«Wir spüren viel Wohlwollen»

Urs Rohner widerspricht der Meinung, er werde nur mehr für eine Übergangszeit CS-Präsident bleiben.

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Unter dem Strich bleibt das Faktum, dass die Credit Suisse mit über 45'000 Beschäftigten ein Schuldeingeständnis unterzeichnen musste – wegen Verfehlungen von 10 bis 15 Mitarbeitenden.
Das wäre eine grobe Verkürzung der Angelegenheit. Richtig ist, dass eine kleine Gruppe von Beschäftigten Verstösse gegen interne Weisungen begangen hat.

Das ist doch stets die Darstellung der Credit Suisse gewesen.
Das Schuldeingeständnis geht darüber hinaus. Wir haben aus der Schweiz heraus ein grenzüberschreitendes Geschäft mit US-Kunden betrieben und diesen dabei geholfen, ihre Steuerpflichten zu umgehen. Wir bedauern dies sehr.

Das US-Justizministerium will mit dem Schuldeingeständnis auch zum Ausdruck bringen, dass sich die CS bei den Ermittlungen zu wenig kooperativ verhalten hat. Was hätten Sie besser machen können?
Für uns war von Anfang an klar, dass wir mit den US-Behörden vollständig kooperieren wollen. Es blieb uns jedoch aus rechtlichen Gründen verwehrt, Kundendaten an die USA zu liefern. Dass es uns zudem nicht gelungen ist, die politischen Hebel in Gang zu setzen, um die Kundendaten auszuliefern – wie die UBS –, haben die US-Behörden vermutlich negativ bewertet. Auch waren wir nicht mehr in der Lage, gewisse E-Mails von früher ausgeschiedenen Mitarbeitenden zu reproduzieren. Im Rückblick war es vielleicht ein Versäumnis, dass wir die entsprechenden US-Regeln zur Aufbewahrung nicht schon vor 2010 in der Schweiz einführten, wo keine derartige Pflicht besteht.

Müssen Sie befürchten, dass die CS wegen des Schuldeingeständnisses beim Kreditrating zurückgestuft wird?
Nein, dafür gibt es keine Anzeichen. Die zwei grossen Ratingagenturen Standard & Poor’s und Fitch haben bereits verlauten lassen, dass sie an unseren Kreditratings festhalten.

Wie gross ist Ihre Angst, dass in den nächsten Wochen und Monaten wichtige Kunden oder Investoren bei der CS abspringen?
Wir sind mit unseren Kunden in engem Kontakt. Dabei haben wir überwiegend Zuspruch erfahren, worüber ich mich freue. Wir mussten bislang auch kaum Abflüsse von Kundengeldern verzeichnen, und wir haben gerade heute auch neue bedeutende Kunden gewonnen.

In ihrem Untersuchungsbericht hält die Finma fest, die CS habe im US-Geschäft rechtliche und Reputationsrisiken auf sich genommen und das Erfordernis einer einwandfreien Geschäfts­führung verletzt. Was sagen Sie zu diesen happigen Vorwürfen?
Zur Wahrung der Proportionen müssten Sie den ganzen Bericht der Finma lesen. Da wird auch gewürdigt, was die Credit Suisse seit 2008 eingeleitet und welche Unzulänglichkeiten sie ausgemerzt hat. Die Finma stört sich vor allem am unzureichenden Risikomanagement der Credit Suisse. Dieser Vorwurf ist aber kaum nur an uns, sondern an alle Schweizer Banken gerichtet. Zudem betrachtet die Finma einfach die gleichen Fakten wie die US-Justiz und beurteilt sie in einer rückwirkenden Auslegung des Schweizer Aufsichtsrechts. In der Sache geht es um das Gleiche. Auch im Fall UBS und bei anderen Banken ist die Finma zu den gleichen Feststellungen gelangt. Und vergessen Sie nicht: Die Finma hat 2010 erstmals auf die Risiken im grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäft aufmerksam gemacht – die Credit Suisse hat bereits 2008 beschlossen, aus dem Cross-Border-Geschäft in den USA auszusteigen. Zugegeben, im Rückblick auf die Jahre 2000 bis 2008 werden Sie immer wieder auf Vorkommnisse stossen, in denen wir aber zu wenig Sensibilität gezeigt haben.

Wie die Finma betont, muss die einwandfreie Geschäftsführung nicht nur von den einzelnen Angestellten respektiert werden, sondern auch von der Bank selber und damit ihren Führungsorganen. Aus dieser Lesart fallen doch die Vorwürfe auf Sie persönlich zurück – als früherer oberster Rechtschef und jetziger VR-Präsident.
Ich will mich von den Vorwürfen keineswegs ausnehmen. Als ich 2006 oberster Rechtschef der zusammengeführten «One Bank» der CS wurde, habe ich noch im selben Jahr ein globales Cross-Border-Projekt lanciert. Viele der Vorwürfe der Finma beziehen sich auf frühere Jahre. Über alles gesehen, hat die Finma eine Gesamtverantwortung der Credit Suisse bei den Verfehlungen in den USA erkannt, aber sie ist nicht auf individuell zurechenbare Fehler gestossen, die sie veranlasst hätte, personelle Konsequenzen auf den obersten Führungsstufen zu ziehen. Im Rückblick wünschte ich, die CS hätte bereits früher das Geschäft mit unversteuerten US-Kunden abgebrochen. Aber Hand aufs Herz: Welche Bank in der Schweiz hat das damals gemacht, und welche Behörde hat das damals gefordert?

Wird es in Zusammenhang mit den Verfehlungen in den USA zu Entlassungen kommen?
Wie gesagt, wir haben uns ab 2008 aus dem amerikanischen Offshoregeschäft verabschiedet und diese Aktivitäten abgebaut. Dabei haben auch viele der involvierten Mitarbeitenden die Bank verlassen. Die US-Aufsichtsbehörden haben nun von uns verlangt, zehn Beschäftigte zu entlassen.

Sehen Sie sich von der Regierung und den Parlamentariern in Bern noch mehrheitlich gestützt?
Wir haben uns in den letzten Wochen eng und gut mit den Behörden ausgetauscht. Ich selber habe überdies Gespräche mit mehreren Parlamentariern geführt. Entscheidend sind für uns auch die Aktionäre, die Investoren, die Kunden und die Mitarbeitenden – und von all diesen spüren wir viel Unterstützung und Wohlwollen.

Würden Sie mir widersprechen, dass Sie «angezählt» sind und Sie die CS nur noch für eine Übergangszeit präsidieren werden?
Da widerspreche ich Ihnen. Aber es ist natürlich auch so, dass man einen derartigen Fall mit einer hohen Busse nicht ohne weiteres wegsteckt und zur Tagesordnung übergeht. Das wäre unverantwortlich.

Erstellt: 21.05.2014, 06:46 Uhr

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«Wir spüren viel Unterstützung und Wohlwollen.»: Urs Rohner. (Bild: Maurice Haas (13 Photo))

Urs Rohner
Vom TV- zum Bankgeschäft

Der 54-jährige studierte Jurist ist seit 2011 VR-Präsident der Credit Suisse, nachdem er zuvor als Vizepräsident geamtet hatte. Davor hatte er, der in jungen Jahren Schweizer Meister im Hürdenlauf gewesen war, Ämter in der obersten Führung der Grossbank inne, erst als Rechtschef und dann als Chief Operating Officer. Vor seiner CS-Zeit stand Rohner an der Spitze des deutschen TV-Senders ProsiebenSat 1. (rm.)

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