Hintergrund

Panoramabilder beim Zahnarzt dürfen nicht Routine sein

Viele Zahnärzte und Zahnkliniken erstellen bei Verdacht auf Karies teure Panoramabilder. Fachleute weisen auf die hohe Strahlenbelastung hin, der sich Patienten dabei aussetzen.

Hohe Strahlenbelastung: Aufnahme mit einem digitalen Panorama-Röntgengerät.

Hohe Strahlenbelastung: Aufnahme mit einem digitalen Panorama-Röntgengerät. Bild: Dominique Meienberg

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Die Patientin ist 19 Jahre jung, hat normal gesunde Zähne und besuchte regelmässig die Schulzahnklinik. Wegen ihrer Zahnstellung war sie zudem jahrelang in kieferorthopädischer Behandlung – wie so viele Jugendliche heute. Eines Tages plagen sie Schmerzen an einem Zahn. Weil die Lehrtochter nicht am Arbeitsplatz fehlen will, sucht sie eine der neuen Grosspraxen auf, die durch grosszügige Öffnungszeiten auffallen.

Beim ersten Termin in der Klinik wird ihr von der Praxisassistentin eröffnet, dass als Erstes, noch bevor der Zahnarzt sie untersuche, einige Röntgenbilder gemacht werden: einerseits eine Panorama-Aufnahme, ein sogenanntes Orthopantomogramm (OPT), andererseits zwei normale Röntgenbilder, Bitewings genannt. Unerfahren, wie sie ist, willigt die junge Frau ins Prozedere ein. Über die Kosten macht sie sich keine Gedanken, genauso wenig wie über die Strahlenbelastung. Informiert wird sie über beides nicht.

Das grosse Erwachen folgt erst, als die Rechnung eintrifft: 285 Franken kostet die Erstuntersuchung, 166.50 davon macht die Panoramaaufnahme aus.

Anfragen des TA bei diversen Fachstellen ergeben ein klares Bild: Das Erstellen von OPT-Bildern ohne Indikation und ohne vorgängige klinische Untersuchung eines Patienten ist fehl am Platz:

  • Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) schreibt: «Bei einer jugendlichen Patientin mit Kariesverdacht erscheint ein OPT übertrieben, da erstens ein Röntgenbild des Kieferorthopäden angefordert werden könnte und zweitens ein OPT für die Karieskontrolle eine ungenügende Auflösung bietet. Eine radiologische Untersuchung ohne Inspektion der Mundhöhle widerspricht klar den zahnmedizinischen Grundsätzen und Qualitätsleitlinien.»
  • Die Zürcher Kantonszahnärztin Teresa Leisebach sagt: «Das Erstellen von Röntgenbildern, ohne Mund, Kiefer und Zähne vorher zu untersuchen und den Patienten zur Vorgeschichte zu befragen, ist nicht fachgerecht.»
  • Gemäss Heinz-Theo Lübbers, Leiter der Radiologie am Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich, geht jeder Röntgenaufnahme eine zahnärztliche Untersuchung voraus. Ausnahmen stellen nur Patienten dar, die von einem ärztlichen oder zahnärztlichen Kollegen ausschliesslich zur Anfertigung einer Röntgenaufnahme zugewiesen werden.

Panoramaaufnahmen werden nicht grundsätzlich infrage gestellt, aber alle drei Befragten verweisen auf die dazu nötige Indikation. «Bei Röntgenbildern jeglicher Art sind Patienten stets einer gewissen Strahlenbelastung ausgesetzt», sagt Kantonszahnärztin Leisebach. Zudem müssten die Patienten die Kosten tragen, die bei OPT-Aufnahmen und besonders bei modernen Computerverfahren recht hoch sind. Beides müsse ein Zahnarzt oder eine Zahnärztin rechtfertigen. «Bei jungen Erwachsenen könnten OPT angebracht sein, um Vorhandensein und Lage der Weisheitszähne zu überprüfen. Der Patient muss aber genügend Informationen haben, um Ja oder Nein zu sagen.»

Hohe Strahlenbelastung

Im Fall der 19-jährigen Lehrtochter hatte die Mutter bei der Zahnklinik reklamiert; man habe ihre Tochter weder über die Kosten noch über die Strahlenbelastung informiert. Die Klinik antwortete ihr, die Erstellung eines OPT und zweier Bitewings bei der Erstkontrolle könne man «als Standard ansehen». Die Strahlenbelastung werde durch die «rationelle Untersuchungsstrategie» gar gesenkt. Und was die Information betreffe, sei die 19-Jährige ja «alt genug, um selber Fragen zu stellen».

Die Zahnärztegesellschaft (SSO) sieht das anders: «Ein Patient muss unaufgefordert eine Begründung für Röntgenaufnahmen erhalten und über die Kostenfolgen aufgeklärt werden.» Und bezüglich Strahlenbelastung liege die Klinik falsch: Gemäss SSO ist «die Strahlenbelastung eines OPT deutlich höher als jene einer Bitewing-Aufnahme». Tatsächlich haben Untersuchungen europäischer Strahlenspezialisten ergeben, dass die Strahlenbelastung bei einem OPT bis das Zehnfache eines einzelnen Röntgenbildes beträgt. «Das ist nicht weiter überraschend, schliesslich ist die bestrahlte Fläche deutlich grösser», sagt Michael Bornstein, leitender Arzt der zahnärztlichen Radiologie an der Universität Bern. Auch Bornstein sagt, einem OPT müsse auf jeden Fall eine klinische Untersuchung vorgehen.

Die Regeln der EU-Kommission zum Zahnröntgen sind eindeutig: «Röntgenbilder sollten nur nach Abklärung der Patientengeschichte und einer klinischen Untersuchung erstellt werden. Routineröntgen ist eine unakzeptable Praxis.»

Kantonszahnärztin Teresa Leisebach sieht sich im Zusammenhang mit Patientenbeanstandungen oder Stichproben bei Praxisbesuchen öfter mit Fällen von falschen, schlechten und unnötigen Röntgenbildern konfrontiert. «Ein typisches Beispiel ist der schmerzende Zahn im Notfall, zu dessen Behandlung gleich ein OPT erstellt wird.» Leisebach macht solche Erfahrungen bei kleinen Zahnarztpraxen aber genauso wie bei grossen. «Da geht es nicht speziell um gewisse Zentren.» Die Zahnärztegesellschaft (SSO) hingegen vernimmt «ab und zu Schilderungen, dass bei umsatzorientierten Kliniken fast immer OPT-Aufnahmen gemacht werden». Daten dazu hat die SSO aber keine.

Kosten in Grenzen halten

Klar ist, dass ein OPT-Gerät bei Beschaffungspreisen bis zu 65'000 Franken einen bestimmten Auslastungsgrad benötigt, um rentabel betrieben zu werden. Thomas P. Keller, Zahnarzt in Küsnacht ZH, arbeitet bei OPT-Aufnahmen deshalb mit seinem Kollegen Bernhard Ritter zusammen. Auf seiner Website schreibt Keller, so könnten die 170 Franken teuren Panoramaaufnahmen zurückhaltender erstellt werden, was die Strahlenbelastung und die Kosten in Grenzen halte. Andere Praxen mit einem OPT-Gerät dürften deshalb weniger Zurückhaltung an den Tag legen.

Leisebach weist darauf hin, dass das Problem der unnötigen Röntgenbilder durch häufigen Zahnarztwechsel begünstigt wird. «Da müssen auch Patienten Verantwortung übernehmen und rechtzeitig die Herausgabe der Röntgenbilder beim Vorbehandler veranlassen.» Auch sei vielen nicht bewusst, dass beim Arztwechsel ein Teil der Patientengeschichte verloren geht. Dabei sei sie für die Indikation zur Herstellung von Röntgenbildern mitentscheidend. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2014, 08:49 Uhr

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So entsteht eine Panorama-Röntgenaufnahme

(Bild: TA-Grafik)

3,8 Milliarden Franken pro Jahr

Im Vergleich zu den Spital- oder Medikamentenkosten sind die Ausgaben für Zahn­behandlungen kaum ein Thema. Wie die aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2011 zeigen, beliefen sich die Kosten für Zahnbehandlungen auf 3,8 Milliarden Franken. Dies entspricht einer Steigerung von 1 Prozent gegenüber 2010. Mit knapp 89 Prozent berappen die Patienten den Grossteil dieser Kosten selber. Lediglich 6,5 Prozent der Ausgaben werden von den Sozialversicherungen übernommen.
Die privaten Zusatzversicherungen decken 4,6 Prozent der Kosten. In der Statistik unberücksichtigt sind die Zahlungen der Sozialämter in Kantonen und Gemeinden. Laut der Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) werden diese den Patienten zugeschlagen.

Pro Kopf und pro Jahr betragen die Aus­gaben für Zahnbehandlungen 480 Franken. 1995 waren es 377.40 Franken, was einer Steigerung von rund 27 Prozent entspricht. Im Vergleich zu den Ärzte- oder Medikamentenkosten ist dieser Anstieg moderat. Die Kosten für ambulante Arzt­behandlungen sind zwischen 1995 und 2011 um knapp 85 Prozent gestiegen, die Ausgaben für ­Medikamente um 68 Prozent.
(mka)

Mit diesem Beitrag verabschiedet sich unser Kollege Romeo Regenass (meo) nach 14 Jahren von den Leserinnen und Lesern des «Tages-Anzeigers». Ende 1999 kam er nach Stationen beim «Beobachter» und den Konsumentenmagazinen «K-Tipp» und «Saldo» zum Wirtschaftsressort. Die Erfahrungen aus diesen Bereichen führten dazu, dass er vor allem den Detailhandel, die Lebensmittelindustrie, den Verkehr und den Tourismus im Fokus hatte. Mit profundem Wissen und hartnäckiger Recherche brachte er die Anliegen der Konsumenten und Arbeitnehmer ins Blatt. Auch bei Themen ausserhalb seiner Dossiers bereicherte er die Zeitung mit Recherchen und Reportagen. Romeo Regenass verlässt den Journalismus und setzt seine Karriere bei einer Zürcher Agentur für Projektkommunikation fort. Wir wünschen ihm am neuen Arbeitsort viel Erfolg und für die Zukunft alles Gute. (TA)

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