US-Spionage

Wie die Swisscom von der NSA-Affäre profitieren kann

In der Schweiz boomt das Geschäft mit Datentresoren für Unternehmen – auch wegen des hiesigen Datenschutzes.

Wie riesige Tresore mit vielen Safes: Rechenzentrum der Swisscom.

Wie riesige Tresore mit vielen Safes: Rechenzentrum der Swisscom. Bild: PD

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Die Schweiz ist fürs Horten von ausländischem Geld bekannt. Nun, da das Bankgeheimnis bröckelt, setzt sie auch auf das Horten von Daten – und profitiert dabei von einem weltweiten Trend: Immer mehr Unternehmen lagern ihre Datenverarbeitung und -speicherung in sogenannte Clouds aus. Das Internet macht es möglich.

Schweizer Anbieter wie die Swisscom sind ganz vorne dabei in diesem Geschäft, wobei der grösste Teil von US-Konzernen beherrscht wird. Diese haben aber ein Problem, wie die aktuelle Diskussion über die Methoden des US-Geheimdiensts NSA zeigt: Sie unterstehen dem «Patriot Act» – einem US-Gesetz, das nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erlassen wurde. Es erlaubt Geheimdiensten das Abhören von Telefonaten und das Schnüffeln in Daten.In der Schweiz hingegen dürfen die Behörden erst nach einem Gerichtsbeschluss tätig werden. Dies könnte sich nun zum grossen Vorteil für die Datenspeicher-Branche erweisen. Franco Monti, Telecomexperte bei der Beratungsfirma Deloitte, ist überzeugt: «Dieser Aspekt wird an Bedeutung gewinnen.» Zwar sei die Problematik des «Patriot Act» schon bisher bekannt gewesen. Doch jetzt werde klar, dass das Schnüffeln im grossen Stil passiere.

«Es hilft der Reputation»

«Das sind Good News für die Schweiz», sagt Monti mit Blick auf die hiesigen Cloud-Anbieter. Bereits heute weist die Schweiz in Europa hinter Irland die zweithöchste Rechenzentrumsdichte pro Einwohner aus. Ausschlaggebend für diese Position sind nebst dem Datenschutz sowie den guten Internet- und Stromverbindungen die politische Stabilität, Diskretion, Zuverlässigkeit und das hohe Vertrauen, das die Schweiz im Ausland geniesst. Die Branche baut also auf dieselben Vorteile wie der Finanzplatz.

«Wir betreiben das Datengeschäft wie Private Banker», sagt Franz Grüter, CEO und Verwaltungsratspräsident von Green.ch. Er sieht die Rechenzentren als riesige Tresore mit vielen Safes. Einige Firmen würden die Daten gar in ehemaligen Armeebunkern speichern. Das sei von der Erschliessung mit Glasfaser und Strom her zwar nicht ideal, findet Grüter. «Aber es tönt gut und hilft der Reputation.»

Auch Swisscom-Sprecher Carsten Roetz sieht in der Bankermentalität und dem Datenschutz gewichtige Standortvorteile. Die Diskussion um die NSA werde wohl dazu führen, dass die Sensibilität der Unternehmen betreffend den Schutz ihrer Daten nochmals steige. Dieser sei den Firmenkunden aber schon bisher wichtig gewesen.

Entsprechend wirbt die Swisscom auch für ihre Dienste. Eine spezielle Marketingaktion als Folge der NSA-Debatte ist allerdings nicht geplant. Franz Grüter von Green.ch hingegen will «diese Botschaft jetzt noch intensivieren». Und er beabsichtigt, im aargauischen Lupfig schon bald ein weiteres Rechenzentrum zu bauen. Auch der Anwaltsverband denkt über einen eigenen, abhörsicheren Server nach – etwa in einem Gotthardbunker, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Und die Swisscom investiert in Bern 100 Millionen Franken in ein neues Rechenzentrum, das im nächsten Jahr in Betrieb gehen soll. «Die Swisscom hat beste Karten in diesem stark wachsenden Geschäft», sagt Deloitte-Experte Franco Monti.

Zugriff am Gesetz vorbei?

Aber sind die Daten in der Schweiz wirklich besser geschützt vor den Behörden als etwa in den USA? Oder greifen die Geheimdienste – auch ohne gesetzliche Ermächtigung – über geheime Schnittstellen in der Hardware zu, wie der IT-Sicherheitsverantwortliche des Bundes vermutet (siehe rechts)? «Vollständig ausschliessen kann man trotz aller Sorgfalt technisch nichts», sagt Swisscom-Sprecher Roetz. «Aber die Datenströme würden uns wohl auffallen.»

Eine Gefahr sieht Franz Grüter von Green.ch auch in den geplanten Lockerungen für die Schweizer Behörden. Diese sollen künftig auch mit Trojanern arbeiten dürfen. «Damit verglichen ist der Fichenskandal vor gut 20 Jahren Pipifax», ärgert sich der IT-Unternehmer, der gleichzeitig Luzerner SVP-Kantonalpräsident ist. «Wir würden dagegen das Referendum ergreifen.»

Erstellt: 11.06.2013, 09:55 Uhr

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