Hintergrund

Veraltete Mobilfunkstandards sind ein Einfallstor für Spionage

Laut neuen Dokumenten kann der US-Geheimdienst die Mehrheit der weltweiten Handy-Anrufe abhören, weil die Verschlüsselungstechnik veraltet ist. In der Schweiz läuft die NSA damit allerdings auf.

Bei Antennen mit veraltetem Standard lässt sich das Gespräch mithören: Mobilfunkantenne in Bern.

Bei Antennen mit veraltetem Standard lässt sich das Gespräch mithören: Mobilfunkantenne in Bern. Bild: Edi Engeler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist eine Sicherheitslücke – eine, die es bereits seit Jahren gibt. Trotzdem erhält sie gerade jetzt neue Brisanz. Es geht um die Verschlüsslungstechnik, mit der Gespräche über das traditionelle Mobilfunknetz vor fremden Lauschern geschützt werden. Der entsprechende Standard ist 25 Jahre alt – und wurde bereits vor vier Jahren das erste Mal geknackt.

Im Dezember 2009 demonstrierte der deutsche Sicherheitsexperte Karsten Nohl an einer Konferenz des Chaos Computer Clubs in Berlin, dass er den Inhalt eines Handygesprächs abhören kann, solange dieses über eine sogenannte GSM-Antenne läuft – den ältesten und langsamsten der Mobilfunkstandards, der gleichzeitig die grösste Abdeckung besitzt und so die Basisinfrastruktur bildet.

Mobilfunkbranche: «Theoretisch möglich, praktisch unwahrscheinlich»

Damals sagte das Gremium, das für Mobilfunkstandards zuständig ist, der Sicherheitsexperte dramatisiere die Gefahr, die von der Sicherheitslücke ausgehe. Dass ein Gespräch abgehört wird, «ist theoretisch möglich aber praktisch unwahrscheinlich», sagte eine Sprecherin – und bezeichnete Nohls Aktivitäten als «illegal».

Aus Dokumenten des Whistleblowers Edward Snowden, die die «Washington Post» am Wochenende veröffentlicht hat, geht nun hervor, dass die NSA offenbar schon lange die Fähigkeit besitzt, sämtliche Handygespräche mitzuhören, die noch auf diesem alten Standard namens A5/1 basieren. In welchem Ausmass der amerikanische Geheimdienst von diesen Fähigkeiten Gebrauch macht, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Abhöranlage für unter 200 Franken

Das ist nur der letzte Beleg dafür, dass Nohl 2009 zurecht vor Missbrauch warnte. Auf einschlägigen Online-Plattformen findet man heute Anleitungen, wie sich jeder halbwegs begabte Hobbybastler für unter 200 Franken eine Abhöranlage bauen kann. Erstaunlich ist also nicht, dass die NSA Handygespräche abhören kann – sondern dass viele Mobilfunkanbieter dagegen jahrelang nichts unternommen haben.

Die Deutsche Telekom etwa hat erst Anfang Dezember – zwei Monate nachdem der «Spiegel» publik gemacht hatte, dass die NSA das Handy von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört hat – angekündigt, dass sie noch im Dezember flächendeckend eine bessere Verschlüsslung einführen will. Die Konkurrenz hingegen will sich damit Zeit lassen, wie die «Wirtschaftswoche» meldet. Und die deutschen Anbieter stehen damit nicht alleine da. Wie Nohl gegenüber der «Washington Post» sagte, werden immer noch 80 Prozent der weltweiten Gespräche über die schlecht verschlüsselten Standards übermittelt.

Swisscom hat bereits umgestellt

Die Schweiz bildet allerdings die rühmliche Ausnahme. Die Swisscom setzt aktuell bei über 90 Prozent der GSM-Antennen den moderneren A5/3-Standard ein, der über eine bessere Verschlüsselung verfügt. «2014 werden es 100 Prozent sein», sagt Sprecher Carsten Roetz. Handys, die ab 2011 auf den Markt gekommen sind, unterstützen diesen Standard (was auch einen Hinweis darauf liefert, wie lange er bereits bekannt ist). Die Deutsche Telekom führt sogar eine Liste aller kompatiblen Geräte.

Die Swisscom ist die erste Schweizer Anbieterin, die den Standard eingeführt hat. Allerdings stellt nun auch die Konkurrenz um. Sunrise hat im Juni mit der Implementierung begonnen, bei Orange wird es im 1. Quartal des neuen Jahres soweit sein, wie Sprecherin Therese Wenger verspricht.

Erstellt: 16.12.2013, 21:11 Uhr

Artikel zum Thema

Bundesanwalt darf gegen USA wegen Spionage ermitteln

Dass US-Geheimdienste auch in der Schweiz spionierten, sorgt für Ärger. Nun hat der Bundesrat sein Okay gegeben: Die Bundesanwaltschaft kann ermitteln. Mehr...

NSA ruft jeden Tag weltweit Milliarden von Handydaten ab

Neue Snowden-Enthüllung: NSA-Analysten können Handys überall auf der Erde ausfindig machen, Bewegungen nachvollziehen und Beziehungen zwischen Menschen aufdecken. Sie tun das vor allem ausserhalb der USA. Mehr...

Trotz NSA-Affäre: Bund will Bankdaten online verschicken

Bisher wurden Daten ausländischer Kunden komplett vom Netz getrennt bearbeitet. Das soll sich ändern. Wie riskant das ist, zeigt eine Liste von Firmen, denen die Steuerverwaltung Aufträge gibt. Mehr...

Bildstrecke

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...