Neues Mekka für Schweizer Einkaufstouristen

In der süddeutschen Stadt Singen soll bald ein riesiges Einkaufszentrum entstehen. Bei der Konkurrenz in Konstanz kommen diese Pläne gar nicht gut an.

Neues Einkaufszentrum geplant: Der Kampf um Schweizer Einkaufstouristen wird härter.

Neues Einkaufszentrum geplant: Der Kampf um Schweizer Einkaufstouristen wird härter. Bild: Denis Balibouse/Reuters

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Gestern wurde eine weitere Hürde genommen. Die Bürger der süddeutschen Stadt Singen stimmten gestern deutlich für den Bau eines neuen Einkaufszentrums. Das Projekt mit dem Namen ECE-Einkaufszentrum hat es in sich. Die Investitionssume beläuft sich auf 140 Millionen Euro. 80 Shops und Restaurants sollen sich dereinst auf den 16'000 Quadratmeter Verkaufsfläche befinden.

Die Eröffnung ist für Herbst 2018 geplant. Im Einzugsgebiet des Shoppingtempels leben laut den Initianten 370 000 Menschen – viele in der Schweiz. Denn bis nach Schaffhausen sind es nur rund 20 Minuten, bis nach Zürich fährt man gerade einmal eine knappe Stunde. Hinter dem Projekt steht der deutsche Immobilienentwickler ECE, der Shoppingcenter in ganz Europa betreibt.

Nicht überall kommen die Pläne gut an. Denn nur 40 Autominuten entfernt liegt Konstanz. Das malerische Städtchen am Bodensee hat sich in den letzten Jahren zum Mekka für Schweizer Einkaufstouristen entwickelt. Dort lockt das Einkaufszentrum Lago seit einigen Jahren zahlreiche Shopper an. Mehr als 10 Millionen sind es jährlich, vor allem aus der Ostschweiz oder Zürich dürften viele Shopper den Weg auf sich nehmen.

Nach der Aufhebung der Franken-Euro-Untergrenze waren es sogar so viele, dass die SBB Extrazüge nach Konstanz einsetzten. Nun macht man sich in Konstanz Sorgen, dass künftig die Schweizer Einkaufstouristen den Weg nach Singen einschlagen könnten. Das ECE könnte ihnen wertvolle Kunden wegschnappen.

Singen selbst hat im Vergleich zu Konstanz wenig schöne Seiten. Die etwas mehr als 46'000 Einwohner zählende Kleinstadt hat in den letzten Jahren an Strahlkraft verloren. Zwar kann die Kleinstadt mit der eindrucksvollen und auf einem erloschenen Vulkan gelegenen Burgruine Hohentwiel einige Wanderer oder Festivalbesucher anlocken, für Einkaufstouristen bietet sie aber wenig. Die einst prägende Industrie ist weggezogen, und viele Geschäfte haben die Stadt verlassen.

Zwist zwischen Konstanz und Singen

Doch das könnte sich mit dem Einkaufszentrum wieder ändern. Kürzlich schrieb die lokale Zeitung «Südkurier», dass sich sogar das Regierungspräsidium in Freiburg mit dem Zwist beschäftigte. Schon heute fliesse in hohem Masse Kaufkraft nach Singen, die in grossem Umfang von Schweizer Kunden stamme, heisst es in einem Bericht. Das ECE werde diesen Kaufkraftzufluss noch verstärken.

Offenbar wurde in Konstanz auch schon eine Klage gegen das Singener Einkaufszentrum erwogen. «Uns geht es dabei nicht um den Schutz vor Konkurrenz oder gegen die Stadtentwicklung in Singen, sondern um eine vernünftige Raumplanung in der Region», so der Konstanzer Bürgermeister Uli Burchardt gegenüber dem «Südkurier».

Einmalige Chance

Für die Befürworter des Projekts ist das Einkaufszentrum daher eine einmalige Gelegenheit, um die Stadt wieder aufzuwerten. Gegner des Shoppingtempels befürchten aber genau das Gegenteil. Die heute noch verbleibenden Geschäfte würden durch die neue Konkurrenz noch stärker unter Druck geraten. Sie erachten zudem die Studien, welche die positiven wirtschaftlichen Effekte auf die Region messen, als einseitig.

Die Projektfirma ECE hat sich vorgenommen, auch die Kritiker ins Boot zu holen. Helfen soll dabei, dass sich das Einkaufszentrum am vulkanischen Erbe und der industriellen Tradition der Region orientiere.

Bernd Häusler, Oberbürgermeister der Stadt Singen, hält fest, dass die Stadt in den letzten Jahren einen spürbaren wirtschaftlichen Zuwachs zu verzeichnen hatte. Wirtschaftliche Pfeiler der Stadt wie Maggi, Georg Fischer, diverse Aluminiumunternehmen oder das Pharmaunternehmen Takeda haben sich zum Standort Singen bekannt und ihre Werke ausgebaut. Singen beheimatet praktisch genauso viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wie das deutlich grössere Konstanz. Die Innenstadt mit ihren vielen Geschäften erfreut sich bereits jetzt an einer hohen Besucherfrequenz aus der Region, dem Thurgau und dem Kanton Schaffhausen.

Erstellt: 18.07.2016, 16:56 Uhr

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