Kopf des Tages

Schwerreicher Provokateur

Der chinesische Geschäftsmann Chen Guangbiao will die renommierte «New York Times» kaufen.

Begeistert und irritiert die chinesische Öffentlichkeit: Der Chinese Chen Guangbiao.

Begeistert und irritiert die chinesische Öffentlichkeit: Der Chinese Chen Guangbiao. Bild: Keystone

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Chen Guangbiao wird stets als Geschäftsmann bezeichnet. Und faktisch ist daran nicht zu rütteln. Als Chef einer Recyclingfirma, die Bauschrott wiederverwertet, hat Chen ein Vermögen gemacht, das auf 740 Millionen Dollar geschätzt wird. Nur wenige Hundert andere Chinesen besitzen ein grösseres Vermögen als er. Die Geschäfte laufen also gut. Doch in Wahrheit schlummert in dem 45-Jährigen ein Aktionskünstler, der nebenbei einfach ein paar Millionen im Jahr scheffelt, um seine Ideen realisieren zu können.

An der jüngsten Idee könnte er sich allerdings die Zähne ausbeissen. Chen hat angekündigt, er wolle den Verlag der «New York Times» übernehmen. Gemäss Reuters soll ihm ein nicht genannter Geschäftspartner aus Hongkong dabei helfen, dafür eine Milliarde Dollar beizubringen. Er sei in Gesprächen mit der Besitzerfamilie und optimistisch, dass man mit dem richtigen Angebot alles kaufen könne.

Dies, obwohl «Times»-Verleger Arthur Sulzberger Jr. wiederholt gesagt hat, die Zeitung stehe nicht zum Verkauf. Bemerkenswert an der Enthüllung von Chens ambitiösem Plan ist vor allem, dass er es geschafft hat, weltweit für Schlagzeilen zu sorgen. Viele Leute glauben offenbar, dass dem Mann alles zuzutrauen ist.

Seit Jahren begeistert und irritiert der Sohn einer mittellosen Familie aus der Provinz Anhui die chinesische Öffentlichkeit. Er tritt dabei einerseits als grosszügiger Philanthrop auf, der insgesamt 130 Millionen US-Dollar in den vergangenen Jahren gespendet hat, besonders wenn Naturkatastrophen das Land erschütterten. Seine Geschwister sehen von seinem Geld wenig, weil die es seiner Meinung nach nur verschleudern würden. Und das, obwohl die Familie in China heilig ist.

Originelle Ideen

Andererseits mischt sich Chen mit durchaus originellen Ideen in gesellschaftliche Debatten ein. Vor einer Weile verkaufte er als Reaktion auf die Luftverschmutzung in Chinas Grossstädten frische Luft in Dosen, oder er zerstörte seine Luxuskarosse mit einem Bagger, um für eine umweltfreundlichere Welt ohne Autos zu werben.

Rätsel gibt er seinen Landsleuten auf, weil er Bilder von sich veröffentlicht, auf denen er vor einer mannshohen Wand aus vermeintlichen Geldbündeln stolziert. Bedürftigen schenkte er in der Vergangenheit Bares unter der Bedingung, sie müssten sich gemeinsam mit ihm in Jubelpose und dem Geld in der Hand ablichten lassen.

Provokant war seine Forderung, die Ein-Kind-Politik solle nur für Eltern mit einem geringen Bildungsstandard gelten. Entsprechend kontrovers urteilen die Chinesen über den Wohltäter, der versprochen hat, nach seinem Tod sein gesamtes Vermögen spenden zu wollen. Manche werfen ihm vor, er tue all dies nur aus Kalkül, um seine Geschäftsinteressen zu fördern.

Bei der Regierung hat er aber einen Stein im Brett, weil er als treuer Patriot die territorialen Forderungen Chinas im Inselstreit mit Japan unterstützt. Er schenkte 43 Landsleuten ein nagelneues Auto chinesischer Bauart, nachdem ihre japanischen Fahrzeuge zuvor von wütenden Chinesen zerstört worden waren.

Im vergangenen Jahr schaltete er zudem eine grosse Anzeige in jener Zeitung, die er nun kaufen möchte – der «New York Times» –, um den Amerikanern mitzuteilen, dass die umstrittenen Senkaku-Inseln zu China gehörten, nicht zu Japan. In einem Interview mit der BBC gab Chen einst zu, dass er aufdringlich und frech sei. Aber er zweifelt nicht daran, auf dem richtigen Weg zu sein. In einem öffentlichen Brief an die Welt schrieb er einst, dass die Gesellschaft Hunderttausende Chen Guangbiaos brauche.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2014, 16:13 Uhr

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