Hintergrund

Textilriese mit schmutziger Weste

Der US-Textilkonzern Gap bekam am WEF den Schmähpreis Public Eye Award. Porträt eines Giganten, dessen sonnige Selbstvermarktung so gar nicht zu den Geschäftspraktiken passt.

Die rosigen Selbstporträts des Kleiderherstellers Gap stossen der Jury des Public Eye Award sauer auf: Models präsentieren die Frühjahrsmode.

Die rosigen Selbstporträts des Kleiderherstellers Gap stossen der Jury des Public Eye Award sauer auf: Models präsentieren die Frühjahrsmode. Bild: Reuters

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Gap – ein treffender Name für die Firma, die mit dem Schmähpreis am diesjährigen Weltwirtschaftsforum ausgezeichnet wurde. Dieser wird von Greenpeace und der Erklärung von Bern jährlich für Profitgier vergeben. Der Name des US-Kleiderherstellers ist abgeleitet von «the generation gap» was im Deutschen der Generationenkonflikt genannt wird. Bei der Gründung der Firma im Jahr 1969 dachten Doris und Donald G. Fisher an die Differenzen zwischen Kindern und Eltern im Allgemeinen und bei der Kleidung im Besonderen.

Ein Gap, das ist ein Abstand, eine Kluft oder Diskrepanz. Der Kleiderhersteller weigert sich, das Abkommen mit den Gewerkschaften für die Sicherheit seiner Arbeiterinnen und Arbeiter in Bangladesh zu unterzeichnen. Damit vertritt er Wirtschaftspraktiken, die das Ungleichgewicht zwischen der Ersten und der Dritten Welt weiter fördern.

Seinen Hauptsitz hat das Unternehmen in San Francisco. Im Jahr 2012 erwirtschaftete Gap einen Reingewinn von einer Milliarde US-Dollar und ist mit ihren über 3000 Geschäften eine der weltgrössten Kleiderfirmen.

Rosige Selbstporträts, wenig dahinter

Gap wirbt damit, sich die Rechte seiner Arbeitnehmenden zu Herzen zu nehmen. Auf der Website finden sich verschiedene Programme für Frauen in Entwicklungsländern. Die rosigen Selbstporträts stossen Organisationen wie Greenpeace oder der Erklärung von Bern sauer auf. Gap habe in den letzten Jahren wenig unternommen, um Probleme zu lösen und die Sicherheit zu erhöhen, wird moniert.

Mehr als 4 Millionen Menschen, 85 Prozent davon Frauen, arbeiten in der 20 Milliarden US-Dollar schweren Bekleidungsindustrie in Bangladesh. Für das rasante Wachstum des Sektors zahlen vor allem die Arbeitnehmenden, schreibt die Jury des Public Eye Awards in einer Mitteilung. Wegen der Missachtung von Sicherheitsstandards komme es häufig zu Fabrikbränden und zum Einsturz von Gebäuden.

Früher nähten gekaufte Kinder die Kleider

Der Textilgigant – einer der Hauptabnehmer von Kleidern aus Bangladesh – weigert sich verbindliche Abkommen mit Gewerkschaften zu unterzeichnen und schiebt die Verantwortung auf Subunternehmer ab. Die Folgen sind minimale Sicherheitsstandards in den Fabriken, unzumutbar lange Schichten und Hungerlöhne für die Arbeiterschaft. Oft fehlen Notausgänge, genügend Treppenhäuser, um die Menschen im Gebäude innert Frist evakuieren zu können, und sichere elektrische Installationen wie Stromleitungen.

Die Herstellungsbedingungen der Gap-Mode stehen auf der einen Seite der Kluft, auf der anderen wirbt der Fashion-Riese mit sonnengebräunten, jungen Menschen in lässiger Jeansmode oder mit Kindern in Kapuzenpullis mit dem roten Schriftzug drauf. Vor sechs Jahren erschütterte ein Bericht der britischen Zeitung «The Observer» weltweit die Öffentlichkeit. Familien aus den indischen Unionsstaaten Bihar und Westbengalen hatten ihre Kinder an eine Zulieferfirma von Gap verkauft. Von Hand sollen sie in Dehli dann bis zu 16 Stunden am Tag genäht haben. Ohne Bezahlung. Der Kleiderhersteller reagierte und zog Zehntausende von Kleidungsstücken aus den Läden zurück.

Die Vertragsunterzeichnung würde Reformen beschleunigen

Ursprünglich verkaufte das Unternehmen bekannte Marken wie Levi Strauss. Ab 1982 begannen die Fishers damit, eigene Ideen zu entwerfen und zu vermarkten. Seit 1990 hat Gap keine Fremdmarken mehr im Sortiment. In den Jahren darauf nahm die Negativpresse zu. Nach einer internationalen Medienkampagne wegen schlechter Arbeitsbedingungen erklärte sich Gap als erstes grosses Unternehmen in den USA bereit, unabhängig überwacht zu werden.

Ob die Auszeichnung mit dem Schmähpreis für Profitgier das Textilunternehmen dazu bewegen wird, den «Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh» der Gewerkschaften zu unterzeichnen, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass der Modegigant damit wirksame Reformen in der Textilindustrie beschleunigen könnte. Damit der «Gap» zwischen Kunde und Arbeiter in Zukunft wieder etwas kleiner wird.

Erstellt: 23.01.2014, 18:40 Uhr

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