Vom Finanzolymp auf die Insel

Josef Ackermann hat als Chef der Deutschen Bank alles erreicht. Jetzt wäre er eigentlich in Pension – und wird trotzdem Präsident der kriselnden Bank of Cyprus. Wieso tut ein Mann so etwas?

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Drinnen herrschten fast kommunistische Verhältnisse: 99 Prozent der Aktionäre wählten Josef Ackermann gestern an die Spitze des Verwaltungsrats der Bank of Cyprus, der grössten Bank der kleinen Insel. Draussen tobte der Mob: Kunden, die während der Schuldenkrise ihr Erspartes verloren haben, versuchten sich gewaltsam Zutritt zur Generalversammlung zu verschaffen. Das ist der Rahmen, den der 66-jährige frühere Chef der Deutschen Bank für seine Rückkehr ins Finanzwesen wählte. Die Frage ist nur: Wieso tut ein Mann so etwas?

Was Josef Ackermann der Bank of Cyprus bringt, ist klar. Der ehemalige Chef der Deutschen Bank ist ein willkommenes Aushängeschild für die angeschlagene Bank, die im März 2013 nur dank eines Schuldenschnitts gerettet werden konnte. Sparer mit mehr als 100'000 Euro Guthaben mussten ihren Teil beitragen. Ackermann ist nicht nur ein ausgewiesener Kenner der Bankenszene, sondern kennt sich auch in der Eurokrise aus. Schliesslich soll er die deutsche Kanzlerin Angela Merkel regelmässig in diesen Fragen beraten haben.

Was hat der Schweizer davon?

Wen könnte eine kriselnde zypriotische Bank also lieber an ihrer Seite haben auf dem Weg zurück an die Spitze der insularen Finanzbranche als einen Einflüsterer auf politisch höchstem Niveau, der jahrelang erfolgreich den Spitzenplatz seines eigenen Instituts verteidigt hat und als einer der respektabelsten Banker Europas gilt? Auch wenn seine Person nicht unumstritten und die Deutsche Bank zuletzt ähnlich wie die UBS vor keinem Skandal verschont geblieben ist.

Die interessantere Frage ist vielmehr, was der Job bei der Bank of Cyprus dem 66-jährigen Schweizer bringt. Vor der Finanzkrise war das Institut zwar der ganze Stolz der Insel, allerdings hat es sich davon immer noch nicht erholt. Die Bank fiel als eines von 25 Instituten durch den Stresstest der Europäischen Zentralbank von Ende Oktober durch – zusammen mit drei anderen lokalen Instituten. Nur in Italien ist der Kapitalbedarf zur Rekapitalisierung mit 9,7 Milliarden Euro noch höher als in Zypern (2,4 Milliarden).

Das Honorar? Wohl kaum!

Am Geld kann es nicht liegen. Das Honorar für den Job des Verwaltungsratspräsidenten beträgt 68'000 Franken pro Jahr. Bei der Deutschen Bank machte er als Chef 10 Millionen Euro pro Jahr, bei Zurich Insurance wurde das Verwaltungsratspräsidium (das er bis Mitte 2013 innehatte) mit 850'000 Franken abgegolten. Sein Vermögen schätzt die «Bilanz» auf 125 Millionen Franken. Selbst wenn er das Geld nur gerade in 10-jährige Kassenobligationen angelegt hat (0,875 Prozent Zins bei Postfinance), würde er damit jedes Jahr einen Zins von über einer Million Franken einnehmen. Da sind 68'000 Franken wohl nicht einmal Grund genug, um morgens aufzustehen – geschweige denn, nach Zypern zu fliegen.

Ein offensichtlicher Grund, der für den Job spricht, sind Ackermanns neue Freunde: Er sitzt seit Februar im Verwaltungsrat von Renova, der Firma des russischen Oligarchen Viktor Vekselberg. Vekselberg wiederum hält 5,5 Prozent an der Bank of Cyprus und ist damit einer der grössten Aktionäre. Zwar wurde Ackermann nicht direkt von Renova portiert – für die Industrieholding nimmt direkt Maksim Goldman Einsitz, der bei Renova für strategische Projekte verantwortlich ist.

Die freundschaftlichen Bande?

Vielmehr wurde Ackermann vom Hauptaktionär der Bank of Cyprus nominiert, vom amerikanischen Investor Wilbur Ross. Er hält 17 Prozent des Kapitals und hat gut einen Drittel der Kapitalerhöhung über eine Milliarde vom letzten Juli gestemmt. «Ackermann hat ein riesiges Adressbuch», begründete Ross seine Wahl, «Er kennt praktisch jeden in Europa sowie sehr viele Leute in den USA und im Rest der Welt.» Wessen Position der Schweizer Banker tatsächlich vertritt, ist aber offenbar unklar. Auf Anfrage der «Bilanz» erklärte die Bank of Cyprus, Ackermann repräsentiere «mehrere Aktionäre, möglicherweise auch Renova».

Allerdings gibt es möglicherweise noch einen zweiten, weniger offensichtlichen Grund, der Ackermann bewogen hat, den Job anzunehmen. Ackermann kennt die Schuldenkrise nämlich nicht nur aus der Distanz oder aus seinen Gesprächen mit Frau Merkel. Vielmehr hat er dabei aktiv mitgewirkt. Als Chef des Internationalen Bankenverbandes IIF hat er Anfang 2012 den griechischen Schuldenschnitt eingefädelt, bei dem die privaten Gläubiger – allen voran die Banken – gut die Hälfte ihrer Forderungen abschreiben mussten. Es war diese Einigung, die den zypriotischen Banken das Genick gebrochen hat, allerdings realisierte das lange niemand.

Eine Altlast, die bereinigt gehört?

Die Bank of Cyprus und ihr nächstgrösserer Konkurrent hatten zusammen 5,5 Milliarden Euro in griechische Staatsanleihen investiert – das war fast ein Viertel der zypriotischen Wirtschaftsleistung und praktisch das gesamte Eigenkapital der beiden Finanzinstitute. Anfang 2013 führte das zum Kollaps. Die zweitgrösste zypriotische Bank wurde abgewickelt, die Sparer konnten von ihren Konten nur gerade 100'000 Euro retten. Bei der Bank of Cyprus mussten die Kunden auf knapp die Hälfte ihrer Guthaben verzichten, die 100'000 Euro überschritten. Im Gegenzug erhielten sie Anleihen der Bank.

Gut möglich, dass Ackermann sich verpflichtet fühlt, das Schlamassel, das «sein» Schuldenschnitt angerichtet hat, jetzt noch auszubaden. Und vielleicht spielt am Ende auch das eine Rolle, was immer eine Rolle spielt, wenn ein Mann auf einmal in Pension geht: Es ist ihm langweilig und er ist um jede noch so kleine Abwechslung froh. Denn wer mag dieses Gefühl nicht: gebraucht zu werden.

Erstellt: 21.11.2014, 12:43 Uhr

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