Sitzen gelassen, weil überbucht – so viel Geld gibts

United liess einen Mann gewaltsam aus dem Flugzeug zerren. Wie man bei Überbuchung an Entschädigung kommt und was Passagiere sonst noch erhalten.

So sollte es nicht sein: Auf einem United-Airlines-Flug wird ein Passagier gewaltsam aus dem Flugzeug gebracht. (Tamedia-Webvideo)

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Für United Airlines ist es ein PR-Desaster: Nachdem die Fluggesellschaft mehr Tickets für einen Flug verkauft hatte, als es Platz im Flieger hatte, mussten vier Passagiere wieder aus der Maschine steigen. Einer weigerte sich. Die Airline rief die Polizei, und die Beamten zerrten den schreienden Reisenden gewaltsam aus dem Flugzeug. Andere Passagiere filmten den Vorfall.

Einer der Polizisten wurde inzwischen wegen des Vorfalls beurlaubt, United hat sich entschuldigt. Die Angestellten hätten aber korrekt gehandelt, indem sie die Polizei riefen, erklärte Geschäftsführer Oscar Munoz in einer Stellungnahme.

Überbuchen ist ganz normal

Der Vorfall von United ist ein Extrembeispiel, doch auch wenn es absurd klingt: Dass eine Airline zu viele Tickets für einen Flug verkauft, ist normal. Der Grund: Es gibt auf fast jedem Flug Passagiere, die nicht beim Check-in erscheinen. Allein bei Swiss-Mutter Lufthansa erscheinen jährlich rund 3 Millionen Menschen nicht am Schalter. Die Swiss selbst will keine Zahlen nennen.

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Sollen Airlines ihre Flieger überbuchen dürfen?





Viele dieser Reisenden – im Fachjargon werden sie No-Shows genannt – sind Business-kunden oder Passagiere mit flexiblen Tarifen, die eine kurzfristige Stornierung ermöglichen. Um die Flieger dennoch so gut wie möglich auszulasten, verkaufen Airlines also auf einigen Flügen mehr Tickets, als es Plätze gibt. Auf welchen Flügen man sich das in welchem Mass erlauben kann, errechnen Computerprogramme.

Historische Daten und andere Faktoren

«Für jeden Flug werden historische Daten hinterlegt, und es wird ein eigenes Profil errechnet. Mit diesem sogenannten Überbuchungsprofil wird versucht, kurzfristige Annullationen und No-Shows auszugleichen», sagt Swiss-Sprecherin Sonja Ptassek. Details, was dabei beachtet wird, erläutert die Swiss nicht.

Bildstrecke – die 5 Top-Airlines der Welt:

Doch in der Branche ist bekannt, dass etwa auch die Nationalität der Passagiere Auswirkungen auf die No-Show-Quote haben kann. So heisst es beispielsweise, dass Japaner in der Regel immer ihre Reise antreten. Auf Flügen ab und nach Indien hingegen kann es öfter dazu kommen, dass ein Passagier nicht erscheint. Diese Reisen dürften also entsprechend überbucht werden.

In der Regel geht die Rechnung auf – manchmal aber eben auch nicht, wie jetzt etwa im Fall von United Airlines. In der Schweiz verzeichnet das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) rund 400 Fälle pro Jahr, in denen Passagiere trotz gültigem Ticket auf der Strecke bleiben.

Wer spät kommt, hat im Zweifel Pech

Welchen Passagieren die Fluggesellschaft in einem solchen Fall das Boarding verweigert, hängt von verschiedenen Faktoren ab. «Sollte ein Flug effektiv überbucht und die Swiss gezwungen sein, Passagiere vom Flug zurückzuweisen, so wird zunächst nach Passagieren gesucht, die freiwillig vom Flug zurücktreten möchten», erklärt Sprecherin Ptassek.

Wenn sich nicht genügend Freiwillige finden, bestimmt die Fluggesellschaft, welche Passagiere nicht befördert werden können. Nicht betroffen davon sind Passagiere mit Sitzplatzreservierung. «Bei der Platzzuweisung auf einem überbuchten Flug haben unbegleitete Minderjährige und kranke oder invalide Fluggäste den Vorrang», heisst es ausserdem in den Beförderungsbedingungen der Swiss. «Den übrigen Fluggästen weisen wir Plätze in der Reihenfolge ihres Eincheckens für den Flug zu.» Das heisst: Wer spät kommt, hat Pech.

«Wir können für die Zuweisung der Sitze auch andere, nicht diskriminierende Kriterien verwenden», so die Airline. Das kann etwa heissen, dass Passagiere mit den günstigsten Tarifen im Zweifel das Nachsehen haben.

Bis zu 600 Euro Entschädigung

Entschädigt werden Passagiere, die nicht mitgenommen werden, ohnehin: Je nach Distanz und Verspätung gibt es zwischen 125 Euro und 600 Euro. Die Beträge werden in Euro angezeigt, weil sie von der EU festgelegt wurden. Wer in der Schweiz abfliegt, erhält den Betrag in Schweizer Franken.

Zusätzlich muss die Fluggesellschaft für Anrufe an den Bestimmungsort aufkommen, Mahlzeiten in der Wartezeit bezahlen, Transferkosten übernehmen und auch den Transport an den Zielort zahlen, falls der neue Flug zu einem anderen Flughafen führt als der eigentlich gebuchte – wenn man also zum Beispiel statt nach New York JFK nach La Guardia fliegt.

Das sind die sichersten Airlines der Welt:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2017, 12:32 Uhr

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