Psychiater: «Der Zulauf von Bankern ist enorm»

Panik an den Börsen, Angst bei Anlegern und Sparern – die Finanzkrise versetzt die Leute in Aufruhr. Das bekommt auch die Psychiatrie zu spüren.

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Anleger verkaufen ihre Aktien; Sparer tragen ihr Geld zu Banken mit Staatsgarantie. Befindet sich die Gesellschaft in einem Zustand kollektiver Angst?
Josef Hättenschwiler: Ja. Anders ist nicht zu erklären, dass die Leute ihr Geld abheben und ihre Aktien verkaufen, obschon diese bereits sehr tief gesunken sind. Die Leute wollen sich retten. Sie sind getrieben von purer Angst.

Sie behandeln Patienten mit Angsterkrankungen. Spüren Sie die Finanzkrise?
Und wie wir die Krise spüren! Der Zulauf von Patienten aus den Banken und Versicherungen ist seit einigen Monaten enorm. Manche leiden an Stresssymptomen oder depressiven Erschöpfungszuständen. Andere fürchten um ihren Job und kommen mit dieser Angst zu uns. Wir registrieren namentlich in der Finanzwelt ein markant erhöhtes Stressniveau. Die Leute gehen – selbst wenn sie krank sind – zur Arbeit, weil sie fürchten, andernfalls zum Kandidaten für einen Stellenabbau zu werden.

Gibt es auch ausserhalb der Finanzbranche Personen, denen die aktuellen Turbulenzen derart zusetzen, dass sie Ihre Hilfe suchen?
Es gibt Patienten, die bei uns sind, weil sie einen grossen Teil ihres Vermögens verloren haben. Das sind vor allem Leute, die – auf Anraten ihrer Bank – Produkte der Lehman Brothers gekauft hatten. Diese Leute haben sehr viel Geld verloren und befinden sich jetzt zum Teil in existenziellen Krisen.

Der Banker, der um seinen Job fürchtet, der Anleger, der sein Geld verloren hat und um seine Existenz bangt – das sind Fälle von realer Angst. Daneben gibt es viele Leute, die bisher nicht unmittelbar von der Krise betroffen sind und trotzdem grosse Ängste ausstehen...
Was heisst: nicht unmittelbar betroffen? Wenn jemand – auch ein Nicht-Banker – in der aktuellen Situation um seinen Job oder um sein Pensionskassenguthaben fürchtet, sind das reale Ängste. Die Frage ist, wie begründet und wie gross die Ängste sind und wie der Einzelne damit umgeht.

Wozu ist die Angst beim Menschen da?
Jiri Modestin: Angst ist kein schlechtes Gefühl. Sie signalisiert Gefahr und hat eine wichtige biologische Funktion. Angst entsteht immer dann, wenn ein Verlust droht. Wie stark sie sich äussert, ist individuell verschieden – manche Menschen lassen sich wenig erschüttern, bei anderen treten Krankheitssymptome auf: Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, Depressionen.

Wann braucht ein Patient Behandlung?
Ob es eine Behandlung braucht, hängt von der Intensität des Leidens ab. Grundsätzlich müssen Ängste behandelt werden, wenn sie die Patienten in ihrem Alltagsleben beeinträchtigen. Unerheblich ist dagegen, ob die Angst real ist oder nicht – also ob es um einen real drohenden Jobverlust geht oder um eine irreale Phobie vor Spinnen, Katzen oder Tunnels.

Gibt es Menschen, die auf Grund der Finanzkrise krankhafte Ängste empfinden, obschon sie nicht direkt unter der Krise zu leiden haben?
Es kommt in der Psychiatrie selten vor, dass eine einzige Ursache eine bestimmte Wirkung zeitigt. Meist führen diverse Faktoren zu einer Erkrankung. Das gilt auch in diesem Fall: Es gibt Personen, die bereits aus anderen Gründen besonders angespannt sind – weil die familiäre Situation schwierig ist, weil sie mit dem Druck am Arbeitsplatz nicht zurecht kommen oder weil sie ein Suchtproblem haben. Bei diesen Leuten kann die allgemeine Negativstimmung der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Hättenschwiler: Dieser Effekt kann auch bei Menschen mit generalisierten Ängsten eintreten. Solche Ängste sind ein verbreitetes Phänomen; es geht dabei um Personen, die sich über alles und jedes Sorgen machen - über die Arbeit, die Kinder, den Partner oder gar das Haustier. Diese Menschen hangeln sich von einer Sorge zur nächsten und befinden sich in einer dauernden ängstlichen Erwartung. Sie tragen, bildlich gesprochen, immer ein fast volles Gefäss an Sorgen mit sich herum.

Kann man sagen: Das Thema Geld kommt in Ihren Therapiegesprächen viel öfter vor als noch vor einem Jahr?
Absolut, ja. Geld, Geldverlust, Existenzängste – das sind sehr präsente Sorgen. Die Krise führt dazu, dass das Finanzielle zu einem noch explosiveren Thema geworden ist, als es dies ohnehin ist. Manche Patienten berichten davon, dass vergleichsweise harmlose Kursverluste enorme Auswirkungen gezeitigt hätten - zum Beispiel massive Vorwürfe des Lebenspartners, sie hätten das Familiengeld verspielt.

Die Angst bringt die Leute dazu, ihr UBS-Konto zu leeren und ihre Aktien zu verkaufen - damit tragen sie dazu bei, dass sich die Krise noch verschärft. Wie bringt man verängstigten Menschen das Vertrauen zurück?
Modestin: Es ist nicht die primäre Aufgabe der Psychiatrie, das Vertrauen in die Wirtschaft wiederherzustellen. Hättenschwiler: Der Mensch hat ein Angsthirn, und er hat ein Vernunfthirn. Unter normalen Umständen dominiert das Vernunfthirn das Angsthirn. Dann denken wir ruhig und handeln rational. Geschieht etwas Bedrohliches, schaltet sich jedoch das Angsthirn ein, mit der Folge, dass wir unter Umständen nicht mehr vernünftig denken können. Dann gibt es nur noch zwei Reflexe: Fliehen oder Kämpfen. Das Beruhigende ist: Panikreaktionen gehen vorbei, selbst wenn die Bedrohung sich nicht so rasch verzieht. Es gehört zu den Fähigkeiten der menschlichen Psyche, dass sie sich an Bedrohungen anpassen kann. Wenn Sie also nach einem Ratschlag fragen: Abwarten und den Kopf abkühlen lassen.

Versuchen Sie bei Patienten, deren Vernunfthirn nicht von selbst wieder auf Touren kommt, in Ihren Therapiegesprächen ein bisschen nachzuhelfen?
Das tun wir. Ich habe einen Patienten, der mit seinem ganzen Geld Platin kaufen wollte. Ich sprach mit ihm darüber und riet ihm, sich solid zu informieren, bevor er etwas unternimmt.

Sind verängstigte Menschen besonders anfällig für den Herdentrieb? Der Arbeitskollege wechselt die Bank - also wechsle ich auch… Der Nachbar hat seine Aktien verkauft, also verkaufe ich auch... Modestin: Der Mensch ist ein Herdentier. Das ist nichts Neues. Vorher trug jeder Kleinverdiener sein Geld an die Börse. Jetzt geht der Weg in die andere Richtung. Allerdings ist es tatsächlich so, dass sich der Mensch in Krisen besonders leicht beeinflussen lässt. Das macht ihn empfänglicher für den Herdentrieb, hat aber auch positive Seiten: Menschen, die sich in einer Krise befinden, werden offener für psychologische Interventionen.

Wir erleben nicht die erste Krise auf den Finanzmärkten. Lässt sich die heutige Angst mit früheren Ängsten vergleichen?
Hättenschwiler: Die Ängste, die in der aktuellen Finanzkrise empfunden werden, sind dieselben, die auch in anderen Krisen, etwa in der Weltwirtschaftskrise nach 1929, empfunden wurden. Aber wir leben in einer anderen Zeit. Es gab damals noch keine Globalisierung. Heute stehen wir morgens auf, stellen das Radio an und erfahren: Der Dow Jones hat sieben, der Nikkei-Index zehn Prozent verloren. Dazu die drastische Rhetorik - kaum wach, hören wir vom freien Fall der Kurse und von gebrochenen Dämmen. Das ist kein schönes Aufstehen! Das gilt für uns alle, ganz besonders aber für Leute mit depressiven Neigungen, für die das Aufstehen sowieso der schwierigste Teil des Tages ist. Dann geht es weiter: Auch die Schweizer Börse eröffnet schlecht. Wer Radio hört, bekommt halbstündlich dieselben Negativmeldungen serviert. Die ständige Wiederholung schlechter Nachrichten verstärkt bei den Leuten das Gefühl der Unsicherheit und lässt ihr Vertrauen schwinden.

Es ist mit anderen Worten schwierig geworden, sich der Angst zu entziehen.
Genau. Kein Wunder, bekommen in diesem Trommelfeuer auch jene Angst, die keine Aktien besitzen und in keinen Hedge-Fund investiert haben. Die Nachrichtenflut verlangt vom einzelnen Menschen ein enormes Relativierungsvermögen: Er muss in der Lage sein, die Vorgänge ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen ins Bockshorn jagen zu lassen.

Gab es in jüngerer Zeit Krisen, die sich ähnlich auf die Psyche ausgewirkt haben?
Modestin: Vor einigen Jahren gab es den globalen Hype um die Vogelgrippe. Er ist ein Beispiel, wie eine Panik entstehen und sich wieder verziehen kann. Vor 25 Jahren löste Aids riesige Ängste aus. Allerdings handelt es sich bei Aids, etwas weniger ausgeprägt auch bei der Vogelgrippe um Fälle, bei denen der einzelne Mensch etwas tun kann. Er kann sich schützen. Gegen die Finanzkrise kann der Einzelne im Moment nichts tun. Ihr ist er ausgeliefert.

Hat das zur Folge, dass Sie als Psychiater die Finanzkrise stärker spüren als etwa die Vogelgrippe?
Hättenschwiler: So ist es. Je ausgeprägter das Gefühl von Machtlosigkeit, umso grösser die Ängste. Hinzu kommt: Die meisten Leute verstehen nicht, was passiert. Zudem erhalten sie den Eindruck, dass selbst die Experten nicht mehr begreifen, was vor sich geht. Und was man nicht begreift, macht eben Angst.

Erstellt: 11.10.2008, 15:13 Uhr

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