Uhrenindustrie blickt mit Sorge nach China und Hongkong

Der Ausbruch des Coronavirus weckt ungute Erinnerungen: Bereits 2003 traf Sars die Branche empfindlich. Dabei hat sie ein gutes Jahr hinter sich.

Die Schweizer Uhrenindustrie hat 2019 wertmässig mehr Zeitmesser exportiert als im Vorjahr. Foto: Patrick Hürlimann (Keystone)

Die Schweizer Uhrenindustrie hat 2019 wertmässig mehr Zeitmesser exportiert als im Vorjahr. Foto: Patrick Hürlimann (Keystone)

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Aus Sicht der 59’000 Angestellten der Schweizer Uhrenindustrie ist ein erfolgreiches Geschäftsjahr zu Ende gegangen. Die Mitarbeiter stellten Zeitmesser im Wert von 21 Milliarden Franken her, die 2019 ins Ausland geliefert worden sind. Das macht die Uhrenindustrie zum drittwichtigsten Exportzweig der Schweizer Wirtschaft.

Gegenüber dem Vorjahr verzeichnet die Branche eine Zunahme von 2,4 Prozent, wie die aktuellen Aussenhandelszahlen des Dachverbands der Uhrenindustrie zeigen. In wichtigen Absatzmärkten wie China, Japan und Grossbritannien liegt das Wachstum im zweistelligen Bereich.

Allerdings muss sich die Uhrenindustrie auf turbulente Zeiten einstellen: Im wichtigsten Absatzmarkt Hongkong sind die Exporte im vergangenen Jahr um 11,4 Prozent eingebrochen. Die Proteste dort gegen das kommunistische Regime in China schrecken kaufwillige Touristen ab und stören das öffentliche Leben. So ist etwa der öffentliche Verkehr beeinträchtigt. Der weltgrösste Uhrenkonzern Swatch Group mit Sitz in Biel hat in der ehemaligen britischen Kronkolonie Läden aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen.

Hongkong ist ein wichtiger Absatzmarkt

«Solange die Unruhen dort andauern, werden sie sich negativ auf unsere Verkäufe auswirken», sagt Jean-Daniel Pasche, Präsident des Dachverbands der Uhrenindustrie. Derzeit sei nicht absehbar, wann die Proteste aufhören.

Hongkong ist einerseits eine beliebte Einkaufsdestination für kaufkräftige Touristen vom chinesischen Festland. Auf der anderen Seite ist die Metropole aber auch ein Drehkreuz für die Nachbarländer. Von dort aus versorgt die Schweizer Uhrenindustrie die umliegenden Märkte in Südostasien. Die Eskalation der Proteste trifft die hiesigen Uhrenhersteller deshalb empfindlich.

Hinzu kommt der Ausbruch des Coronavirus in China, dem drittwichtigsten Markt für die Uhrenindustrie. Sollte die chinesische Regierung weitere drastische Massnahmen ergreifen, könnte dies Folgen für die Tourismusströme und damit auch für die Verkäufe haben.

Die Epidemie sei eine Bedrohung für das laufende Jahr, sagt Pasche. «Bis jetzt haben wir aber noch keinen Einfluss auf den Markt gemerkt. Wir müssen aber aufmerksam bleiben.» Da das Virus erst in diesem Monat ausgebrochen ist, dürften sich die ersten Auswirkungen erst in den Exportzahlen für den Januar 2020 zeigen. Diese veröffentlicht der Branchenverband erst Ende Februar.

Die Angst vor dem Déjà-vu

Sollte sich das Coronavirus tatsächlich zu einer Pandemie entwickeln, würde die Uhrenindustrie ein Déjà-vu erleben. Vor 17 Jahren traf der Ausbruch der Atemwegsinfektion Sars in Asien die Branche hart. Die Krankheit breitete sich damals weltweit aus, infizierte etwa 8000 Menschen und forderte rund 1000 Todesopfer.

Hongkong schränkt die Einreise vom chinesischen Festland ein. Vor einem Laden stehen Menschen für Gesichtsmasken an. Foto: AP

Die Schweiz verbot die Einreise von Personal aus Asien für die Uhrenmesse in Basel, was zu einem Eklat führte. Die bedeutende Delegation aus Hongkong schloss aus Protest ihren Pavillon.

«Erfahrungsgemäss erholen sich jedoch Tourismusströme rasch, weshalb für das Gesamtjahr ein leichtes Wachstum der Uhrenexporte möglich bleibt.»Patrik Schwendimann, Zürcher Kantonalbank

«Die Uhrenexporte waren im Jahr 2003 um 4,4 Prozent rückläufig», sagt Patrik Schwendimann, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank. Er geht deshalb davon aus, dass die Ausfuhren in den kommenden Monaten belastet sein werden. Der Branchenkenner bleibt aber zuversichtlich: «Erfahrungsgemäss erholen sich jedoch Tourismusströme rasch, weshalb für das Gesamtjahr ein leichtes Wachstum der Uhrenexporte möglich bleibt», sagt Schwendimann.

Armbanduhren trugen 95 Prozent zum Wert der Uhrenexporte im vergangenen Jahr bei. Treiber waren Luxusuhren aus Edelmetall oder Edelstahl, welche die Uhrenindustrie ab einem Exportpreis von 3000 Franken anbietet. Die billigeren Preissegmente, insbesondere Quarzuhren, verzeichneten 2019 hingegen einen Rückgang.

Erstellt: 28.01.2020, 13:34 Uhr

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