«Leider wurde auch Nokia arrogant»

Ascom-Präsident Juhani Anttila über Aufstieg und Fall der finnischen Vorzeigefirma.

Neuer Arbeitgeber. 32 000 Angestellte des Mobiltelefoniebereichs von Nokia arbeiten künftig für Microsoft.

Neuer Arbeitgeber. 32 000 Angestellte des Mobiltelefoniebereichs von Nokia arbeiten künftig für Microsoft. Bild: Keystone

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Herr Anttila, Sie waren wie viele Ihrer finnischen Landsleute für Nokia tätig. Was löst der Verkauf der einst so stolzen und erfolgreichen Mobiltelefonsparte an Microsoft in Ihnen aus?
Zunächst bin ich natürlich traurig.

Warum?
Nokia ist ein Stück finnischer Identität und natürlich ist man im ganzen Land stolz auf den Erfolg der Firma, die es in kurzer Zeit vom Nobody zum weltgrössten Mobiltelefonhersteller gebracht hat. Aber die Trennung von diesem Geschäft ist auch eine Chance für Nokia.

Inwiefern?
Mit über 50 000 Mitarbeitern ist das Unternehmen nach wie vor sehr bedeutend und die bei Nokia verbleibenden Geschäfte haben beträchtliches Entwicklungspotenzial.

Welche Bedeutung hatte Nokia auf dem Höhepunkt des Erfolges für die finnische Wirtschaft?
Die Handy-Sparte hat enorm viel Ingenieur- und Software-Wissen ins Land gebracht. Für die Finnen geht es darum, das Beste daraus zu machen. Das gilt auch für Nokia. Ich rechne damit, dass aus der nach wie vor vorhandenen Kompetenz auch in Zukunft viele neue, zum Teil grössere Firmen hervorgehen werden.

Nokia war vor 15 Jahren der Inbegriff der Mobiltelefonie mit einem Börsenwert von über 150 Milliarden Euro – also ähnlich bewertet wie Novartis heute. Was hat denn Nokia einst richtig gemacht?
Nokia hat früh gemerkt, dass sich die mobile Kommunikation rasch ausbreiten wird. Man hat also den Markt sehr gut gespürt, war technologisch innovativ und war auf den Märkten sehr offensiv unterwegs. Erfolg setzt immer voraus, dass man viele Dinge gleichzeitig richtig macht.

Warum kam es zum Niedergang?
Irgendwann hat man angefangen, zu viel an die eigenen Möglichkeiten zu glauben und hat neuen Trends im Markt nicht mehr genügend Beachtung geschenkt. Es ist nicht einfach, im Erfolg empfänglich zu bleiben für die wichtigen, anfänglich aber oft nur leisen Signale aus den Märkten. Leider wurde auch Nokia arrogant. Aber rückblickende Analysen sind naturgemäss einfacher.

Wo hat Nokia jetzt noch Chancen?
Nokia baut Infrastrukturen für mobile Netzwerke und hier profitiert das Unternehmen von der Datenexplosion in der Mobilkommunikation. Jeder Mobiltelefonbenutzer greift heute mit aller Selbstverständlichkeit auf Datenmengen zurück, wie man das vor drei Jahren noch gar nicht für möglich hielt. Im neuesten Standard der Mobilkommunikation – «Long term evolution» oder LTE – ist Nokia ja weltweit die Nummer zwei. Sie haben vielleicht gehört, dass Vodafone die vielen Milliarden Dollar aus dem Verkauf ihres Anteils am Gemeinschaftsunternehmen mit Verizon zu einem schönen Teil in den Ausbau der europäischen Mobilfunk-Infrastruktur investieren will. Hier ist Nokia ausgezeichnet positioniert. Die Konsolidierung der Telekombranche wird mehr Investitionen auslösen.

Und die anderen Bereiche?
Nokia hat die weltgrösste Location-Plattform. Vier von fünf Autos weltweit sind mit der entsprechenden Software von Nokia ausgerüstet, mit der Sie das nächste Hotel, die nächste Tankstelle oder ein Restaurant finden. Und Nokia hat eines der grössten Patentportfolios in der Telekommunikationsindustrie.

Wie verdient man Geld mit Patenten?
Indem man den Gebrauch einer Erfindung gegen Lizenzgebühren erlaubt.

Stecken hinter den 10 000 Patentfamilien, die Nokia besitzt, ausschliesslich eigene Erfindungen?
Diese Patentfamilien stehen im Eigentum von Nokia. Nokia hatte Mitte der 80er-Jahre erst wenige Patente. Dann realisierten wir, dass es im Mobiltelefongeschäft der Zukunft sehr stark um Patentrechte gehen wird. Jeder, der ein Mobiltelefon produziert, muss auf viele fremde Patente zurückgreifen. Nokia hat dann gezielt ein solches Patentportfolio aufgebaut. In jedem professionellen Mobilfunkgerät steckt das Know-how von unzähligen Patenten. Nokia besitzt 40 essenzielle Patente für Mobiltelefone. Ein Patent zu haben, kann sehr lukrativ sein, wenn ein Gerät erfolgreich ist. Alle grossen Mobiltelefonhersteller wie Apple oder Samsung haben solche Patentportfolios aufgebaut. Üblicherweise einigt man sich auf gegenseitige Nutzungsrechte. Aber oft kommt es zu Streitigkeiten.

Der Name Nokia lebt in den Handys also weiter. Ascom-Handys hat es dagegen gar nie gegeben, obwohl die ersten Mobiltelefon-Prototypen von Ascom in den 80er-Jahren technisch noch besser gewesen sein sollen als jene von Nokia. Warum hat es Ascom nicht geschafft?
Was Sie sagen, habe ich natürlich auch gehört und gelesen, aber ich habe es nicht selber verifiziert.

Warum ist Ascom nie über den Prototypen-Status hinausgekommen?
Ich kann nur Vermutungen anstellen. Wer hier Erfolg haben will, muss sich fokussieren. Zudem braucht es eine hohe Innovationsrate und eine globale Ausrichtung. Eine weitere Voraussetzung sind enorme Skalenerträge, wenn man im Konsumentengeschäft tätig ist. Man muss Millionen von Geräten produzieren und in der Fabrikation jeden Rappen einsparen können.

Ascom hatte also nie eine Chance?
Doch, ich glaube, Ascom und Nokia hatten die gleiche Chance. Aber man entschied sich anders. Bei Ascom hatten wir noch 2002 rund 30 verschiedene Geschäfte. Ascom lebte lange in einem geschützten Telekommunikationsmarkt und erzielte den Grossteil des Umsatzes in der Schweiz.

Hätte eine raschere Liberalisierung des Schweizer Telefonmarktes der Firma geholfen?
Allgemein gesagt: Unternehmen, die lange in geschützten Märkten operieren, sind oft schlecht vorbereitet, wenn es zu einer raschen Liberalisierung kommt.

Hat Ascom noch Mitarbeiter in der Schweiz?
Ja, wir sind noch 100 Mitarbeiter, davon 15 im Headoffice und 85 im Vertrieb für den Schweizer Markt.

Der Umsatz von Ascom beträgt noch 450 Millionen Franken. Sie haben sich in kleine Nischen verkrochen.
Nicht verkrochen, sondern bewusst ausgewählt. Ascom hat sich auf zwei globale Nischen mit Wachstumspotenzial fokussiert, wo die Firma bereits Weltmarktführer ist oder sein kann: Kommunikationslösungen für Healthcare sowie Software für die Optimierung der Mobilfunknetze.

Sie sitzen seit acht Jahren im Verwaltungsrat von Actelion. Warum war die Schweiz bei der Entwicklung des Pharmageschäftes erfolgreicher als in der Telekommunikation?
Neben dem Umstand, dass Innovation in der Schweiz einen hohen Stellenwert hat, ist die chemische Industrie schon sehr lange auf die grossen Märkte im Ausland ausgerichtet. Und die Schweiz geniesst auch rein geografisch einen grossen Vorteil. Sie sehen ja selber die bunte Vielfalt von Nationalitäten, die in Basel arbeiten.

Ist es denn für Finnland schwieriger, Leute anzulocken?
Ja, unbedingt. Es gibt zwar Leute, die unser sauberes Wasser, den Freiraum und die Freiheit geniessen. Aber der Winter ist lang und kalt und dunkel in Finnland. Das macht es schwierig, Leute aus dem Ausland anzulocken. Das war übrigens auch immer ein Nachteil von Nokia. Nicht zuletzt aus diesem Grund musste man die Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten frühzeitig verlegen.

Inwieweit können Sie Ihre Erfahrungen mit dem Aufstieg und dem Niedergang von Technologien in eine Pharmafirma wie Actelion einbringen?
In der Pharmabranche sind die Zyklen viel länger als im Technologiegeschäft. Aber Wachstumsunternehmen haben weitgehend unabhängig von der Branche ähnliche Fragestellungen.

Was sind die Gemeinsamkeiten?
Man muss das Marktwachstum einschätzen können. Man muss entscheiden, wie viel Risiko man nehmen will, wie man die Forschungsgelder optimal einsetzt und wie man die Talente der Mitarbeitenden am besten fördert.

Erstellt: 05.09.2013, 10:44 Uhr

Ascom-Präsident Juhani Anttila

Strassenumfrage: Wird ihr nächstes Handy von Microsoft sein? (Video: Lorenz von Meiss)

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