Wie Länder im Pharma-Preispoker gegeneinander ausgespielt werden

Roche gewährt Ländern für dasselbe Medikament unterschiedliche Rabatte. Diese behält die Branche aber für sich. Ein Einfallstor für Preiserhöhungen.

Das Bundesamt für Gesundheit ist zur Festlegung der Medikamentenpreise auf die Pharmabranche angewiesen. Foto: Keystone

Das Bundesamt für Gesundheit ist zur Festlegung der Medikamentenpreise auf die Pharmabranche angewiesen. Foto: Keystone

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Steigende Medikamentenpreise sind ein Politikum. Allein die Ausgaben für neuartige Krebsmittel und Immunsuppressiva wuchsen laut dem Helsana-­Arzneimittelreport um mehr als 14 Prozent. Ihr Anteil an den gesamten Medikamentenausgaben hat die Schwelle von 25 Prozent überschritten.

In der Schweiz setzt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Medikamentenpreise fest. Der Preismechanismus gerät nun zunehmend in die Kritik. Gesundheitsökonomen wie Guido Klaus von der Helsana, die Nichtregierungsorganisation Public Eye oder Preisüberwacher Stefan Meierhans fordern Reformen, weil das BAG gegenüber der Pharmabranche in einer schwächeren Position sei. «Pharma­firmen sollten weniger Macht ­haben bei der Bestimmung der Preise», sagt zum Beispiel Preisüberwacher Stefan Meierhans.

Auf dem Papier tönt der Preismechanismus einfach: Der Preis für Mittel, welche die Krankenkassen erstatten müssen, hängt zum einen von den Preisen ab, welche im Ausland für das entsprechende Mittel bezahlt werden. Der zweite Faktor ist der therapeutische Quervergleich, also was die Behandlung mit vergleichbaren Mitteln kostet und wie hoch der Zusatznutzen des neuen Mittels ist.

Das Amt ist ohne Kenntnis

Das Problem: Das BAG hat keine Ahnung davon, wie viel zum Beispiel ein Krankenversicherer in Deutschland für ein neues Medikament tatsächlich bezahlt. Zwar gibt es offizielle Listenpreise, die publik sind. Aber die zahlt niemand, die Branche vereinbart Rabatte. «Keiner weiss die Nettopreise des anderen», bestätigt das BAG. «Gerade bei hochpreisigen Arzneimitteln ist es Tatsache, dass die international publizierten Preise nicht vergütet werden.»

Daher sagt Helsana-Experte Klaus: «Der Auslandpreisvergleich läuft wegen der gewährten Rabatte ins Leere, er ist ein Auslaufmodell.» Da kein Land die wahren Preise des anderen kennt, könne die Pharmabranche die Länder gegeneinander ausspielen. Die Folge: Die offiziellen Listenpreise sind nur noch Schaufensterpreise. Das räumt auch das BAG ein.

Funktionieren die Modelle wirklich?

Das Problem: Das Amt selbst macht bei dem Rabattspiel mit. Jüngst hat die «Rundschau» in einem Beitrag gezeigt, wie das BAG und der Roche-Konzern sich jahrelang um den Preis für das Krebsmittel Perjeta gezankt hatten. Die «Rundschau» hat dieser Zeitung dazu Dokumente zukommen lassen. Eigentlich sind Rabatte im Schweizer Preis­system für Medikamente nicht vorgesehen. Laut den Dokumenten gibt es mittlerweile bereits 21 solcher Modelle mit einer sogenannten Rückvergütung.

Dennoch spricht das BAG davon, solche Modelle «nur in Ausnahmefällen» umzusetzen. So etwa für Kombinationstherapien, bei denen zwei oder mehr teure Krebsmittel eingesetzt werden, beispielsweise Roches Bestseller Herceptin und Perjeta. «Die gewährten Rabatte sind reine Hinterzimmerdeals, bei denen das BAG auf das Entgegenkommen der Branche angewiesen ist», urteilt dagegen Guido Klaus von Helsana. Das BAG habe keine rechtliche Handhabe, solche Rabatte zu verlangen oder durchzusetzen.

Man sei «für die Umsetzung von Preismodellen in der Spezialitätenliste von einvernehmlichen Lösungen mit den Pharmaunternehmen abhängig», sagt das BAG selbst. Allerdings würde sich die Branche an die vereinbarten Rabatte halten, die Modelle würden funktionieren.

Einfallstor für Preiserhöhung

Kein Wunder: Denn von hohen Schweizer Listenpreisen profitiert die Branche, wie Preisüberwacher Meierhans moniert: «Die Pharmabranche wünscht einen hohen Schweizer ‹Schaufensterpreis›, da auch im Ausland Auslandpreisvergleiche durchgeführt werden und ein hoher Schweizer Preis deshalb für sie vorteilhaft ist.»

Das BAG verweist in diesem Punkt darauf, dass das Amt seine Rabatte öffentlich mache. Dennoch kritisiert die Nichtregierungsorganisation Public Eye die Rabattmodelle wegen ihrer Intransparenz. Diese seien ein ­Einfallstor für versteckte Preiserhöhungen. So sei der aktuelle Nettopreis von Perjeta mit 2851.77 Franken rund 30 Prozent höher als im Jahr 2013, und dies, obwohl der offizielle Listenpreis um über 12 Prozent gefallen sei. Der Grund sei «ein substanzieller Rückgang des Rückzahlungsbetrags», hat Public Eye ermittelt.

Die Debatte um die Reform des Systems läuft: Preisüber­wacher Meierhans fordert, dass das BAG «vermehrt mit ausländischen Behörden zusammenarbeitet, um seine Verhandlungsmacht zu stärken». Zudem sollten Krankenversicherer bei Medikamentenpreise ein Antrags- und Rekursrecht bekommen. Doch solange die gesetzlichen Preisregeln im Kern unverändert bleiben, würde laut Helsana-Experte Klaus solch ein Klagerecht allein wenig bringen. Er will das gesamte System ändern. «Unter anderem müsste der Preis auch mit Rücksicht auf die Bezahlbarkeit für das System festgelegt werden», schlägt er vor. Einen entsprechenden Vorstoss in diese Richtung hat der Ständerat aber jüngst abgelehnt.

Die Pharmaindustrie spricht dagegen von einem «bewährten Preissystem». Dass Rabattlösungen das aktuelle System aus­höhlen würden, davon «kann nicht die Rede sein», erklärt der ­Verband Interpharma. Bei Medikamenten, die bei mehreren Krankheiten eingesetzt werden könnten, sowie bei Kombinationstherapien stosse das System zwar «an seine Grenzen». Daher sei eine «Flexibilisierung des Preissystems nötig, wozu im Einzelfall Preis- und Erstattungsmodelle gehören», so Interpharma.

Zu Deutsch: Rabatte.

Erstellt: 12.02.2019, 10:22 Uhr

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