Wie schnell das Bargeld aus der Schweiz verschwinden könnte

Der Zahlungsdienstleister SIX entwirft Szenarien für den Weg in die bargeldlose Gesellschaft.

Beliebte Nötli: In den nächsten fünf bis sieben Jahren könnte das Bargeld in der Schweiz stark an Bedeutung verlieren.

Beliebte Nötli: In den nächsten fünf bis sieben Jahren könnte das Bargeld in der Schweiz stark an Bedeutung verlieren. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Schweizer setzen gerne auf Bewährtes und ändern ihre Gewohnheiten nur langsam. Das zeigt sich besonders beim Bargeld. Während sich Schweden das Ziel gesetzt hat, bis 2023 bargeldlos zu sein und in China die Rechnung im Restaurant per Lächeln in eine Kamera beglichen werden kann, bezahlen die Schweizer nach wie vor gerne mit Münz und Nötli. Auch in der Schweiz ist Bargeld auf dem Rückzug, auch hier sind Kartenzahlungen und Bezahl-Apps, wie Twint, auf dem Vormarsch. Das belegt der kürzlich neu aufgelegte Swiss Payment Monitor der Zürcher Hochschule für Angewandte ­Wissenschaften.

Doch wie schnell läuft diese Entwicklung ab? Der Schweizer Zahlungsdienstleister SIX entwirft nun in einem Grundlagenpapier sieben Szenarien zur Zukunft des Bargelds. Dabei gilt ein Zeithorizont von fünf bis sieben Jahren. Die Studienautoren glauben zwar nicht, dass die neuen Schweizer Banknoten bald schon überflüssig werden – doch wir werden sie deutlich seltener einsetzen.

Rückgang um 40 bis 70 Prozent

Denn nur schon das für SIX wahrscheinlichste Szenario sieht einen tiefgreifenden Wandel bei den Schweizer Zahlungsgewohnheiten voraus. Dabei dürften die Barzahlungen um 40 bis 70 Prozent zurückgehen. Bezahlkarten und Apps ersetzen sie zunehmend. Der Bezahlprozess wird bei Webdiensten so integriert, dass er für die Kunden kaum noch sichtbar ist. «Digitale Zahlungen sind praktischer und komfortabler geworden im Vergleich zu Bargeld, da die digitalen Schnittstellen immer näher an die menschlichen Tätigkeiten gerückt sind», heisst es in der Studie.

Das Bargeld würde aber von vielen nach wie vor als Wertspeicher gehortet werden. Der Rückgang beim Bezahlen führt aber dazu, dass die privaten Bargeldbestände um 40 bis 60 Prozent sinken. Private Geldüberweisungen werden dann hauptsächlich per Smartphone erledigt, Bancomaten werden seltener, und wer doch Bargeld benötigt, wird das an einer Ladenkasse beziehen. Laut diesem Szenario könnte die heutige Bargeldinfrastruktur rund um Banken und Bancomaten in ländlichen Regionen komplett verschwinden.

Damit einher ginge das Ende von Bargelddienstleistungen in Bankfilialen, zudem würde die Zahl der Geldautomaten laut dem Papier um 30 bis 40 Prozent abnehmen. Zur Einordnung: In der Schweiz gibt es heute rund 7000 Bancomaten. 2000 bis 3000 würden also abmontiert werden, würde das Szenario eintreffen. Digitale Brieftaschen von Drittanbietern, die nicht aus der Finanzbranche stammen, gewinnen laut dem Papier an Bedeutung. In China etwa hat sich WeChat Pay als wichtigstes Zahlungsmittel etabliert, dabei handelte es sich einst um eine Chat-App à la Whatsapp. Um den neuen Konkurrenten entgegenzuwirken, expandieren Banken und offerieren Dienstleistungen über das Bankgeschäft hinaus, um so die Kundenbeziehungen nicht zu verlieren, heisst es im Papier.

Bitcoin und Co. mit schwerem Stand

Als ziemlich unwahrscheinlich erachten es die Autoren von SIX, dass eine Gesellschaft komplett ohne Bargeld entsteht. Denn: «Der wahrscheinlichste Weg zu einem solchen Szenario ist, dass ein Staat es verordnet», so die Autoren. Als ebenfalls eher unwahrscheinlich erachten es die Autoren, dass sich Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether durchsetzen und von einer Zentralbank ausgegebene Währungen als dominante Geldformen ersetzen. Dafür müssten sich die neuen Währungen erst noch als Zahlungsmittel etablieren. Das beginnt sich erst langsam zu ändern. Zwar akzeptieren erste Detailhändler wie etwa Digitec/Galaxus Kryptowährungen, doch dies ist mit einem hohen Aufwand verbunden.

Ebenfalls nicht besonders wahrscheinlich sei es, dass neue, nicht staatliche Währungen den angestammten den Rang ablaufen. Ein Beispiel dafür könnte Libra sein. Die Facebook-Währung hat bei ihrer Ankündigung für Furore gesorgt, seither hat sie bereits Rückschläge erlebt. Neuerdings will die EU als Reaktion auf das Libra-Projekt offenbar gar eine eigene Digitalwährung forcieren.

Erstellt: 06.11.2019, 20:02 Uhr

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