Musk schiesst einen Tesla ins All

In den nächsten Tagen will Elon Musk einen Testflug mit der derzeit stärksten Rakete überhaupt absolvieren. Sein Propagandaziel: «der Mars-Orbit.»

«Ein rotes Auto für den roten Planeten», schwärmt Musk auf Instagram. In der Spitze der Falcon-Heavy-Rakete ist beim Premierenflug ein Tesla Roadster verborgen. Bild: EPA

«Ein rotes Auto für den roten Planeten», schwärmt Musk auf Instagram. In der Spitze der Falcon-Heavy-Rakete ist beim Premierenflug ein Tesla Roadster verborgen. Bild: EPA

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Was wohl in den Köpfen der Alligatoren vor sich geht? Sie sind am nächsten dran, wenn in Florida der Mensch ins Weltall aufbricht. Nur einen Kilometer nordwestlich des berühmten Launch Pad 39A im US-Raumfahrtzentrum Cape Canaveral, liegt das sogenannte Gator Hole, mitten im Sumpfgebiet.

An diesem Startplatz steht jetzt die Falcon Heavy, die grösste Trägerrakete seit den glorreichen Zeiten der Apollo-Missionen. Dort, wo Ende der Sechzigerjahre erstmals Menschen mit der Saturn V zum Mond aufbrachen und später die Space Shuttles starteten, dort hat sich nun Elon Musk für sein Unternehmen Space-X für 20 Jahre eine Exklusivnutzung gesichert. Nach einem Streit mit der Raumfahrtfirma Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos, der sogar den US-Kongress beschäftigte, hatte Musk 2014 von der Nasa den Zuschlag für Launch Pad 39A bekommen.

Spektakel am nächtlichen Himmel: SpaceX schiesst mehrere Satelliten Richtung Erdumlaufbahn. Video: Tamedia/Reuters

Getöse und Verzögerung

Von dort aus will er den nächsten grossen Schritt in der bemannten Raumfahrt machen und in den 2020er-Jahren Menschen zum Mars schiessen. Wenn voraussichtlich am kommenden Dienstagnachmittag Ortszeit mit grossem Getöse und gut vierjähriger Verzögerung erstmals die Falcon Heavy abhebt, haben die Raumfahrtfans im Vergleich zu den Alligatoren das Nachsehen. Die nächstgelegene Besuchertribüne der Nasa befindet sich erst gut sechs Kilometer entfernt am Banana Creek. Tickets dieser Kategorie namens «Feel the heat» für 195 Dollar sind längst ausverkauft.

Aber nicht nur mit dem Startplatz ringt Musk um Aufmerksamkeit – auch mit dem Ziel: Der Jungfernflug führt nicht etwa in die Erdumlaufbahn oder rund um den Mond – nein, Musk will sofort zum Mars. Zumindest behauptet er das: «Ziel ist der Mars-Orbit», tönte Musk im Dezember per Twitter. Genau genommen geht es bei diesem Start darum, eine Höllenmaschine mit einem Schub von fast 23'000 Kilonewton ins All zu bringen. Und das auch noch mit besonderem Gepäck.

Normalerweise würden bei Testflügen Blöcke aus Stahl oder Beton als Probeballast mitgeführt, schrieb Musk. Aber das sei doch «extrem langweilig» – und «alles, was langweilig ist, ist schrecklich». Musk hatte eine andere Idee: Er wird einen Tesla-Roadster der ersten Generation in der Farbe Midnight-Cherry zum Mars schicken. «Ein rotes Auto für den roten Planeten», schrieb er auf Instagram und erhielt mehr als eine halbe Million Liebeserklärungen dafür.

Video - Musk überrascht mit Sportwagen

Der Roadster erreicht eine Geschwindigkeit von über 400 km/h. Video: AFP/Tamedia

Der E-Roadster soll, so stellt er es sich vor, eine Milliarde Jahre auf einer elliptischen Bahn den Mars umkreisen und dabei «Space Oddity» von David Bowie spielen. Musk labt sich auf Twitter an der Vorstellung, dass das Midnight-Cherry-Gefährt eines Tages von Aliens entdeckt werde, womöglich noch mit dem Buch «Per Anhalter durch die Galaxis» im Handschuhfach. Dass Spielverderber ihm vorrechnen, dass die Energie an Bord des Tesla nach dem langen Flug höchstens noch reiche, um 411 Stunden Bowie zu spielen, ficht ihn nicht an. Details sind Musk nicht wichtig. Das grosse Ganze dafür umso mehr.

Musk wirbelt zwei Branchen durcheinander

Das Magazin Rolling Stone nennt Musk «den Architekten des Morgen». Er habe zwei Bereiche mit «grotesk hohen Zutrittsbarrieren» erobert: die Herstellung von Autos – und von Raketen. Beide Branchen wirbelt er durcheinander, weil er Lösungen für die Schwachpunkte anbietet: Ist es in der Autoindustrie der Schadstoffausstoss, sind es in der Raumfahrt die hohen Kosten.

Ein Schlüssel dazu soll die Falcon Heavy werden, sozusagen die Trägerrakete des 21. Jahrhunderts. Sie ist zwar mit 70 Metern deutlich kürzer als etwa die mehr als 100 Meter lange Mondrakete Saturn V, dafür ist sie anders als die Saturn kein Einwegmodell, die Booster lassen sich wiederverwenden. Musk hat bei der Falcon Heavy – vereinfacht dargestellt – drei Antriebsstufen seines Basismodells Falcon 9 zu einer neuen Rakete verknüpft. Anstatt neun Triebwerke hat sie 27 in der ersten Stufe.

Die Russen hatten vor Jahrzehnten Ähnliches probiert, doch alle Raketen explodierten kurz nach dem Start. Heute gilt es aber als unproblematisch, so viele Triebwerke zu kombinieren. Der grosse Vorteil: Die Schubkraft lässt sich gut dosieren. Besonders wichtig ist das, wenn die Antriebsstufen wie geplant zurück zur Erde schweben und sanft beim Startplatz aufsetzen sollen.

Mit der Falcon 9 hat Musk das schon vorgemacht, jetzt will er das auch mit den drei Stufen der Falcon Heavy. Gelingt ihm das, werden die Zuschauer ein einzigartiges Raketenballett erleben, das teils synchron am Erdboden aufsetzen soll.

Auch wenn der Zeremonienmeister Musk es versteht, den Start der Falcon Heavy emotional aufzuladen – letztlich geht es darum, Kunden für die Rakete zu finden. Das Angebot ist: bis zu 64 Tonnen in den niedrigen Erdorbit zu befördern, also auf eine Höhe von 200 bis 2000 Kilometern. Für 90 Millionen Dollar. Das ist im Gegensatz zur europäischen Trägerrakete Ariane 5 recht günstig, deren Start bei 20 Tonnen Nutzlast nach Esa-Angaben etwa das Doppelte kostet.

Aufträge der Nasa gesammelt

Wie hat es Musk so weit gebracht? Viele Millionen steckte er aus eigener Tasche in das Unternehmen Space-X. Aber auch die Nasa half, weil die US-Raumfahrtbehörde Interesse daran hatte, die Abhängigkeit von grossen Anbietern wie Boeing zu reduzieren. Mit kleinen Aufträgen von wenigen Millionen Dollar gab sie neuen Firmen Starthilfe. Space-X nutzte das für die Entwicklung von Konzepten.

Weil diese den Vorstellungen der Nasa entsprachen, konnte Musk für seine Falcon 9-Rakete weitere Aufträge der Nasa einsammeln. Zur Versorgung der Internationalen Raumstation ISS sollte er von 2012 an 20 Frachtmissionen fliegen. Von bisher 13 Flügen ist nur einer gescheitert, weil die Trägerrakete 2015 zwei Minuten nach dem Start explodierte. Einige Frachtaufträge gingen auch an die Mitbewerber Orbital und die Sierra Nevada Corporation.

Alleine für die erste Tranche von zwölf Flügen überwies die Nasa 1,6 Milliarden Dollar an Space-X im kalifornischen Hawthorne. Seit Mai 2017 fliegt die Falcon 9 auch Militärmissionen, die ebenfalls Geld in die Kasse von Space-X bringen. Hier musste Musk beim dritten Auftrag im Januar allerdings einen Rückschlag hinnehmen, weil ein geheimer Satellit mit dem Decknamen «Zuma» nach dem Start verschwunden und mutmasslich ins Meer gestürzt ist. Wer die Schuld daran hat, Space-X, der Satellitenhersteller Northrop Grumman oder ein anderer, ist unklar, die Untersuchungen dazu laufen noch.

Nasa will wieder selbst Astronauten zur ISS fliegen

Trotz mancher Panne: Die Geschäfte laufen offenbar gut. Space-X jubelt auf seiner Webseite über mehr als 100 Missionen mit einem Volumen von zwölf Milliarden Dollar, die man sich gesichert habe, darunter auch Aufträge jenseits der Nasa. Kritiker werfen Musk allerdings vor, dass er seine Raketen auf Kosten der Steuerzahler entwickelt, mit Milliarden der Nasa.

Die nächste grosse Herausforderung für Space-X sind bemannte Flüge zur ISS. Seit die USA 2011 Space Shuttle-Flüge eingestellt haben, buchen sie Plätze in der russischen Sojus, um die ISS zu erreichen. Der Nasa zufolge kostet eine Mitfluggelegenheit bei den Russen etwa 80 Millionen Dollar, für Space-X werden 60 Millionen Dollar kalkuliert. Neben der finanziellen Frage will sich die Nasa aber wieder unabhängig von den Russen machen und hat dafür etwa 8,3 Milliarden Dollar lockergemacht. 3,1 Milliarden gehen allein an Space-X, die Firma hat damit unter anderem die Dragon-Kapsel entwickelt, in der bis zu sieben Astronauten Platz finden: Flachbildschirme und Designersitze lösen den Flair der Sechzigerjahre in den Sojus-Kapseln ab.

Aber wie es in der Raumfahrt so ist, gibt es auch bei diesem Crew-Programm Verzögerungen: Der erste bemannte Flug sollte bereits 2017 stattfinden. Der Rechnungshof des US-Kongresses, Government Accountability Office (GAO), warnt nun vor weiteren Verzögerungen, zumal die Verträge für die Sojus-Flüge 2019 auslaufen.

In einem GAO-Papier von Mitte Januar ist von zu anspruchsvollen Zeitplänen die Rede sowie von Sicherheitsrisiken für die Crews. Dies werfe die Frage auf, «ob die Vereinigten Staaten nach 2019 weiter Zugang zur ISS haben werden». GAO fordert zudem Nachbesserungen von Boeing und Space-X, bevor ihre Startsysteme für bemannte Flüge zugelassen werden könnten. So kritisieren die Prüfer, dass Space-X seine Rakete erst betanken will, wenn die Crew schon an Bord ist. Boeing soll unter anderem beim Rescue- und beim Landesystem für seinen Starliner nachbessern.

Bei einer Tagung in Houston versicherte Space-X-Präsidentin Gwynne Shotwell nun, dass der erste unbemannte Testflug im August und der erste Flug mit einer Crew Ende des Jahres stattfinden sollen. «Es wird ein spannendes Jahr, wenn Space-X und Boeing Astronauten zur ISS bringen, um den USA schliesslich wieder diese Fähigkeit zu verschaffen», sagte sie.

Das nächste grosse Biest

Den Lackmustest, ob private Raumfahrt eine Zukunft hat, wird Musk wohl erst bestanden haben, wenn er die geplante Big Falcon Rocket (BFR) gebaut hat. Sie soll die Falcon 9 und die Heavy Falcon in den Zwanzigerjahren ablösen und komplett wiederverwendbar sein. «Einen Booster zu überholen, um Kosten zu senken, das reicht nicht», sagte Musk, als er seine Pläne im vergangenen Herbst präsentierte. Ein Flugzeug werde auch nicht nach jedem Flug zerlegt.

Die BFR ist das nächste grosse «Biest»: die grösste jemals gebaute Rakete – mit ihr will Musk seine Vorhaben auf dem Mars realisieren. An der Spitze der Rakete wäre unter anderem Platz für 40 Passagierkabinen. Damit ist die Fantasie Musks längst nicht ausgereizt. Warum die BFR nicht auch für Erdflüge nutzen? In einer halben Stunde von New York nach Shanghai? Das wäre dann kein Problem mehr. Über die Ticketpreise schweigt er sich allerdings aus.

Video - Musk stellt neue Weltraumraketenpläne vor

Tesla-Chef und Weltraumunternehmer Elon Musk erwägt den Einsatz seiner geplanten Mars-Raketen für Reisen auf der Erde. Video: Reuters

Da geht es fast unter, dass Space-X Ende des Jahres auch noch zwei Millionäre zum Mond bringen will. 50 Jahre nach dem ersten bemannten Mondflug der Apollo 8 sollen zwei Space-Touristen den Mond in einer Dragon-Kapsel umkreisen und dann zur Erde zurückkehren. Gut möglich, dass ein Alligator den Start beobachten wird, der schon einen Apollo-Start miterlebt hat. Alligatoren können sehr alt werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 18:54 Uhr

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