Interview

«Topmanager tauschen Lebenszeit gegen Geld»

Nach dem Freitod von Swisscom-Chef Carsten Schloter fragt sich die Schweiz: «Warum?». Berater Reinhard Sprenger über die schwierige Situation von Topmanagern.

Dauernd gefordert und darum irgendwann überfordert? Carsten Schloter an einer Pressekonferenz. (15. Februar 2012)

Dauernd gefordert und darum irgendwann überfordert? Carsten Schloter an einer Pressekonferenz. (15. Februar 2012) Bild: Sabine Felber/Keystone

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Sie haben unzählige Konzernchefs beraten. Was macht die Aufgabe an der Spitze eines Unternehmens so anspruchsvoll?
Bei der weitverbreiteten Glorifizierung von Topmanagern geht oft vergessen, auf welchen Deal sich diese Menschen einlassen: Sie tauschen Lebenszeit gegen Geld, opfern also oft ihr Privatleben für ihre gut dotierte Aufgabe. Wenn diese Aufgabe nicht extrem sinnstiftend ist und im Privaten kein starker Rückhalt vorhanden ist, dann hält das keiner schadlos lange durch. Ich möchte aber betonen, dass ich nicht den Suizid eines Menschen erklären kann. Warum jemand sich entscheidet, dass er alles Kommende nicht mehr erleben will, kann man nicht aus der Distanz monokausal deuten.

In einem Interview mit der «Bilanz» sagte Carsten Schloter einmal, es komme primär auf «Willen und Disziplin» an, im Beruf und beim Sport. Ist das charakteristisch für CEOs?
Chefs grosser Unternehmen stehen unter permanenter Beobachtung – durch die Angestellten, durch Kunden und Konkurrenz, auch durch die dauerhysterische Presse. Sie unterwerfen sich deshalb einer permanenten Selbstdisziplinierung und verinnerlichen diese Haltung nicht selten so stark, dass sie auch in Momenten, in denen sie unbeobachtet sind, kaum mehr entspannen können. Sie beweisen oft noch in der raren Freizeit ihre Leistungsfähigkeit, etwa bei exzessivem Sport. Sie unterwerfen alles derselben Maxime: überbieten.

Kann ein Manager überhaupt ein Unternehmen mit Zehntausenden von Mitarbeitern führen?
Wir neigen leider dazu, in archaischer Weise die Performance riesiger Organisationen einer einzigen Person zuzuschreiben, getreu dem alten Spruch «Männer machen Geschichte». Die Medien tragen wesentlich zu dieser Sichtweise bei. Dadurch entstehen überhöhte Erwartungen – und bei manchen Managern ein gefährlich Ego-getriebenes Selbstbild. Wie stark sich ein Manager für die Heldeninszenierung hergibt, ist eine individuelle Entscheidung, die eng an das Selbstwertgefühl gekoppelt ist. Wenn der Beruf der einzige Identitätsanker ist und die berufliche Reputation zum Mass aller Dinge wird, dann wird man sehr verwundbar. Dann ist der Job nicht länger eine interessante Aufgabe, sondern das ganze Leben.

Sie sagten vorhin selber: Man opfert das Leben für den Job. Carsten Schloter sagte im «Bilanz»-Interview: «Unser Tagesablauf schreibt uns ja mitunter von morgens bis abends Sitzungen vor. (...) Der Raum zum freien Denken ist enorm klein.»
Früher hatte die Arbeit einen Anfang und ein Ende, dann blieb Raum zur Erholung und Entspannung. In der heutigen Arbeitswelt sind Manager in einem permanenten Erregungszustand, der Job wird zur Obsession. Nicht von ungefähr sagt man, viele von ihnen seien mit der Arbeit verheiratet. Wer pausenlos unter Strom steht, brennt mit der Zeit aus. Und er verliert die Distanz zu den Problemen, auch zu sich selbst, die Fähigkeit zu relativieren. Das führt oft zu einem ungesunden Aktivismus. Moderne Manager lassen sich im Schnitt alle drei Minuten unterbrechen, eilen dann zu einem neuen Brandherd. Wer nachdenkt, gilt als führungsschwacher Zauderer, also wird Entscheidungs- und Durchsetzungsstärke zelebriert. Die meisten Manager beschäftigen sich deshalb 90 Prozent der Zeit mit Problemen, die sie selber geschaffen haben. Das führt leicht zu einer Sinnkrise, die weder mit Effizienzsteigerung noch mit erhöhtem Einsatz zu bewältigen ist.

Hat die Sinnkrise auch damit zu tun, dass viele Unternehmen anonyme Gesellschaften geworden sind?
Aus anthropologischer Sicht ist klar, dass es praktisch unmöglich ist, in Gruppen mit über 300 Mitgliedern vertrauensvoll zu kooperieren. Für Chefs ist das nochmals schwieriger, denn Macht ist immer ein kommunikativer Sündenfall. Wenn Sie CEO sind, dürfen Sie nicht auf Offenheit und Ehrlichkeit hoffen, dann wird unter Ihnen hauptsächlich politisch kommuniziert. Konzernmanager sind aufgrund ihrer Funktion immer strukturell isoliert und einsam im Unternehmen. Wenn für einen Manager die Steigerung des Unternehmenswertes der einzige Antrieb ist, der den Motor am Laufen hält, wird es gefährlich, weil es dann keine Momente der Erfüllung gibt. Erfolg ist ein flüchtiger Gast, der kein Innehalten erlaubt.

Sind Sie ihm auch hinterhergerannt?
Ich habe mich vor über 20 Jahren dafür entschieden, dass Zeit-Reichtum der einzige wahre Reichtum ist. Von da an setzte ich alles daran, meine Zeit so frei wie möglich einzuteilen – seit ich im höheren Alter nochmals Vater geworden bin, ist mir das wichtiger denn je. Nichts wäre so attraktiv, dass ich deswegen das Aufwachsen meiner Kinder verpassen möchte. Am Anfang genoss ich es, gefragt zu sein. Die Eitelkeit führte dazu, dass ich pausenlos in irgendwelche Städte zu Referaten reiste und kaum noch wusste, in welcher Stadt ich war. Heute kann ich es mir erlauben, etwas zu tun, was sich kein Manager auf dieser Welt leisten kann: Mich tage-, ja wochenlang mit einem Thema zu beschäftigen – etwa mit der Frage, wie Manager das edelste Ziel der Führung erreichen können: sich selber abzuschaffen, indem sie das Unternehmen zur Selbstführung befähigen.

Erstellt: 24.07.2013, 07:48 Uhr

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Rückblick auf das Leben von Carsten Schloter

Rückblick auf das Leben von Carsten Schloter Der 49-jährige Swisscom-CEO Carsten Schloter ist tot.

«Erfolg ist ein flüchtiger Gast»: Berater Reinhard Sprenger. (Bild: Sabine Felber)

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