Wie Fitnesspapst Kieser seine Nachfolge stemmte

Der Übergabeprozess zog sich bei Kieser Training über Jahre hin – Streit gabs nur beim Preis.

Langfristige Lösung gesucht und gefunden: Gabriela und Werner Kieser mit dem neuen Eigner Michael Antonopoulos.

Langfristige Lösung gesucht und gefunden: Gabriela und Werner Kieser mit dem neuen Eigner Michael Antonopoulos.

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Werner Kieser, genannt der «Fitnesspapst», pflegt einen trockenen Humor: «Als junger Mann hatte ich nie viel Geld. Jetzt bin ich nicht mehr so arm, aber ich bin alt», sagt der 78-jährige Unternehmer, der aus dem Nichts mit seiner Frau Gabriela die Fitness-kette Kieser Training aufgebaut hat.

Er hat gut lachen. Denn ihm ist etwas gelungen, woran viele Unternehmer scheitern: die Nachfolge aufzugleisen. Werner Kieser, seine Gattin Gabriela und der neue Co-Eigentümer und Geschäftsleiter Michael Antonopoulos empfangen die SonntagsZeitung in den Büros der Fitnesskette im sechsten Stock des modernen Gebäudes neben dem Zürcher Prime Tower, um über den nicht immer reibungslosen Übergabeprozess zu erzählen. Ein Stockwerk tiefer schwitzen Kunden an den grauen Fitnessgeräten, von denen die meisten Werner Kieser selbst entworfen hat.

«Der Mensch wächst im Widerstand», ist Kiesers Leitmotto. Das trifft auch auf den Nachfolgeprozess zu. Er zog sich über Jahre hin.

Kieser Training ist eine Schweizer Erfolgsgeschichte. Angefangen hatte alles Ende der 1950er-Jahre, als sich der 17-jährige Hobbyboxer Kieser beim Training eine Rippenfellquetschung zuzog. Statt sich zu schonen, machte er Krafttraining. Und war schneller wieder auf den Beinen, als die Ärzte erwartet hatten. 1967 eröffnete der Jungunternehmer in Zürich sein erstes Studio, die Geräte dazu hatte er selbst aus Eisen vom Schrottplatz zusammengeschweisst.

Heute betreibt Kieser 160 Studios, 23 davon in der Schweiz und 114 in Deutschland. Die Kette ist auf gesundheitsorientiertes Krafttraining ausgerichtet. Die Studios, die im Franchisesystem betrieben werden, sehen alle gleich aus: graue Trainingsgeräte, Holzböden, Bahnhofsuhren an den Wänden. Es gibt keine Saftbar, keine Sauna, keine Zumba-Kurse. Nichts soll vom Training ablenken.

In der neuen Zentrale wurde bewusst auf Büros für die Gründer verzichtet

Um das Unternehmen weiterzuführen, hätte es eigentlich eine einfache Lösung gegeben: Kiesers Frau Gabriela ist 19 Jahre jünger als der Gründer. Die Ärztin und Rheumatologin hat die Trainingsprogramme mitgeprägt und arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren im Unternehmen. «Es lag an ihr, ob sie wollte oder nicht», sagt Werner Kieser mit einem Achselzucken. Sie kontert: «Ich hätte die Führung sicher für fünf oder zehn Jahre machen können, aber dann wären wir erneut vor dem Nachfolgeproblem gestanden, denn wir haben keine Kinder. Und es gab niemanden in der Familie, der das Unternehmen hätte weiterführen können.»

Also kam Michael Antonopoulos ins Spiel. Der Sohn eines Griechen kam 2004 vom Gipfelikonzern Hiestand als Finanzchef zu Kieser und amtet seit 2010 als Geschäftsleiter im Fitnessimperium. Vorher hatte Werner Kieser bereits zwei Chefs verschlissen. Um Luft vom Übervater zu bekommen, wurde die Zentrale 2010 an die Hardstrasse verlegt, wo Werner und Gabriela Kieser keine Büros haben. «Das war wichtig, sonst hätte ich wohl ein Burn-out bekommen», sagt Antonopoulos.

2013 erfolgte der erste Schritt für die Nachfolge: «Wir haben einen Businessplan von einem externen Berater erstellen lassen, um eine Idee zu haben, welchen Wert das Unternehmen hat», sagt Gabriela Kieser. Damals kaufte Michael Antonopoulos einen Anteil von 10 Prozent. Dazu ermutigt hatte ihn ein Freund, der Transportunternehmer Nils Planzer. «Er sagte mir, ich müsse es machen, um den Nachfolgeprozess in Gang zu setzen», erzählt Antonopoulos.

Bis die Kiesers sich endgültig von ihrem Baby trennten, vergingen aber noch einmal vier Jahre. Kieser hat zwar seit 2010 keine operative Verantwortung mehr, aber immer noch zu allem eine Meinung. «Ich musste öfter zwischen den beiden vermitteln», sagt Gabriela Kieser. «Und häufig sind Michi und ich uns einig, dass Werner unrecht hat», fügt sie hinzu.

So hatte Werner Kieser die Idee, die Trainingsgeräte auf Basis von Modulen zu konstruieren. Sprich, aus einem Art Baukasten sollten verschiedene Geräte gebaut werden können. «Ich habe gesehen, dass das für uns eine Nummer zu gross war. Wir haben 28 verschiedene Geräte», erzählt Antonopoulos.

Im vergangenen Jahr stiegen die Kiesers komplett aus. Wieder spielte Transportunternehmer Planzer eine Schlüsselrolle. Denn der Tennispartner von Michael Antonopoulos finanzierte seinem Freund den Kauf der Firma. Und stieg selbst mit 50 Prozent ein. Aus dem operativen Geschäft bei Kieser hält er sich aber raus. «Wir haben rund ein Jahr über den Preis verhandelt», sagt Gabriela. «Nils und Michi glauben, sie hätten zu viel bezahlt, wir meinen, wir haben zu wenig bekommen. Also dürfte der Preis der richtige sein», scherzt sie. Werner Kieser fällt ihr ins Wort. «Den Preis hab ich definiert.» Wie hoch er ist, will aber keiner verraten.

Heute ist Gabriela Kieser noch Verwaltungsratspräsidentin, Werner Kieser amtet als Berater. Aber sonst sind sie bei Kieser Training komplett raus. Die neuen Eigner haben das Sagen, betonen beide.

Bei der Hälfte der Familienfirmen misslingt der Generationenwechsel

War es schwer, loszulassen? Werner Kieser schaut sein Gegenüber unbewegt durch seine runde, schwarze Brille an. «Ach wissen Sie, ich habe noch mehr Universen, in denen ich mich bewege», sagt er. «Die Musik, die Philosophie und unsere Hunde, von alldem kann ich jetzt viel mehr profitieren.»

Solch erfolgreiche Firmenübergaben sind alles andere selbstverständlich. «Nach unserer Erfahrung misslingt bei rund der Hälfte der Familienunternehmen der Generationenübergang», sagt Dominik von Au von der Unternehmensberatung PWC und Geschäftsführer der Intes-Akademie für Familienunternehmen. Ein häufiger Grund sei, dass der abtretende Patron nicht loslassen könne. «Die Notwendigkeit einer frühzeitigen Planung wird sehr oft verkannt», warnt von Au. «Ein Patron sollte die Nachfolgefrage idealerweise sieben bis zehn Jahre im Voraus und zudem im Familiendialog angehen», rät er.

Prominente Beispiele für einen misslungenen Generationenwechsel gibt es einige. Mövenpick etwa: Gastropionier Ueli Prager konnte nicht mit ansehen, wie seine Frau Jutta die Gruppe leitete. Nach langem Machtkampf verkaufte er die Aktienmehrheit schliesslich an den Industriellen August von Finck.

Wenn der Name des Gründers an der Tür steht, haben aber auch manchmal Kunden Probleme mit dem Loslassen. Sie schreiben Werner Kieser weiter Briefe. «Mir hat ein Kunde aus Berlin geschrieben, dass ihm unser Konzept der standardisierten Studios gefällt», erzählt er. «Aber er wunderte sich, dass wir unterschiedliches Toilettenpapier verwenden.» Nun ist auch das überall gleich.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 16.12.2018, 15:58 Uhr

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