Vier Franken fürs Tippen

Ärzte sollen Rezepte künftig nicht mehr von Hand, sondern am Computer ausstellen. Den Ärzten winkt dabei ein umstrittener finanzieller Anreiz.

Soll bald einmal der Vergangenheit angehören: das handgeschriebene Arztrezept. Foto: Laif

Soll bald einmal der Vergangenheit angehören: das handgeschriebene Arztrezept. Foto: Laif

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Wer kennt die Situation nicht. Der Arzt stellt dem Patienten ein Rezept für ein Medikament aus. Der Patient kann das Gekritzel nicht lesen, Mühe haben oft auch die Angestellten in der Apotheke. Können sie das Rezept nicht entziffern, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als beim Arzt nachzufragen.

Abhilfe soll das elektronische Rezept schaffen, das der Arzt über einen Server an den Apotheker übermittelt. Ein Pilotprojekt wird im Kanton Aargau nach den Sommerferien gestartet. Die beteiligten Firmen, Ärztenetzwerke und Verbände streichen vor allem die Patientensicherheit als Beweggrund für das Projekt heraus: «Innovativ und gemeinsam zum Wohl der Patienten», heisst es in der Medienmitteilung.

Ein Blick auf die Details des Pilotprojekts zeigt, dass neben der Patientensicherheit vor allem finanzielle Interessen im Vordergrund stehen. Sollte das Projekt im Aargau erfolgreich sein, dürfte das elektronische Rezept landesweit zum Einsatz kommen. So gehört zu den Beteiligten des Projekts der Aargauische Apothekerverband. Dessen Präsident Fabian Vaucher wird 2015 Präsident des Schweizerischen Apothekerverbands.

Im Pilotprojekt wird der Arzt das Rezept künftig elektronisch erfassen, dem Patienten aber dennoch ein Papier­rezept mit einem Barcode aushändigen. Das Rezept wird anschliessend auf einem Server gespeichert, auf den die beteiligten Apotheker Zugriff haben. Geht der Patient mit seinem Rezept in die Apotheke, wird es dort mittels Barcode eingelesen. Der Patient erhält sein Medikament, das Rezept soll in der Folge gelöscht werden.

Neben dem Aargauischen Apothekerverband sind das Ärztenetzwerk Argomed sowie der Pharmakonzern und Grossist Galenica über seine Tochter HCI Solutions am Projekt beteiligt.

Verstoss gegen das Gesetz

Das Projekt ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Die beteiligten Ärzte sollen pro ausgestelltes E-Rezept rund 4 Franken erhalten, wie Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigen. Der Grund: Bei einem ähnlichen Projekt in der Nordwestschweiz hatten sich zu wenig Ärzte beteiligt.

Es ist höchst umstritten, ob die Vergütung für das Ausstellen eines Rezepts überhaupt erlaubt ist, da dies bereits über den Ärztetarif Tarmed abgegolten wird. In einem Fall hat die Arzneimittelbehörde Swissmedic eine Verfügung erlassen, wonach eine Entschädigung für das Ausstellen elektronischer Rezepte gegen das Heilmittelgesetz verstösst. Ein Arzt werde für die Verschreibung von Medikamenten bereits über den Tarmed entschädigt. Eine zusätzliche Vergütung, egal wie hoch sie ausfalle, sei ein geldwerter Vorteil und somit nicht zulässig, urteilte Swissmedic. Zudem könne eine solche Entschädigung dazu führen, dass Ärzte aufgrund des finanziellen Anreizes mehr Rezepte ausstellten.

Was das Pilotprojekt im Aargau anbelangt, äussert sich Swissmedic zurückhaltender. «Es ist denkbar, dass das gleichzeitige Ausstellen eines elektronischen und eines Papierrezepts einen Zusatzaufwand für den Arzt darstellt, der nicht bereits durch den Tarmed vergütet wird», sagt Andreas Balsiger, Leiter des Rechtsdiensts von Swissmedic. Zudem handle es sich hier um ein Pilotprojekt. «Wenn dieses Vorhaben nach der Versuchsphase aber definitiv umgesetzt wird, müssten wir das Ganze nochmals ansehen» sagt Balsiger.

Die Zusatzeinnahmen für die Ärzte sind beträchtlich. Angenommen ein Arzt stellt pro Tag 20 bis 30 elektronische Rezepte aus, so erhielte er zwischen 19'000 und 29'000 Franken pro Jahr. Dies steht im Verhältnis zum durchschnittlichen Jahreseinkommen eines Hausarztes von rund 190'000 Franken.

Das Bundesamt für Gesundheit will sich nicht dazu äussern. «Für uns ist es noch zu früh, eine Aussage darüber zu machen, ob das Projekt allenfalls dem Heilmittelgesetz widersprechen könnte», sagt ein Sprecher. Schliesslich sei die genaue Ausgestaltung des Pilotprojekts noch nicht klar.

Das Projekt wird auch wegen des Datenschutzes kritisch beurteilt. Die Daten des Patienten sollen zusammen mit dem Medikamentennamen auf einem Server gespeichert werden. Zwar haben nur die beteiligten Ärzte und Apotheker Zugriff auf die Daten. Jedoch ist dies in Zeiten, wo Hackerangriffe auf Unternehmen zum Alltag gehören, ein kritischer Punkt.

Patient muss zustimmen

Dies sieht auch der Eidgenössische Datenschützer so. Es müsse verhindert werden, dass Unbefugte auf die Daten zugreifen könnten. Insgesamt stellten sich zahlreiche Fragen, sagt Sprecher Francis Meier. «Verantwortlich für die Einhaltung des Datenschutzes ist der behandelnde Arzt.

Da die Rezepte Rückschlüsse auf Krankheiten zulassen, «unterliegen der Arzt und die beteiligten Firmen einer erhöhten Sorgfaltspflicht», sagt Meier. Der Betrieb eines solchen Systems sei nur zulässig, wenn der Patient einem elektronischen Rezept ausdrücklich zustimme.

Offen ist, ob die Patienten- und Medikamentendaten tatsächlich gelöscht werden, wenn der Patient das Rezept in der Apotheke eingelöst hat. In der Pflicht steht hier die Galenica-Tochter HCI Solutions, die zusammen mit einem Softwareanbieter für die technische Umsetzung zuständig ist.

«Selbst wenn das elektronische Rezept auf dem Server gelöscht wird, können die Daten an einem anderen Ort gespeichert bleiben», sagt Softwareentwickler Zeno Davatz, der an einem anderen Projekt für elektronische Rezepte beteiligt ist. Davatz arbeitet an einer Lösung, bei der Patienten- und Medikamentendaten nur beim Arzt und beim Apotheker verfügbar sind, nicht aber zusammen auf dem Server gespeichert werden.

Neben den spezifischen Patientendaten dürften für Galenica vor allem die Verschreibungsdaten interessant sein. Anhand dieser lässt sich ablesen, wie Ärzte Medikamente verschreiben. Diese Informationen sind für die Pharmaindustrie sehr interessant, da die Firmen damit das Marketing viel gezielter steuern können. So zeigen die Daten etwa, ob ein Patient mit Bluthochdruck weitere Medikamente einnimmt.

Gemäss Branchenkennern sind diese Verschreibungsdaten sehr teuer. Könnte Galenica hier eine Datenbank aufbauen, wäre das für den Gesundheitskonzern ein lukratives Geschäft. Die Daten würden «vorerst nicht gesammelt», schreibt die Firma in einem Dokument, das Antworten auf zahlreiche Fragen zum Pilotprojekt liefert. «Die Sammlung von Verschreibungsdaten wird nur in Betracht gezogen, falls dadurch ein klarer Vorteil für die Patienten und das Gesundheitssystem entsteht.» Der Patient werde bei einer allfälligen Verwendung der Daten informiert.

«Keinen finanziellen Nutzen»

Galenica hält sich auf Anfrage bedeckt zu den Details des Pilotprojekts. Mehrere Punkte seien nach wie vor Gegenstand von Diskussionen, sagt Sprecherin Tanja Bertholet. Dies gelte gerade auch für die Frage, wie hoch die Entschädigung für die Ärzte ausfalle, wenn sie ein elektronisches Rezept ausstellten. Der vom TA genannte Betrag von 4 Franken sei nicht richtig. «Die Vergütungen bemessen sich nach Aufwendungen, welche für die Tätigkeit auf Arztseite anfallen. Diese werden von einer unabhängigen Plattform getragen», sagt Bertholet. Zudem seien die juristischen Grundlagen detailliert geprüft und mit Behördenvertretern geklärt worden.

Der Frage des Datenschutzes werde grosse Bedeutung zugemessen. Galenica habe durch juristische Abklärungen sichergestellt, dass die angestrebte Lösung konform mit allen notwendigen Rahmenbedingungen sei. Dies gelte auch für die etwaige Nutzung der Verschreibungsdaten. Einen «finanziellen Nutzen» aus dem Projekt erhoffe sich Galenica nicht, sagt Bertholet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2014, 01:03 Uhr

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