Privatjet und Maybach mit Chauffeur – alles auf Kredit

Das Börsen-Desaster der US-Firma Wework schafft auch für Schweizer Banken Probleme. Die skandalöse Governance ist kein Einzelfall.

Firmengründer Adam Neumann (Mitte) genoss das Leben auf grossem Fuss. (Keystone/Mark Lennihan)

Firmengründer Adam Neumann (Mitte) genoss das Leben auf grossem Fuss. (Keystone/Mark Lennihan)

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Der vorerst geplatzte Börsentraum des New Yorker Bürogiganten Wework zieht immer weitere Kreise. Wie das US-Onlinemagazin «Business Insider» berichtete, hat der Gründer und frühere Chef Adam Neumann mit JP Morgan und den Schweizer Grossbanken UBS und CS eine Kreditlinie von 500 Millionen Dollar vereinbart. Davon soll er bereits 380 Millionen Dollar bezogen haben. Nun soll er Mühe bekunden, die Kredit­linie zu bedienen.

Das Problem: Neumann ­wollte den Kredit ursprünglich nach dem geplanten Börsengang von Wework mit Aktien zurückzahlen. Dann platzten die Börsenpläne vor einem Monat. Mittlerweile ist der Gang an die Börse auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Immer mehr Investoren hatten Bedenken über die Angaben im Börsenprospekt angemeldet.

Wework mietet Büroräumlichkeiten langfristig und vermietet sie zu höheren Zinsen ­kurzfristig an Start-ups und andere Firmen, die flexibel sein wollen. Bei der Ankündigung der Börsenpläne bezifferten Wework und die beteiligten Banken den Wert des Start-ups auf gigantische 60 bis 90 Milliarden Dollar.

Inzwischen schreiben ­Experten dem in 29 ­Ländern und an über 500 Lokalitäten akti­ven Unternehmen nur noch einen Wert von 10 bis 12 Milliarden Dollar zu.

Umstrittene Praktiken

Die Bewertung könnte schon bald unter null sinken, wenn Wework nicht sehr schnell neues Geld erhält. Die stürmisch wachsende Firma verlor im ersten Halbjahr bei einem Umsatz von 1,54 Milliarden nicht weniger als 900 Millionen Dollar. Laut der Nachrichtenagentur Reuters versuchte das Unternehmen letzte Woche, eine zusätzliche Milliarde Dollar vom japanischen Investmenthaus Softbank zu erhalten. Unternehmens­chef Masayoshi Son stellte sich in einem Interview hinter die umstrittene Firma – womöglich aber nur, weil er eine eigene Verlustkatastrophe abwenden will: Nach Investitionen von mehr als 10 Milliarden Dollar gehören Softbank rund 29 Prozent der Aktien von Wework.

Wework kaufte für Neumann einen 60 Millionen Dollar teuren Gulfstream-Privatjet. 

Interessenten am nun suspendierten Börsengang ­goutierten Wework umso weniger, je mehr sie über das Unternehmen erfuhren. Neben dem schludrig abgefassten Börsenprospekt fielen ­ihnen umstrittene Praktiken beim 40-jährigen Adam Neumann ins Auge. Der gross gewachsene, langhaarige Israeli mit Rockstar-Allüren trieb das Unternehmen zu einer massiven Expansion. Unter Neumann kaufte Wework selbst Bürohäuser und vermietete sie in fragwürdigen Eigengeschäften an sich selbst.

Die Firma uferte aus. Sie gründete eine Vorschule, betrieb einen Fitnessclub, vermietete Wohnraum und kaufte Softwarefirmen wie Meetup. Weil Neumann untragbar wurde, warf ihn der Verwaltungsrat im September hinaus. Die hohe Kreditlinie des Bankentrios ist nicht das einzige Indiz dafür, dass der Chef es sich gern gut gehen liess.

Wework kaufte für Neumann einen 60 Millionen Dollar teuren Gulfstream-Privatjet. Ein Chauffeur kutschierte ihn in einer Maybach-Limousine herum. Neben seinem Büro in Manhattan liess Neumann ein Thermalbad mit einer Eiswanne einbauen. Wie in einem Pyramidenspiel schien der vierfache Aktien-Milliardär seine Schäfchen ins Trockene bringen zu wollen. Dass er dies auch auf Kredit tat, könnte ihn jetzt in finanzielle Nöte stürzen. UBS und CS wollten auf Anfrage zu Neumanns Kredit keine Auskunft geben. Die UBS teilt jedoch mit, die Schilderung im «Business ­Insider» sei «akkurat».

 «Die Senkrechtstarterstory wird schnell zu einer Zusammenbruchsstory»Aswath Damodaran, New York University

Die skandalöse Governance von Wework hat Vorbilder im Silicon Valley. Immer länger wird dort die Reihe der vollmundigen Verkaufsgenies, die ihre Start-ups in verwegenem Tempo vorantreiben, bis sie schliesslich geschasst werden müssen. Zu ihnen gehören etwa Travis Kalanick vom Internet-Taxiriesen Uber oder Kevin Burns vom Vaping-Pionier Juul. Schuld an den Exzessen sei das Übermass an neuem Geld auf der Suche nach zukunftsträchtigen Investitionen, glaubt der Experte Adam Epstein. «Die Firmen-­Governance verschlechtert sich im Gleichschritt mit der Zunahme des Kapitals von Leuten, die nicht zu den traditionellen Geldquellen gehören», sagte Epstein im «Wall Street Journal». Diese Investoren «müssen aufs Maul sitzen, um an die Deals heranzukommen».

Keine Lust auf Börsengänge

Gefährlich wird es, wenn eine charismatische Person an der Spitze die «Story» der Firma erzählt. Verliert diese Person Vertrauen, «wird die Senkrechtstarterstory schnell zu einer Zusammenbruchsstory», sagte Aswath Damodaran von der New York University dem «Journal».

Das Wework-Debakel sowie die herben Kursverluste der beiden seit diesem Jahr börsenkotierten Taxibetreiber Uber und Lyft haben Anlegern vorerst die Lust an neuen Börsengängen genommen. Die IPO-Aktivität an der Wall Street ist praktisch zum Erliegen gekommen. Nach einem Rekord von 2018 lösten dieses Jahr die Börsengänge von bisher 158 Firmen 53,1 Milliarden Dollar – weni­ger als 1999, 2000 und 2014. Inhabern betroffener Geschäftsliegenschaften bereitet der Abstieg von Wework grosse Sorgen. In Manhattan, wo das Unternehmen mit 650 000 Quadratmetern der grösste Büromieter ist, will kaum ein Liegenschaftsbesitzer mehr Verträge mit der tief ge­fallenen Firma ­abschliessen.

Dem Unternehmen könnte es am Ende das Genick brechen, dass es sich an einem 850 Millionen Dollar teuren Kauf des ehemaligen Warenhauses Lord & Taylor an der Fifth Avenue beteiligt hat. Jetzt muss es als Allein­mieter überhöhte Zinse für 61 000 Quadratmeter aufbringen.

Ohne sehr viel frisches Geld wird dies dem Unternehmen kaum gelingen. Die Ratingagentur Fitch hatte dessen Kreditwürdigkeit unlängst nach unten korrigiert: Die Liquidität sei «prekär». Am letzten Freitag schrieb die «Financial Times» unter Berufung auf Insider, dass die bei Wework engagierten Banker unter der Führung von JP Morgan ein neues Kreditpaket zu schnüren versuchten, um mehr Zeit für die Restrukturierung zu gewinnen. Das Rettungspaket soll diese Woche stehen.

Erstellt: 14.10.2019, 15:19 Uhr

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