Zürich-Bern für 10 Franken

Die Zahl der Fernbusunternehmen aus dem Ausland, die in die Schweiz vordringen, wächst rasant. Die einheimische Konkurrenz klagt über massive Nachteile.

Fährt mit einer deutschen Bewilligung: Ein Bus der Deutschen Bahn, der in Kooperation mit den SBB die Strecke Zürich–München bedient. (19. Dezember 2013)

Fährt mit einer deutschen Bewilligung: Ein Bus der Deutschen Bahn, der in Kooperation mit den SBB die Strecke Zürich–München bedient. (19. Dezember 2013) Bild: Keystone

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Von Zürich nach Frankfurt ab fünf Euro: Mit dem gemeinsamen Unternehmen der Deutschen Post und des Automobilclubs ADAC bietet ab Mitte August ein weiterer Anbieter aus Deutschland Fernbusverbindungen in die Schweiz an, wie am Wochenende bekannt geworden ist.

In Deutschland wurde Anfang 2013 der inländische Fernbusverkehr liberalisiert. Zuvor war die Deutsche Bahn während Jahrzehnten vor der Konkurrenz der Strasse geschützt worden. Seither ist der Markt explodiert. Zahlreiche Unternehmen liefern sich einen knallharten Preiskampf. Trotzdem soll das Marktvolumen in diesem Jahr 160 Millionen Euro erreichen. Bis 2015 wird eine Verdoppelung auf 350 Millionen Euro vorausgesagt. Mit der Liberalisierung haben die deutschen Unternehmen auch die Schweiz und insbesondere Zürich entdeckt. Bislang hatten bei Fernbusreisen ab der Schweiz Destinationen auf dem Balkan oder Südeuropa dominiert.

Ungleiche Spiesse

Für die Schweizer Unternehmer ist die Konkurrenz aus Deutschland hart. Der grösste Anbieter, der sich ganz in Schweizer Hand befindet, ist derzeit Expressbus mit insgesamt 13 Strecken – zum Beispiel zwischen Zürich und München. Die Preise sind auf dieser Strecke ähnlich tief wie bei der ausländischen Konkurrenz (ab 20 Franken). Expressbus-Besitzer Patrick Angehrn klagt aber über ungleiche Spiesse. Gemäss Angehrn werden Schweizer Anbieter heute aufgrund der Gesetzeslage gleich mehrfach benachteiligt:

1. Anders als in Deutschland ist der Binnenfernverkehr in der Schweiz nach wie vor sehr stark eingeschränkt. Die entsprechende Verordnung sieht vor, dass Linien nur dann bewilligt werden, wenn der von der öffentlichen Hand mitfinanzierte Verkehr (sprich die Bahn und die Postautos) nicht konkurrenziert werden. Das bedeutet, dass alle Fernbusanbieter in der Schweiz nur internationale Passagiere aufnehmen dürfen. Hält ein Bus auf dem Weg von Zürich nach München zum Beispiel in St. Gallen dürfen lediglich Passagiere nach München zusteigen. Ein Passagiertransport von Zürich nach St. Gallen mit dem Bus ist verboten. Gemäss Angehrn wirkt sich dieses Verbot primär auf die Schweizer Anbieter aus. «Für die deutschen Unternehmen sind die Stationen in der Schweiz lediglich Anhängsel an ihre nationalen Linien in Deutschland. Sie fahren einfach ein paar Kilometer weiter als sie es ohnehin tun würden.»

2. Anders als deutsche Busunternehmen dürfen Schweizer Anbieter laut Angehrn auch innerhalb von Deutschland keine Passagiere transportieren. Deshalb rechneten sich nur Verbindungen in relativ grenznahe Städte wie München oder Stuttgart.

3. Schliesslich ist es für Schweizer Busunternehmen gemäss Angehrn auch verboten, Passagiere zwischen verschiedenen EU-Staaten zu transportieren: «Fahren wir von Zürich via Bregenz nach München, dürfen wir im Gegensatz zu EU-Unternehmen auch zwischen Bregenz und München niemanden transportieren.»

St. Gallen-Genf ab 25 Franken

Angehrn hofft deshalb, dass der Binnenfernverkehr in der Schweiz zumindest etwas liberalisiert wird. Der Bundesrat sei gemäss dem Personenbeförderungsgesetz berechtigt, Ausnahmen für den nationalen Busverkehr zu bewilligen. Interessant wären für Schweizer Anbieter demnach vor allem die Hauptstrecken auf den Nord-Süd- und der West-Ost-Achse. Hier sind laut Angehrn Einstiegspreise bei Zürich–Bern ab 10 Franken oder bei St. Gallen-Genf ab 25 Franken realistisch.

Der Schweizerische Nutzfahrzeugverband (Astag) ist dennoch skeptisch: Wie André Kirchhofer, Mitglied der Geschäftsleitung, sagt, unterscheiden sich die Märkte Deutschland und Schweiz erheblich. In der Schweiz gebe es derzeit nur eine Handvoll Unternehmen, die allenfalls interessiert und gross genug wären, um ein konkurrenzfähiges nationales oder internationales Fernbusangebot aufzubauen. Auch hat er Zweifel, ob innerhalb der Schweiz ein Binnenfernbusangebot überhaupt funktionieren würde. Das bestehende schweizerische ÖV-Angebot sei viel dichter als in Deutschland und auf den Hauptstrecken zwischen den grossen Städten wie zum Beispiel Bern–Zürich sei die Bahn auch in Bezug auf die Geschwindigkeit den Bussen überlegen.

Angehrn widerspricht: Fernbusse würden in der Schweiz wie in Deutschland primär von preissensitiven Kunden genutzt. Die Geschwindigkeit sei zweitrangig. «Wem Geschwindigkeit wichtig ist, der nutzt auch in Deutschland den ICE», sagt Angehrn.

«Wieso sollte man etwas ändern?»

Trotz gewisser Bedenken gibt es laut Kirchhofer beim Astag Diskussionen zum Thema Fernbusse. Der internationale Trend spreche für mehr Fernbusse. Ein Vorstoss zur Lockerung der aktuell sehr strengen Verordnung für den Binnenfernverkehr sei zwar momentan nicht geplant. Man schliesse für die Zukunft aber nichts aus. «Wir behalten das Thema im Auge», so Kirchhofer. Die politischen Chancen für eine Lockerung schätzt er allerdings als gering ein.

Das sagt auch Walter Wobmann. Der SVP-Nationalrat ist Präsident des Verbandes der Schweizerischen Busunternehmen. Also jener Anbieter, die im öffentlichen und somit staatlich subventionierten Busverkehr aktiv sind und zum Beispiel einzelne Postautolinien bedienen. «Die Chancen, dass sich etwas ändert, sind minim», sagt Wobmann. In der Verkehrskommission sei eine Liberalisierung derzeit kein Thema. Er sieht auch keinen Anlass dazu: Das heutige System der Schweiz funktioniere. «Wieso sollte man daran etwas ändern?»

Auch das zuständige Bundesamt für Verkehr (BAV) winkt ab: Eine Verordnungsänderung stehe derzeit nicht zur Diskussion, teilt das BAV auf Anfrage mit. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2014, 13:06 Uhr

210 Linien führen in die Schweiz

Das Angebot an Fernbussen in der Schweiz ist inzwischen beachtlich. Laut dem Bundesamt für Verkehr führen derzeit rund 210 Linien in die Schweiz. 150 davon starten oder enden hierzulande. Die vollständige Liste ist hier abrufbar.

Schätzungen zu den Passagierzahlen in der Schweiz gibt es nicht. In Deutschland, das den Markt 2013 liberalisiert hat, sollen im vergangenen Jahr bereits 9 Millionen ­Passagiere auf den Binnenfernverkehrslinien unterwegs gewesen sein. Es wird in den nächsten Jahren mit einem starken Wachstum gerechnet.(ldc)

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