Schweizer reisen wieder nach Ägypten

Wegen der Revolution und Terroranschlägen haben viele Feriensuchende das Land gemieden. Nun locken die Reiseziele mit attraktiven Preisen, obwohl die Sicherheitslage weiterhin fragil ist.

Bei Touristen stark nachgefragt: Reisen ins Land der Pyramiden, einschliesslich eines Kamelritts durch die Wüste. Foto: Amr Abdallah Dalsh (Reuters)

Bei Touristen stark nachgefragt: Reisen ins Land der Pyramiden, einschliesslich eines Kamelritts durch die Wüste. Foto: Amr Abdallah Dalsh (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manche Reiseveranstalter bezeichnen Ägypten wieder als Trenddestination. Die Angst der Touristen vor Anschlägen scheint überwunden zu sein. Jedenfalls verzeichnet das Land am Nil in diesem Jahr sehr hohe Wachstumsraten, wie Schweizer Reiseveranstalter bestätigen.

«Ägyptens Comeback begann im vergangenen Winter, als die Buchungszahlen wieder auf dem Niveau von vor dem Arabischen Frühling lagen», sagt Bianca Schmidt, Sprecherin von TUI. Nun sei Ägypten bereits wieder 80 Prozent im Plus gegenüber dem Vorjahr und auch im aktuellen Winter äusserst beliebt.

Zuversichtlich ist auch Prisca Huguenin-dit-Lenoir, Kommunikationsleiterin von Hotelplan Suisse: «Für Ägypten lagen wir in der Sommersaison 2017 mit rund 20 Prozent im Plus, in der Wintersaison 2017/18 mit 60 Prozent und aktuell mit 70 Prozent, immer jeweils im Vergleich zum Vorjahr.» Sie gibt aber zu bedenken, dass man derzeit nur rund die Hälfte der Buchungszahlen verzeichne, die 2011 für Ägypten ausgewiesen wurden.

Neues Vertrauen gewonnen

Markus Flick, Mediensprecher von Helvetic Tours, ergänzt: «Viele Schweizer stehen Ferien in Ägypten wieder positiv gegenüber.» Die Kunden hätten das Vertrauen in die Destination zurückgewonnen. So habe sich die Nachfrage im laufenden Jahr gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, und für 2019 verzeichne man ein hohes zweistelliges Plus gegenüber 2018.

Huguenin-dit-Lenoir nennt folgende Gründe für das Comeback der Feriendestination: Ägypten erreiche man von der Schweiz aus in nur vier Flugstunden. Beliebt sei die Destination bei Familien und Tauchbegeisterten, die den winterlichen Temperaturen in der Schweiz entfliehen wollten. Mit durchschnittlichen Lufttemperaturen von 29 Grad und Wassertemperaturen von 24 Grad sei das Land eine Ganzjahresdestination.

Die Sicherheitslage im Land hat sich zwar gebessert, doch gilt dies letztlich nur für die klassischen Tourismusgebiete wie Hurghada und Marsa Alam.

Laut Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands, ist das Preis-Leistungs-Verhältnis immer noch attraktiv, obwohl die Preise in Ägypten wieder etwas anziehen würden.

Die Sicherheitslage im Land hat sich zwar gebessert, doch gilt dies letztlich nur für die klassischen Tourismusgebiete wie Hurghada und Marsa Alam. Der Islamwissenschafter und Ägypten-Kenner Reinhard Schulze von der Universität Bern betont: «Reisen in die touristischen Regionen ist inzwischen sehr gut möglich. Allerdings sollten sich Touristen im Vorfeld über die politischen und sozialen Probleme gut informieren und alle Konfliktgebiete meiden.»

Zuversicht kehrt zurück

Nicht besuchen sollte man etwa Reiseziele wie das Katharinenkloster auf dem Sinai, die archäologischen Stätten in Mittelägypten oder Wüstenexkursionen in die westlichen Oasenregionen. Wie Schulze zu bedenken gibt, sei in Ägypten eine wirkliche Befriedung der Gesellschaft noch nicht gelungen. «Grössere Teile der Bevölkerung sehen sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen und haben begonnen, eigene soziale Institutionen aufzubauen», sagt der emeritierte Professor. Auf diesem Nährboden bildeten sich dann Oppositionsgruppen, die unter Umständen zu gewalttätigen Aktionen bereit seien.

Sieben Jahre ist es her, seit der Arabische Frühling auf Ägypten überschwappte. Inspiriert von der Revolution in Tunesien, begann im Januar 2011 die Auf­lehnung des Volkes gegen den damaligen Präsidenten Hosni Mubarak. Die anschliessenden politischen Unruhen liessen die Zahl der ausländischen Touristen drastisch zurückgehen.

Tourismusanteil der Wirtschaftsleistung beträgt rund 10 Prozent

2010 waren noch fast 15 Millionen Besucher in das Land der Pyramiden gekommen. Letztes Jahr stieg die Zahl der Besucher um 54 Prozent auf 8,3 Millionen. Mittlerweile wurden die Sicherheitsvorkehrungen deutlich erhöht. Die Polizei ist landesweit präsent – an Flughäfen und in Hotels, in Touristenorten, an Checkpoints auf Überlandstrassen, bei Pyramiden, Tempeln und Museen. Allerdings würden die Sicherheitskontrollen an den Eingängen manchmal lasch gehandhabt, wie Schulze moniert.

«Noch 2016 glaubte man, der Tourismus in Ägypten sei am Ende», sagt Schulze. Heute überwiege wieder die Zuversicht. Der Anteil des Tourismus an der ägyptischen Wirtschaftsleistung liegt derzeit bei etwa 10 Prozent. Etwa jeder zehnte Beschäftigte lebt vom Tourismus. Steigen die Urlauberzahlen wieder auf das Niveau von vor 2010, dürfte dies wesentlich zur Stabilisierung der Wirtschaft in diesem bevölkerungsreichen Land beitragen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.11.2018, 19:26 Uhr

Auch die Türkei legt zu

Nicht nur Ägypten erlebt einen Aufschwung, auch andere, bis vor kurzem noch als kritisch geltende Destinationen wie die Türkei erfreuen sich einer Renaissance – allen politischen Turbulenzen zum Trotz. «Vor allem in der zweiten Jahreshälfte verzeichnen die Reiseveranstalter teilweise Wachstumsraten von weit über50 Prozent», sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands. Allerdings sei man noch weit von den Rekordjahren entfernt. Innerhalb der Türkei profitieren laut Kunz vorab die Destinationen an der türkischen Riviera zwischen Antalya und Side von steigenden Buchungszahlen. Der Zerfall der türkischen Lira hat Istanbul wieder etwas attraktiver gemacht. Das Wachstum wird vor allem durch Gruppenreisen generiert. (rag)

Artikel zum Thema

«Ägypten ist heute noch weniger Demokratie denn je»

Was brachte der Arabische Frühling Ägypten? Stand das Land unter Mubarak besser da als unter Sisi? Dazu Experte Claudius Völkel. Mehr...

Antike Totenstadt in Ägypten entdeckt

Am Nil ist eine über 2500 alte Nekropole mit 40 Steinsärgen, 1000 Statuen und einer Goldmaske ausgegraben worden. Das sei erst der Anfang, so die Forscher. Mehr...

So viele Journalisten in Haft wie noch nie

In der Türkei, China und Ägypten sitzen gemäss einem Bericht des Komitees zum Schutz von Journalisten am meisten Medienschaffende im Gefängnis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Zahlgewohnheiten ändern sich

Für viele Menschen ist Bargeld heute noch das Nonplusultra. Kreditkarten gelten oft als teuer und eher unpraktisch. Doch die Zeiten ändern sich. Und vor allem die Karten selbst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Friede, Freude, Farbenrausch: Schülerinnen in Bhopal feiern das indische Frühlingsfest Holi. Das «Fest der Farben» ist ein ausgelassenes Spektakel, bei dem sich die Menschen mit Farbpulver und Wasser überschütten (19. März 2019).
(Bild: Sanjeev Gupta) Mehr...