Schwellenländer gründen «Mini-Währungsfonds»

Die Brics-Staaten emanzipieren sich von den grossen Wirtschaftsmächten: Eine eigene Institution soll IWF und Weltbank die Stirn bieten – ein Projekt, das die globale Finanzarchitektur grundlegend verändern könnte.

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Auch nach Abschluss der Fussball-Weltmeisterschaft bleibt Brasilien als Gastgeber im internationalen Fokus. In der nordöstlichen Küstenstadt Fortaleza wird morgen das sechste Treffen der Staats- und Regierungschefs der Brics-Staaten beginnen, und dieses dürfte sich als das bislang wichtigste herausstellen. Denn anders als bei den vorausgegangenen jährlichen Spitzenbegegnungen werden sich Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – kurz Brics – diesmal nicht auf wortreiche Erklärungen beschränken, sondern auch Taten sprechen lassen.

Die Spitzenvertreter der grössten Schwellenländer wollen zwei Institutionen ins Leben rufen, die sich an den Ideen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank orientieren – und längerfristig zu Konkurrenten der beiden Bretton-Woods-Organisationen heranwachsen könnten.

«Mini-IWF» mit 100 Milliarden Dollar

Die Initiative zur Gründung eines «Mini-IWF», so der russische Finanzminister Anton Siluanow, geht auf das vergangene Jahr zurück. Etliche Schwellenländer sahen sich unvermittelt mit Kapitalrückzügen von Investoren und schwächelnden Währungen konfrontiert, nachdem die US-Notenbank im Mai 2013 einen schrittweisen Ausstieg aus ihrer extrem lockeren Geldpolitik angedeutet hatte. Um für den Fall künftiger finanzieller Turbulenzen mit Kapitalflucht und Wechselkursschwund ein Auffangnetz bereitzuhalten, wollen die Brics-Länder nun einen 100-Milliarden-Dollar-Fonds etablieren mit der sperrigen Bezeichnung «Contingent Reserve Arrangement» (CRA). Finanziert wird dieser aus den Devisenreserven der involvierten Länder, wobei China mit 41 Milliarden den Löwenanteil beisteuern wird, Russland, Brasilien und Indien je 18 Milliarden aufwerfen, und von Südafrika 5 Milliarden kommen werden.

Parallel dazu beabsichtigen die Brics-Länder die Gründung einer eigenen Entwicklungsbank, die voraussichtlich ab 2016 nach dem Vorbild der Weltbank primär Infrastrukturprojekte mitfinanzieren soll. Dies deckt sich mit der Hauptpriorität des neuen indischen Regierungschefs Narendra Modi, die sich in schlechtem Zustand befindliche Verkehrsinfrastruktur seines Landes zu erneuern. Ob die neue Entwicklungsbank ihren Wirkungskreis auf Vorhaben innerhalb der Grenzen der Gründungsmitglieder beschränken oder auf weitere Schwellenmärkte ausweiten soll, wie dies insbesondere Russland wünscht, müssen die Staats- und Regierungschefs in Fortaleza noch klären. Starten soll die Brics-Bank mit einem Kapital von 50 Milliarden Dollar, das die fünf Staaten zu gleichen Teilen bereitstellen werden. Im Laufe der nächsten Jahre soll dieses auf 100 Milliarden aufgestockt werden.

Zu entscheiden gilt es beim morgigen Treffen ausserdem, wo die neue Entwicklungsbank ihren Hauptsitz haben wird. Laut Medienberichten liefern sich vor allem Indien und China ein Tauziehen, ob New Dehli oder Shanghai den Zuschlag bekommen soll.

Primär politische Stossrichtung

Gemessen an der Ausleihkapazität des Währungsfonds von über 900 Milliarden Dollar (einschliesslich der Quoten der Mitgliedsländer und der Neuen Kreditvereinbarungen), nehmen sich die 100 Milliarden der neuen CRA ziemlich bescheiden aus. Falls sich die Brics-Länder jedoch entschliessen sollten, den Teilnehmerkreis auf weitere Schwellenländer auszudehnen, könnte sich die Kreditkapazität des «Mini-IWF» entsprechend erhöhen. Auch die Weltbank mit ihren verfügbaren Ressourcen in Höhe von rund 330 Milliarden Dollar braucht die neue Entwicklungsbank wohl für lange Zeit nicht zu fürchten.

Dennoch wäre es aus Sicht von Experten unangemessen, die beiden Gründungsinitiativen der Brics-Länder einfach als Symbolpolitik abzustempeln. Sie sehen darin in erster Linie eine politische Stossrichtung: Die Schwellenländer sind nicht mehr ohne weiteres bereit, Strukturen und Mitbestimmungsrechte auf dem internationalen Finanzparkett zu akzeptieren, die ihr in den letzten Jahren deutlich gewachsenes wirtschaftliches Gewicht nur unzureichend repräsentieren. Der IWF hatte sich 2010 darauf verständigt, die Stimmen- und Kapitalquoten der Mitgliedsländer zugunsten der aufstrebenden Welt umzuverteilen. Doch bislang konnte diese Neuordnung nicht in Kraft treten, weil sich der Kongress in den USA beharrlich weigert, das entsprechende Gesetz zu ratifizieren.

Attraktivere Adresse für Finanzierungen

Hinzu kommt: Die neuen Brics-Institutionen dürften ihre Kreditvergaben voraussichtlich an weniger scharfe Bedingungen knüpfen, als dies IWF und Weltbank zu tun pflegen. Vor allem die strikte Konditionalität des Währungsfonds hat viele Schwellenländer von der Washingtoner Organisation entfremdet – und sie veranlasst, möglichst grosse Devisenreserven anzuhäufen, um im Krisenfall nicht auf IWF-Hilfen angewiesen zu sein. Für die aufstrebende Welt könnten sich der «Mini-IWF» und die neue Entwicklungsbank somit als weitaus attraktivere Anlaufadressen für ihre Finanzierungsbedürfnisse erweisen, wie Beobachter vermuten.

Der morgige Gründungsakt der Brics-Staats- und -Regierungschefs wird die internationale Finanzarchitektur nach einhelliger Einschätzung nicht über Nacht verändern. Doch über einen Mehrjahreszeitraum betrachtet, könnte von Fortaleza aus durchaus eine Dynamik mit weltumspannender Wirkung in Gang kommen.

Erstellt: 14.07.2014, 19:37 Uhr

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