Nach dem Boom folgt der Kater in der US-Erdgasbranche 

Das Überangebot und die Klimapolitik setzen die Gasförderer unter Druck. Nun eilt ihnen Präsident Trump zu Hilfe.

Wasser geht runter, Gas kommt rauf: So einfach Fracking auch klingen mag, viel Geld scheint dabei nicht rauszuspringen. Foto: Bloomberg via Getty Images

Wasser geht runter, Gas kommt rauf: So einfach Fracking auch klingen mag, viel Geld scheint dabei nicht rauszuspringen. Foto: Bloomberg via Getty Images

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Flankiert von Industriebossen und Arbeitern mit Schutzhelmen kündigte US-Präsident Donald Trump vergangene Woche eine drastische Aufweichung von Umweltvorschriften an. Die vorgeschlagene Revision von Verordnungen zu einem 50 Jahre alten Umweltschutzgesetz soll neue Projekte im Infrastruktur- und Energiebereich von bisher zwingenden Umweltprüfungen ausnehmen. Auch die Klimaverträglichkeit von Strassen, Brücken, Pipelines und Anlagen zur Gewinnung fossiler Energieträger soll künftig nicht mehr geprüft werden, so der Vorschlag.

Trump begründete die Deregulierung damit, dass der «Albtraum» der geltenden Bestimmungen dringend nötige Projekte unnötig verzögere. «Wir wollen neue Strassen, Brücken, Tunnels, Autobahnen grösser, besser und schneller bauen, und wir wollen sie zu geringeren Kosten bauen», sagte der Präsident.

USA sind grosser Gasexporteur

Ein wichtiger Hintergrund für den radikalen Reformvorschlag ist die Situation auf dem Erdgasmarkt. Der Energieträger ist dank des «hydraulic fracturing» – Fracking – genannten Förderprozesses im Übermass vorhanden. Die USA förderten im vergangenen Jahr rund 10 Prozent mehr Gas als 2018, das bereits ein Rekordjahr war. Die Supermacht ist wie schon beim Erdöl zu einem führenden Produzenten der Welt aufgestiegen.

Der Umwelt hat der Boom geholfen. Erdgas ist sauberer und hinsichtlich Treibhauswirkung weniger schädlich als Kohle. Das gilt vor allem für die Stromproduktion, die 2018 zu 35,2 Prozent auf Gas basierte. Gas hat damit der Kohle den Rang abgelaufen, die zuletzt 27,5 Prozent zur Stromproduktion beitrug. Der Rollentausch der beiden fossilen Energieträger bescherte den USA im letzten Jahrzehnt eine vergleichsweise günstige CO2-Bilanz.

Preis ist kollabiert

Doch auf den Enthusiasmus folgt nun der Kater. Der Überfluss brachte die Preise zum Purzeln. Der – regional unterschiedliche – Erdgaspreis betrug 2019 im Schnitt nur 2,57 Dollar pro Million British Thermal Units (BTU), 60 Cents weniger als im Jahr 2016. Vor zehn Jahren wurden zum Teil noch Preise von über 10 Dollar bezahlt.

«Die Gasförderung generell ist unrentabel.»Patrick Montalban, Öl- und Gasförderer

Die tiefen Preise freuen die Konsumenten, doch die Produzenten leiden. Chevron, nach Exxon der zweitgrösste Gasförderer des Landes, kündigte im Dezember Abschreibungen von 10 bis 11 Milliarden Dollar an. Die Aktien des in Oklahoma beheimateten Förderers Chesapeake Energy, die 2008 noch 60 Dollar wert waren, dümpeln seit vergangenem November unterhalb der 1-Dollar-Grenze.

«Erdgas ist am Boden», sagte Patrick Montalban vom gleichnamigen Öl- und Gasunternehmen zur «New York Times». Der Förderer will über 200 Bohrlöcher in Montana verkaufen, «doch sie sind unrentabel. Nicht nur sind die Quellen unrentabel, die Gasförderung generell ist unrentabel.» Der Sektorspezialist Andy Brogan vom Beratungsunternehmen EY glaubt, das Überangebot werde «in den nächsten Jahren bestehen bleiben». Ob langfristig der im Moment stark wachsende Export von Flüssiggas den Überschuss beheben hilft, ist unter Experten umstritten.

Klagewelle gegen Pipelines

Für die ungünstige Perspektive sorgen die Physik und die Politik. Im Unterschied zu Öl und Kohle lässt sich Erdgas nur verflüssigt auf Strasse und Schiene transportieren. Für die Verteilung sind Pipelines nötig, und die sind zum Politikum geworden.

Pipelines werden seit langem bekämpft, weil sie als Quelle von Explosionsrisiken und Gesundheitsschäden wahrgenommen werden. Zu diesen Bedenken ist das Klimaargument hinzugekommen. Erdgas, wiewohl harmloser als Kohle, muss in den Augen von Klimaaktivisten überwunden werden, da es ebenfalls ein fossiler Brennstoff ist und damit zur Erderwärmung beiträgt.

Vor allem im Westen der USA verbreitet sich in Städten und Gemeinden eine politische Bewegung, die auf ein Erdgasverbot hinzielt. Vergangenen Sommer untersagte die kalifornische Stadt Berkeley den Einsatz von Erdgas in neuen Wohnbauten. Der Ort will bis 2030 klimaneutral werden, daher will Berkeley die Vorschrift nach und nach auch auf Umbauten ausdehnen.

Streit in New York

So weit wie die Westküste ist der Staat New York nicht. Hier schloss sich der demokratische Gouverneur Andrew Cuomo den Opponenten gegen eine Pipeline an, die Erdgas vom Marcellus-Feld in Pennsylvania in die Metropole New York City leiten sollte. Als Reaktion auf die daraus folgende Bauverzögerung erklärten zwei Gasversorger, sie könnten in mehreren Vororten der Stadt keine Neubauten mehr an Erdgasleitungen anschliessen. Das wiederum erregte derart grossen Protest, dass Gouverneur Cuomo den zwei staatlich überwachten Firmen kurzerhand verordnete, sie müssten alle Kunden berücksichtigen. Die Pipeline ist aber immer noch nicht gebaut.

Trump erhofft sich von seiner Verordnungsrevision wahrscheinlich, dass es zu weniger Streit und damit verbundenen Bauverzögerungen kommt. Da könnte er sich aber täuschen, denn Umweltschützer werden die Deregulierung mit Garantie gerichtlich anfechten. Laut «Times» glauben wichtige Umweltexperten, dass die Änderungen vor Gericht nicht Bestand haben werden. Davon unabhängig werde der lokale Widerstand gegen Erdgas als Energieträger nur wachsen, erwartet das «Wall Street Journal». Ein Indiz: Sogar im fossilfreundlichen Texas werden bereits Klagen gegen Gaspipelines eingereicht.

Erstellt: 14.01.2020, 21:39 Uhr

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