Wie beim Telefon in den 1960er-Jahren

Facebook arbeitet an einer Karriere-Plattform, meldet die «Financial Times». Dabei sind Social Media bei vielen Konzernen gesperrt. Das erinnert an eine grandiose Fehleinschätzung vor wenigen Jahrzehnten.

Was Facebook plant, wäre das erste Angebot, das eine interne Kommunikationsplattform zur Verfügung stellt und gleichzeitig die Vernetzung mit externen Kontakten ermöglicht

Was Facebook plant, wäre das erste Angebot, das eine interne Kommunikationsplattform zur Verfügung stellt und gleichzeitig die Vernetzung mit externen Kontakten ermöglicht

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Die Familienfotos veröffentlicht man auf Facebook, den neuen Job auf Linkedin oder Xing. Das Private auf der einen Seite, das Geschäftliche auf der anderen. Das will Facebook ändern. Schon zum zweiten Mal dieses Jahr machen Gerüchte die Runde, dass das soziale Netzwerk an einer separaten Plattform für die Arbeitswelt arbeitet. Das erste Mal schrieb der Branchendienst «Techcrunch» im Juni darüber. Nun doppelt die «Financial Times» nach.

Der neue Businesszwilling soll den Nutzern aber nicht nur eine Plattform für den professionellen Auftritt bieten, wie es Linkedin oder Xing heute schon tun. Er soll vielmehr eine Gesamtlösung für den Einsatz von Social Media in der Arbeitswelt werden – nach aussen sowie für die interne Kommunikation. Dazu gehören Profile, mit denen man sich untereinander vernetzen kann, eine Chatfunktion sowie eine Möglichkeit, gemeinsam Dokumente zu bearbeiten. Während das Portal optisch nahe an das Original angelehnt sein soll, werden das private und das professionelle Profil vollständig getrennt sein.

Bei Facebook hat jede Abteilung eine Gruppe

Wie das konkret aussehen könnte, zeigen interne Beispiele von Facebook, wo die Angestellten die eigene Plattform bereits heute für die Arbeit einsetzen. Demnach unterhält das Unternehmen für fast jede Abteilung eine Facebook-Gruppe, die die Mitarbeiter vernetzt und eine Möglichkeit bietet, um Feedback oder Fragen zu posten. Der Vorteil: Man muss nicht erst lange nach dem richtigen Ansprechpartner für eine Frage suchen. Die richtige Person meldet sich automatisch mit der Antwort. Fast so, als würde das ganze Team in einen kleinen Raum passen und als könnte man die Frage mündlich in die Runde werfen.

Wechselt jemand die Abteilung, wird er automatisch in die neue Gruppe versetzt. Diesem Prozess liegt ein Sicherheitssystem zugrunde – was für die Anwendung in Firmen zentral ist. Entwickelt wird Facebook at Work offenbar von London aus. Laut der «Financial Times» finden derzeit Pilotversuche mit mehreren Unternehmen statt. Facebook selbst wollte sich dazu nicht äussern.

Wer telefoniert, arbeitet nicht

Was Facebook plant, wäre das erste Angebot, das eine interne Kommunikationsplattform zur Verfügung stellt und gleichzeitig die Vernetzung mit externen Kontakten ermöglicht – und würde diverse grosse Unternehmen konkurrenzieren. Bislang pflegten Mitarbeiter ihre Kontakte auf Linkedin oder Xing, bearbeiteten Dokumente mithilfe von Google oder Microsoft gemeinsam, und wenn ein Unternehmen tatsächlich Wert auf eine interne Kommunikationsplattform im Stil der sozialen Medien legte, dann wandte es sich zum Beispiel an IBM.

Bislang allerdings war die Reaktion der Firmen auf solche Plattformen eher verhalten. Bis heute ist der Zugang zu Facebook auf vielen Geschäftscomputern gesperrt – auch wenn das in Zeiten der Smartphones wenig nützt. Allerdings könnte sich das laut David Maxfield von der Beratungsfirma Vitalsmarts bald ändern. Er sagt, wir befänden uns derzeit in einer ähnlichen Situation wie in den 1960er-Jahren. Damals war die Nutzung des Telefons in der Arbeitswelt umstritten. «Wer nicht gerade Manager war, konnte damals am Arbeitsplatz kein Telefon benutzen», sagt Maxfield. «Man ging davon aus, dass jemand, der telefoniert, nicht arbeitet.» Heute werde erwartet, dass man sich untereinander austausche. Trotzdem versuchten Organisationen immer noch, die Nutzung von sozialen Netzwerken zu verhindern – statt die Mitarbeiter in den Vorteilen der Nutzung zu unterrichten.

Die Mitarbeiter haben sich bereits entschieden

«Soziale Netzwerke verändern die Art und Weise, wie wir kommunizieren, wie wir arbeiten und wie wir uns gegenseitig beeinflussen», sagt auch Sandy Carter, die bei IBM für die Integration der sozialen Medien in den Alltag der Kunden verantwortlich ist. Der wichtigste Aspekt – und der Grund, wieso es nicht in allen Firmen gleich schnell vorwärtsgeht – ist die Frage der Macht. Oder besser: des Machtverlusts. «Soziale Netzwerke verändern zum Beispiel, wer neue Ideen generiert», sagt Carter. Und damit könnten nicht alle Chefs umgehen.

Ob Facebook mit seinem neuen Produkt Erfolg hat, hängt also damit zusammen, ob die Geschäftswelt ihre Scheu im Umgang mit sozialen Medien ablegt – und stattdessen anfängt, sie als Arbeitsmittel zu sehen wie zuvor beim Telefon und später beim E-Mail. Die Mitarbeitenden haben ihre Meinung indes bereits gemacht: Laut einer Umfrage von David Maxfield bei 2698 Vollzeitarbeitskräften aus verschiedenen Branchen geben 6 von 10 Leuten an, dass Social Media ihnen geholfen hätten, «neue oder bessere Beziehungen» in der Arbeitswelt aufzubauen – selbst dort, wo Unternehmen die Nutzung verböten.

Erstellt: 17.11.2014, 13:19 Uhr

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