Kolumne

Schwarze Schwäne erscheinen nie, wenn alle auf sie warten

Vor der Finanzkrise 2008 wollten die Experten nichts von Absturz wissen, nachher wurden viele zu Apokalyptikern. Was, wenn die Apokalypse ausbleibt?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wäre der Euro zusammengebrochen und die EU implodiert, man hätte den Experten und Prognostikern ein Kränzchen winden müssen. Seit Jahren verkünden sie das nahe Ende. Es ist nicht eingetreten. Der europäische Patient ist auf dem Weg der Besserung.

Bei der Finanzkrise 2008 sah es in der Tat kritisch aus: Optimismus war damals angesagt, kaum jemand sah die grosse Schmelze voraus. Nassim Taleb war einer der wenigen, die es taten. Mit dem Bild vom schwarzen Schwan schuf er die passende Metapher für das kollektive Versagen: Das seltene Geschöpf steht für Katastrophen, die niemand kommen sieht und abzuwenden weiss, weil sie der Erfahrung und den Modellen widersprechen.

Der Crash 2008 stellte die Optimisten bloss und machte Schwarzseher wie Taleb und Nouriel Roubini zu Rockstars. Diese Erfahrung grub sich ins kollektive Gedächtnis der Wirtschaftsexperten. Als sich die europäische Währungskrise 2010 zuspitzte, wurden Griechenlands Exit und das Auseinanderbrechen des Euro wie Gewissheiten gehandelt. Die Frage war nicht mehr das Ob, nur noch das Wann.

Ausser Rand und Band

Ironischerweise führten die Lehren aus dem kollektiven Expertenversagen direkt ins nächste Versagen: Nicht nur die zu Pessimismus neigenden Soziologen, sondern auch die eher optimistischen Ökonomen sahen auf einmal schwarz. Der schwarze Schwan wurde zu einer Chiffre für eine aus den Fugen geratene Zeit. Das alleine hätte schon stutzig machen müssen. Denn schwarze Schwäne erscheinen nie, wenn alle gebannt auf sie warten.

Der Crash der Finanzsysteme 2008, der fast die gesamte Realwirtschaft in den Abgrund riss, kam nach einer langen Phase, in der sich der Bankensektor in seiner Wachstumsdynamik immun gegen realwirtschaftliche Krisen zeigte. Umso heftiger erschütterte der Crash die Weltsicht der Öffentlichkeit wie der Experten. Auf den rauschhaften Optimismus folgte ein übersteigerter Pessimismus, der sich besonders in der Deutung der Eurokrise zeigte. Was Carl von Clausewitz für Kriege formulierte, gilt für Krisen generell: Jeder neuen wird zunächst mit dem Paradigma der letzten begegnet, ehe sie ihr eigenes prägt. So weit sind wir bei der Eurokrise noch nicht. Doch das Paradigma des Zusammenbruchs ist am Bröckeln und mit ihm seine Monumente.

Paul Krugman hat das pessimistische Paradigma nach 2008 wie kein anderer geprägt. Noch 2012 verkündete der Wirtschaftsnobelpreisträger in der «New York Times» die nahe «Apokalypse», das Ende des Euro liege «gleich um die Ecke». Der Verfechter gigantischer staatlicher Geldinfusionen stilisierte sich nach dem Crash nicht nur selber zum Unfehlbaren, er wurde in Europa von vielen klugen Köpfen auch als das gesehen. Die Krugman-Verehrung erinnerte an die Zeit vor der grossen Krise. Damals war es der US-Notenbankchef Alan Greenspan, der das herrschende Paradigma verkörperte: den Optimismus. Die gebildete Öffentlichkeit horchte gebannt auf die Verlautbarungen des «Orakels» – bis der Crash die alten Wahrheiten begrub.

Hartnäckige Apokalyptiker

Krugmans Vorteil ist, dass seine Voraussage eine pessimistische ist. Der Euro ist bisher nicht zusammengebrochen, aber wer sagt, dass er es nicht noch tut? Griechenland hat ihn nicht zu Fall gebracht, Italien auch nicht – doch nun gerät der französische Koloss in immer bedrohlichere Schieflage. Die Erfahrung zeigt: Das Ausbleiben der Apokalypse stimmt Apokalyptiker nicht um, sie verschieben einfach das Datum. Der Pessimismus stemmt sich hartnäckig gegen die Erfahrung. Es genügt ein plausibles Restrisiko, um ihn zu nähren. Der Optimismus hingegen muss sich Tag für Tag neu beweisen. Und die Erholung von der Krise ist schleichend, voller Rückschläge.

Das Warten auf den schwarzen Schwan wird so schnell nicht abgeblasen, allzu viele müssten ihr Versagen eingestehen. Doch schon jetzt wenden sich die Wendigeren unter den Euro-Pessimisten still und leise neuen Themen und Krisenherden zu. Am Schluss bleibt der harte Kern, der dem europäischen Projekt seit je mit Skepsis begegnete und sich von keinem schwarzen Schwan und auch keinem weissen davon abbringen lässt.

Erstellt: 07.01.2014, 07:19 Uhr

Artikel zum Thema

Rogoff-Reinhart vs. Krugman

Never Mind the Markets Never Mind the Markets Carmen Reinhart, Kenneth Rogoff, Paul Krugman: Alle sind sie Topökonomen, alle haben Gescheites zu dieser Krise zu sagen und doch geben sie sich Saures. Was steckt hinter diesem Konflikt? Zum Blog

Der grosse Ökonomen-Streit: Wie verhindert man den Kollaps?

Ökonomen-Streit Deutsche und angelsächsische Ökonomen haben eine komplett unterschiedliche Sicht auf die aktuelle Wirtschaftskrise. Beide Seiten haben allerdings etwas gemeinsam. Mehr...

«Die Idee eines geeinten Europa wird platzen»

Interview Der Erfolgsautor und ehemalige UBS-Banker Nassim Nicholas Taleb kritisiert das europäische Projekt scharf. Für Länder wie die Schweiz, die weiterhin auf Tradition und dezentralisierte Strukturen setzen, hat er dagegen nur Lob übrig. Mehr...

Michael Hermann
Der Politgeograf wechselt sich mit Autorin und Schauspielerin Laura de Weck und Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm ab.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...