Warum die Discounter bei den Arbeitsbedingungen aufholen

Aldi und Lidl zahlen 2014 selbst Ungelernten Löhne von 4000 Franken und mehr. Auch bei anderen Leistungen verbessern sich die deutschen Discounter. So gleichen sie Nachteile in der Personalsuche aus.

Mit ein Faktor für höhere Löhne: Körperlich anstrengende Arbeit, wie hier bei Aldi in Küsnacht am Rigi.

Mit ein Faktor für höhere Löhne: Körperlich anstrengende Arbeit, wie hier bei Aldi in Küsnacht am Rigi. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Ab 1. Januar verdient jemand ohne Lehre in Zürich und Genf bei Aldi Suisse mindestens 4694 Franken pro Monat, und zwar 13-mal. Schweizweit verdienen Ungelernte mit einer Vollzeitstelle beim Discounter 4200 Franken, nach 24 Monaten im Unternehmen gar 4408 Franken. «Deshalb wird die Untergrenze von 4200 Franken nur für die allerwenigsten unserer Mitarbeitenden gelten», sagt Aldi-Sprecher Philippe Vetterli. Damit entschädigt der Discounter sein Personal rein lohnmässig deutlich besser als die Platzhirsche Migros und Coop, die ungelernten Anfängern als Mindestlohn 3800 Franken zahlen.

In seiner Kommunikation spricht der Discounter von Mindestlöhnen. Die Gewerkschaft Syna kritisiert die Wortwahl: «Das sind keine Mindestlöhne, sondern interne Referenzlöhne, die unverbindlich sind und von Aldi jederzeit unterschritten werden können», erklärt Carlo Mathieu, Leiter Sektor Dienstleistung. Im Unterschied zum Konkurrenten Lidl, der im September einen nationalen Mindestlohn von 4000 Franken angekündigt hatte, fehle bei Aldi die Verbindlichkeit eines Gesamtarbeitsvertrags (GAV), in dem der Lohn festgehalten ist. Lidl hat einen GAV, Aldi nicht.

«Zwangsteilzeit»

Aber auch Lidl steht in der Kritik. Der neue Mindestlohn von 4000 Franken sei zwar ein positives Signal, aber relativer Natur, wirft die Gewerkschaft Unia dem Discounter vor. «Wer ein Teilpensum hat, und das ist die Mehrheit, verdient bei Lidl nicht 4000 Franken», sagt Natalie Imboden, Branchenverantwortliche Detailhandel bei Unia. Imboden spricht von «Zwangsteilzeit». Die Anpassung des Lohns an den Beschäftigungsgrad sei zwar logisch. In einer Situation, in der viele Schweizer Arbeitnehmende gemäss Bundesamt für Statistik lieber mehr arbeiten würden, ignoriere die öffentlich inszenierte Kommunikation eines Mindestlohns von 4000 Franken aber die Problematik der tiefen Arbeitspensen.

Syna-Vertreter Mathieu nimmt Lidl in Schutz, tiefe Arbeitspensen hätten alle anderen Detailhändler auch. «Zudem ist Lidl einer der wenigen Detailhändler, der kaum Mitarbeitende im Stundenlohn anstellt sowie Voll- und Teilzeitbeschäftigte bei den Sozialversicherungen gleichstellt.»

Korrektur des Tieflohn-Images

In einem Punkt sind sich die Gewerkschafter einig: Die Arbeitsbedingungen bei den Discountern mit deutschen Wurzeln haben sich verbessert – vor allem, aber nicht nur beim Lohn. «Sie hatten aber auch Nachholbedarf», heisst es bei Unia. «Wer auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gute Leute finden will, muss anständige Arbeitsbedingungen bieten.» Der Lohn sei dabei nur einer von vielen Faktoren. Aber offenbar ein wichtiger: «Lidl wird zum Teil als Unternehmen mit Tieflöhnen wahrgenommen», sagt Matthias Oppitz, Chef von Lidl Schweiz. Dies wolle man korrigieren.

Mathieu weist darauf hin, dass das Arbeiten beim Discounter teilweise körperlich sehr hart ist. «Bei Lidl und Aldi räumt das Personal ab Palette ganze Schachteln mit Produkten ein, das ist viel anstrengender als das anderswo übliche Einräumen einzelner Produkte», sagt der Syna-Mann. Auch deshalb hätten die Discounter, die sehr um ihr Image bemüht sind, die Löhne erhöht.

Karin Oberlin, Leiterin Sozialpartnerschaften beim KV Schweiz, sieht in den besseren Arbeitsbedingungen nicht zuletzt einen Erfolg der Sozialpartner. «Wir waren sehr aktiv und konnten den Handel insgesamt sensibilisieren.» Die Discounter hätten sehr viel gemacht, alles in allem seien sie aber noch nicht auf dem Niveau von Migros oder Coop. «Gerade in den Lohnnebenleistungen und einigen anderen Kriterien zeigen sich noch Unterschiede, die man nicht auf den ersten Blick sieht», sagt Oberlin.

Migros-Tochter Denner lässt am längsten arbeiten

Wie unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen der wichtigsten Detailhändler?

  • Minimallohn und Arbeitszeit: Den Löhnen von Aldi und Lidl kommt mit Denner ein weiterer Discounter am nächsten. 3975 Franken gibt es bei der Migros-Tochter, jedoch für 44 Stunden pro Woche. Auf die Stunde gerechnet entspricht das in etwa den 3800 Franken von Migros, Coop oder Globus, die 41 Stunden arbeiten lassen. Gegenüber dem letzten «Tages-Anzeiger»-Vergleich von 2010 hat Lidl die Arbeitszeit um eine Stunde auf 41 Stunden gesenkt, bei Aldi arbeitet man weiterhin 42 Stunden. Über dem Schnitt ist auch Spar mit 42,5 Stunden.
  • Ferienanspruch: Ab 60 erhält man bei Migros und Coop grosszügige sieben Ferienwochen. Denner punktet mit sechs Wochen für alle und gleicht damit die lange Wochenarbeitszeit zum Teil aus. Im letzten TA-Vergleich wurde Lidl mit fünf Wochen für alle Altersklassen als «knausrig» bezeichnet. Der Discounter hat reagiert, nun darf man ab 50 sechs Wochen in die Ferien. Bei Aldi spannt man nicht mehr erst ab 55, sondern bereits ab 50 sechs Wochen aus.
  • Gesamtarbeitsvertrag: Dank Lidl hat sich die Zahl der Gesamtarbeitsverträge im Detailhandel auf vier erhöht. Daneben hat Coop einen GAV, die Migros gleich zwei: einen Landes-GAV für die Migros (ohne Denner) und 50 angeschlossene Unternehmen sowie einen für Globus, Herren-Globus, Interio und Office World. Einen GAV kennt auch Valora, doch mit seinen Kiosken, Presseund Convenience-Shops ist der Konzern ein Spezialfall und nicht Teil des Vergleichs.
  • Pensionskasse: Wie die Altersvorsorge aussieht, ist ein wichtiger Punkt der Anstellungsbedingungen – auch wenn das viele Junge kaum berücksichtigen. Zahlt der Arbeitgeber viel in die Pensionskasse ein, hat der Arbeitnehmer netto mehr auf dem Lohnzettel. Zu den grosszügigen Arbeitgebern, die zwei Drittel der Beiträge übernehmen, gehören Coop und Migros und neu auch Aldi. Wer über 52 ist, hat es bei Manor besonders gut, der Warenhauskonzern zahlt 68,57 Prozent der Beiträge. Globus und Spar erfüllen mit 50 Prozent das gesetzliche Minimum.
  • Personalrabatt: Bei tiefen Löhnen kommt ein Einkaufsrabatt gelegen. Am grosszügigsten sind Manor und Globus mit 10 bis 25 Prozent, je nach Warengruppe. Spar gibt 10 Prozent aufs ganze Sortiment, Coop auf Non-Food-Artikel. Auf Nahrungsmittel erhält das Coop-Personal fünffache Superpunkte, das von Migros zweifache Cumulus-Punkte; beim Non-Food gibt es fünffache CumulusPunkte. Alle diese Punkte sind bares Geld wert. Keine Personalrabatte sehen die Discounter vor.
  • Berufsbildung: Ob Lernende ausgebildet werden oder nicht, ist für den einzelnen Angestellten nicht unbedingt von Belang, aber wichtig für die Gesellschaft. Absolut gesehen, ist die Migros der grösste Ausbildner im Lande. Prozentual gerechnet – und das ist eine Überraschung –, nimmt aber Spar mit 14,2 Prozent des Personalbestands die Spitzenposition ein: Auf 2156 Vollzeitstellen beschäftigt das Familienunternehmen inklusive selbstständiger Partnerbetriebe 310 Lernende. Auf Platz zwei liegt Aldi mit 7,2 Prozent und unterdessen 130 Lernenden auf 1800 Vollzeitstellen. Erst dann folgen Coop mit 6,6 Prozent, Manor mit 5,9 Prozent und Migros mit 5,1 Prozent. Die Zahlen lassen keine Rückschlüsse darauf zu, wie gut Lernende betreut und begleitet werden. «Coop und Migros sind in dieser Hinsicht aber sicher vorbildlich», sagt SynaGewerkschafter Mathieu.

Erstellt: 02.12.2013, 08:37 Uhr

Die Arbeitsbedingungen im Detailhandel 2014. Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

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