Interview

«Ölbohrungen in der Arktis sind nicht beherrschbar»

Die gestrandete Ölplattform vor Alaska weckt Ängste vor einem neuen Öldesaster. Yves Zenger von Greenpeace über die Ölförderung unter Extrembedingungen.

Die gestrandete Bohrplattform Kulluk vor der Küste der Sitkalidak-Insel vor Alaska. Bild der US-Küstenwache vom 1. Januar.

Die gestrandete Bohrplattform Kulluk vor der Küste der Sitkalidak-Insel vor Alaska. Bild der US-Küstenwache vom 1. Januar. Bild: Reuters

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Wie kann es sein, dass sich eine Ölplattform einfach vom Schlepptau löst und auf Grund läuft?
Die Ursache des Unglücks mit der Kulluk war ein starker Sturm mit Windspitzen zwischen 55 und 65 Kilometern pro Stunde. In der Tschuktschensee vor der Westküste Alaskas, wo Shell nach Öl bohren möchte, sind Winterstürme mit Windstärken von 150 Kilometern pro Stunde keine Seltenheit. Das Wetter in der Polarregion ist extrem. Stürme, eisige Temperaturen und Dunkelheit machen selbst ein so einfaches Manöver wie das Abschleppen einer Bohrplattform zum gefährlichen Abenteuer.

Bis jetzt sind Ölbohrungen in der Arktis wegen der Unbeherrschbarkeit der Risiken nicht erlaubt. Wozu war die Bohrplattform von Shell überhaupt in dieser Region?
Shell versucht seit rund sieben Jahren, in der Arktis nach Öl zu bohren. Doch bevor Shell nicht nachgewiesen hat, dass das Unternehmen einen Ölunfall beherrschen könnte, erhält Shell von den US-Behörden keine Fördergenehmigung. Nach Angaben von Royal Dutch Shell PLC wurde mit der Plattform ein Loch in der arktischen Beaufort-See und eines in der Tschuktschen-See gebohrt. Die Löcher im Meeresgrund sollen das Fundament für einen Förderbrunnen und die Bohrlochsicherung bilden.

Greenpeace warnt seit Jahren vor Ölbohrungen in der Arktis. Warum sind Unfälle in dieser Region so unbeherrschbar?
Die üblichen Massnahmen wie Abpumpen des Öls oder Ölbarrieren vor der Küste würden in der stürmischen und vereisten Arktis nicht funktionieren. Die Wirksamkeit chemischer Substanzen, die das Öl auflösen sollen, wurde in der Arktis noch nicht getestet. Bakterien, die das Öl auf natürliche Weise abbauen, brauchen in der arktischen Kälte unendlich lange.

Wie will Shell vorgehen, falls es zu einem Ölleck wie im Frühjahr 2010 im Golf von Mexiko kommen sollte?
Im September 2012 testete Shell in der Bucht von Seattle eine Art Glocke, die im Fall eines Lecks über das Bohrloch gestülpt werden soll. Der Versuch ist kläglich gescheitert, die Glocke wurde wie eine Bierdose zerquetscht. Dabei ist der Puget Sound im Vergleich zu arktischen Gewässern eine Badewanne.

Wie gross ist die Gefahr, dass es in der Arktis zu einem Ölunfall kommen wird?
Selbst der Vize-Chef von Shell Alaska, Pete Slaiby, hat in einem BBC-Interview zugegeben, dass er mit Ölunfällen in der Arktis rechnet. Und dann sagt er, dass die Unfälle, die passieren werden, die Lebensgrundlage der Menschen in der Region wohl nicht gefährden werden. Doch es geht nicht allein um die Menschen, die in Alaska vom Fischfang und von Walfleisch leben, es geht um ein extrem fragiles Ökosystem, das unnötig in Gefahr gebracht wird.

Die Menschheit braucht Öl – können wir die riesigen Ölreserven in der Arktis einfach ungenutzt lassen?
Es gibt Berechnungen, nach denen die Ölreserven im arktischen Meeresgrund den weltweiten Konsum für drei Jahre decken könnten. Doch wollen wir wirklich eines der letzten unberührten Ökosysteme aufs Spiel setzen für drei Jahre Ölverbrauch? Und sollen ausgerechnet die Konzerne, die für den Klimawandel und das Schmelzen des arktischen Eises verantwortlich sind, davon noch einmal profitieren, indem sie auch die dortigen Ölreserven ausbeuten?

Wie stellt sich Greenpeace den Umgang mit der Arktis vor?
Wir verlangen von der UNO, die Arktis zum Schutzgebiet zu erklären, in dem jegliche Ölförderung und die industrielle Fischerei verboten sind. Nach der Serie von Pannen in der Arktis sollte die US-Regierung erkennen, dass die Ölkonzerne die Risiken der Ölförderung in dieser Region nicht managen können. Die für die Aufsicht zuständigen Behörden sollten nicht länger zusehen, sondern keine Bewilligungen für Ölbohrungen vor Alaska mehr erteilen. Weder für Shell noch für die anderen Konzerne, die in den Startlöchern sitzen.

Erstellt: 03.01.2013, 16:18 Uhr

Yves Zenger ist bei Greenpeace Schweiz seit 2001 verantwortlich für die Kommunikation zu den Themen Chemie und Biodiversität.

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