt Sprecher Patrick Marty. Denn eine noch rigidere Regelung wolle die IG Detailhandel nicht. Dass die Kostenpflicht Wirkung habe, zeige ein Versuch der Migros Waadt, so Marty. Diese verlangt seit letztem Herbst 5 Rappen pro Wegwerfplastiksack. Der Verbrauch sei dadurch in einem halben Jahr um eine Million Säcke oder 94 Prozent gesunken.

Das Engagement für das konventionelle Plastik ist einfach erklärbar: Die ­Säcke sind mit Abstand die günstigste ­Variante und nehmen an der Kasse am wenigsten Platz weg. Es geht einigen Händlern aber auch darum, Bioplastik zu verhindern. «Bioplastik hat keine bessere Ökobilanz als konventionelles Plastik, zudem konkurrenziert es, je nach verwendeten nachwachsenden Rohstoffen, den Nahrungsmittelanbau», sagt Marty.

Der Gewerbeverband will wegen der Ökobilanz des Plastiks denn auch eine ganz neue Vorgehensweise bei der Umsetzung der Motion. «Wir fordern, dass sie durch eine Gesetzesänderung geregelt wird und nicht, wie bisher vorgesehen, durch eine Verordnungsänderung», sagt Henrique Schneider, Verantwortlicher für Wirtschaftspolitik beim Verband. Eine neue Ökobilanzstudie der Empa habe nämlich ergeben, dass Plastik­taschen aus rezykliertem Material verglichen mit anderen Varianten am besten abschnitten, auch wenn die Konsumenten sie nach einmaligem Benützen wegwerfen würden. «Diese Einsicht verlangt eine Gesetzesänderung – und nicht mehr nur eine Verordnungsänderung», sagt Schneider. Er hofft, dass sich Detailhändler seiner Forderung anschliessen. Das Geschäft müsste so noch mal durchs Parlament, das auf das Verbot der Raschelsäckli zurückkommen könnte.

Ob Schneiders Taktik aufgeht, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Die Anspruchsgruppen haben bis Mitte November Zeit, Stellung zu den Umsetzungsvarianten zu nehmen. Anfang des nächsten Jahres soll dann eine Anhörung stattfinden. Überlebt das Raschelsäckliverbot das politische Gezänk, wird es Anfang 2016 eingeführt.

Erstellt: 05.11.2014, 23:31 Uhr

Bioplastik

Auf den Kompost oder nicht?

Auch mit der Formulierung des Verbots von Einwegsäcken sorgt das Bafu für Unmut. Es schlägt vor, alle Einwegsäcke zu verbieten, die ganz oder teilweise aus fossilen Rohstoffen bestehen. Damit fördere das Amt indirekt Bioplastiksäcke, sagen Kritiker. Doch das Angebot an Säcken, die keine fossilen Rohstoffe enthalten, ist noch sehr klein. Unterschiedlicher Meinung ist man zudem über die Entsorgung von Bioplastik. Geht es nach dem Bund, dürften gar keine Biosäcke auf dem Kompost landen. Auf einer entsprechenden Liste von biogenen Abfällen ist Bioplastik jedenfalls nicht zu finden. Sogar Compobags für Speiseabfälle, deren Kompostierbarkeit weitherum anerkannt ist und sich in der Praxis bewährt, will der Bund nicht zulassen. Die nötigen Daten über die Auswirkungen würden fehlen, lautet die Begründung. Eine dazu in Auftrag gegebene Studie soll im nächsten Herbst Aufschluss bringen.

Gemäss dem Kompostverband gibt es aber durchaus Bioplastiksäcke, wie eben die Compobags, die biologisch komplett abbaubar sind. Probleme entstünden bei der Kommunikation, sagt Daniel Trachsel vom Verband Kompost- und Vergärwerke Schweiz (VKS). «Konsumenten können diese Produkte nicht erkennen oder verwechseln Produkte und werfen dann nicht Abbaubares in den Kompost.» Der VKS führt deshalb eine Liste, die aufführt, wie die Produkte bedruckt werden müssen, damit es nicht zu Verwechslungen kommt, und welche Produkte mit dem Grüngut entsorgt werden können. (bv)

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