Wenn eine kleine Operation horrende Kosten verursacht

Zusatzversicherte Patienten, die sich in einer Privatklinik behandeln lassen, erschrecken oft über die Höhe der Rechnung. Läuft hier etwas schief?

4023 Franken für ein Implantat, das nie eingesetzt wurde: Ein Fehler auf einer Klinikrechnung geht rasch ins Geld.

4023 Franken für ein Implantat, das nie eingesetzt wurde: Ein Fehler auf einer Klinikrechnung geht rasch ins Geld. Bild: Simon Tanner

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Sonja Prager (Name geändert) musste sich einen Lymphknoten am Hals entfernen lassen. Die Zürcherin, die bei Helsana privat versichert ist, wählte die Zürcher Klinik im Park, die zur Hirslandengruppe gehört. Der Chirurg ihres Vertrauens ist dort als Belegarzt akkreditiert. Die Patientin begab sich an einem Freitag ins Spital, wurde gleichentags operiert und konnte anderntags wieder nach Hause. Keine grosse Sache also. Umso mehr staunte Sonja Prager, als sie knapp drei Wochen später die Rechnung der Klinik erhielt: 16'380 Franken – ohne Honorar des operierenden Arztes; das fordert dieser separat ein.

Der grösste Betrag auf der Rechnung ist die sogenannte Grundmodulpauschale, die sich auf 4950 Franken beläuft. Dazu kommen zwei Tagespauschalen à 810 Franken. Für die Benützung des Operationssaals verrechnet die Klinik pauschal 2000 Franken plus 16.60 Franken pro Minute, bei unserer Patientin insgesamt 3000 Franken. Zudem 1900 Franken für die Anästhesie, 640 Franken für den Aufwachraum und 4023 Franken unter dem Titel «Implantate und Spezialmaterial».

Sonja Prager wurde stutzig: Sie hatte kein Implantat erhalten, bei ihr wurde lediglich Gewebe entnommen. Sie reklamierte in der Buchhaltung der Klinik und informierte auch ihre Krankenkasse. Circa einen Monat später reduzierte im Park die Rechnung um die Summe für das Implantat.

Absicht oder nicht?

Der Fall wirft Fragen auf. Können Kliniken verlangen, was sie wollen? Schreiben sie vielleicht sogar absichtlich zu viele Leistungen auf? Und was passiert, wenn die Patienten nicht reklamieren – zahlt dann die Krankenkasse anstandslos? Die Feststellungen der Finanzmarktaufsicht zur Prämienpolitik der Versicherer machen misstrauisch, ob die Krankenkassen überhaupt interessiert daran sind, die Prämien ihrer Zusatzversicherten tief zu halten. Dazu gehört nicht nur, die Entlastung durch die neue Spitalfinanzierung den Kunden weiterzugeben, sondern auch, harte Preisverhandlungen mit den Spitälern zu führen und die Rechnungen streng zu kontrollieren.

Claudia Wyss, Mediensprecherin von Helsana, räumt ein, es könne schon mal passieren, dass die Controller einen Fehler in einer Rechnung übersehen. Deshalb sei es gut, wenn auch die Patienten die Rechnungen genau anschauten. Wyss versichert aber, dass Helsana systematisch kontrolliere, jede einzelne Rechnung werde angeschaut, pro Tag rund 200 aus dem Bereich der Spitalzusatzversicherungen.

Je nach Spital sehen die Rechnungen anders aus, die Kontroller seien deshalb auf bestimmte Kliniken spezialisiert. Laut Wyss kommt es eher selten vor, dass Kliniken wie im Fall von Sonja Prager Leistungen verrechnen, die gar nicht erbracht wurden. Und wenn, dann unabsichtlich. «Ich kann nicht sagen, dass die Kliniken uns generell etwas unterjubeln wollen.» Wenn Helsana Fehler feststelle, würden diese jeweils anstandslos korrigiert.

Helsana erhält immer wieder Anrufe von Kundinnen und Kunden, die erschrecken, wenn sie ihre Rechnung sehen. Claudia Wyss kann das nachvollziehen, weil den Leuten kaum bewusst sei, wie teuer der Betrieb eines Spitals ist. Wyss versichert, dass Helsana hart mit den Spitälern verhandle, um für die Kunden das Beste herauszuholen. Wie gross die Tarifunterschiede zwischen den einzelnen Kliniken sind, gibt der Krankenversicherer nicht bekannt. Ein Preisvergleich des TA ergab letztes Jahr, dass im Park auf dem Platz Zürich die teuerste Privatklinik ist, gefolgt von der Klinik Hirslanden und Bethanien.

Ein Tippfehler, sagt die Klinik

In der Klinik im Park heisst es, man werde sehr selten mit Fragen zur Höhe einer Rechnung konfrontiert. Mediensprecher Philipp Lenz erklärt das fälschlicherweise verrechnete Implantat von Sonja Prager mit einem Tippfehler bei der manuellen Erfassung eines Codes. Das passiere selten. Die Klinik im Park habe im ersten Halbjahr rund 21'900 Rechnungen verschickt, davon seinen nur 0,3 Prozent aufgrund falscher Leistungserfassung storniert worden.

Zu den 5000 Franken «Eintrittsgebühr» hält Lenz fest, damit seien zahlreiche Leistungen abgegolten, «welche in anderen Spitälern teilweise zusätzlich separat verrechnet werden». Die Grundpauschale könne auch nicht isoliert betrachtet werden, sondern sei Teil eines Tarifsystems, auf das sich die Klinik und die Versicherer geeinigt hätten.

Ein erfahrener Zürcher Belegarzt, der nicht genannt sein will, stellt fest, dass die Medizin nicht wirklich kontrollierbar sei. Zum Beispiel könne der Anästhesist den Patienten beliebig in eine Risikostufe einteilen, was Tausende von Franken ausmache. Es komme vor, dass die Anästhesie mehr koste als die Operation. Gewisse Kliniken nutzten die Unschärfen systematisch, mit Absicht und hoch professionell aus, sagt der Belegarzt. Und zwar nicht nur Privatkliniken; auch öffentliche Spitäler versuchten, ihre Rechnungen zu optimieren.

Erstellt: 08.11.2013, 06:58 Uhr

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