Interview

«Zwei unproduktive Stunden pro Tag sind der Durchschnitt»

Der gestrige Artikel zum Thema Präsentismus und Bore-out löste bei der Leserschaft viele Reaktionen aus. Experte Peter Werder erklärt das Phänomen und sagt, worauf man bei der Diskussion achten muss.

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Im gestrigen Artikel wird ein Arbeitnehmer beschrieben, der drei Stunden pro Tag effektiv arbeitet. Ein Extremfall, oder repräsentiert er möglicherweise 20 Prozent der Schweizer Arbeitnehmer?
Ein Extremfall. Zwei unproduktive Stunden pro Tag – Zeit, die für Kaffee, Rauchen oder Privates verwendet wird – sind in etwa der Durchschnitt.

Gibt es konkrete Zahlen und Studien zum Phänomen?
Wir wissen, dass viele Leute, die an einem Pult mit Computer und mit einer Pendenzenliste arbeiten, betroffen sind. Wir haben in den letzten Jahren viel über die Bore-out-Betroffenen gelernt. Aber: Wir wissen noch nicht, wie viele Leute daran leiden.

In den Kommentarspalten diskutierten die Leser, wo man am meisten unterforderte und gelangweilte Mitarbeiter antrifft. Oft werden Staatsbetriebe genannt. Was sind Ihre Beobachtungen?
Wir machen keine Aussagen über die Branche, das sind reine Spekulationen. Viele ziehen unseriöserweise von Einzelerfahrungen Rückschlüsse auf die Allgemeinheit. Bore-out kann überall da vorkommen, wo Menschen an einem Computer arbeiten und Arbeit vortäuschen können: Sie können auf Versicherungen arbeiten, auf einer Verwaltung, auf einer Bank. Dort, wo man keine Arbeit vortäuschen kann, gibt es auch keine Bore-out-Betroffene. So können zum Beispiel Handwerker oder Beschäftigte an einem Schalter nicht so tun, als ob sie arbeiten würden. Schliesslich kann man nicht vortäuschen, eine Wand zu streichen oder Leute an einem Schalter zu bedienen.

Wie erkennt man eine Person, die unter Bore-out leidet?
Von aussen merkt man es ja eben gerade nicht, weil die Person alles daran setzt, beschäftigt zu wirken. Da muss man schon genau hinsehen. Viele merken es nicht einmal selber und verdrängen es. Es ist eine Führungsaufgabe, das zu entdecken – indem man mit den Leuten im Team redet und herausfindet, wie es um Auslastung und Zufriedenheit steht.

Was sind die Hauptgründe, warum sich Arbeitnehmer zu Tode langweilen?
Sie sind qualitativ unterfordert, weil das, was sie tun müssen, sie nicht herausfordert. Und sie können quantitativ unterfordert sein, weil sie zu wenig Arbeit bekommen. Meist ist es eine Mischung: zu wenig Herausforderung. Dass man in diese Negativspirale rutscht, beginnt schon bei der Stellenausschreibung. Gesucht werden fünfsprachige Nobelpreisträger, die den doppelten Salto rückwärts machen, während sie in einem Conference Call mit Asiaten und Russen über die Erstellung eines Atomkraftwerks verhandeln. In Tat und Wahrheit müssen sie dann ein Projekt mit managen und manchmal eine englische Mail schreiben.

Unsere Leser denken, dass die Schuld oft bei den Chefs liege. Einverstanden?
Einverstanden. Nur nützt diese Erkenntnis nichts, die Betroffenen müssen das Problem ja lösen. Wir sagen klar: Egal, wenn die Chefin schuld ist, am Schluss sind es die Arbeitnehmenden, die sich in Selbstverantwortung üben müssen.

In den Schlagzeilen ist eigentlich immer das Burn-out. Warum ist das Bore-out ein Tabuthema?
Weil Stress sozial erwünscht ist. Wer nicht gestresst ist, ist nicht wichtig. Natalie Rickli hat über ihr Burn-out berichtet und gesagt, es mache sie krank, dass in der Politik nicht alles so laufe, wie sie es sich wünsche – hohes Involvement führt also zu Stress. Stellen Sie sich vor, sie hätte gesagt, sie würde sich zu Tode langweilen und sei es leid, so zu tun, als ob sie sich politisch einsetzen würde.

Was sind die Folgen von Langeweile und Unterforderung? Ist eine Depression möglich, oder ist das ein weitverbreiteter Irrglaube?
Die Folgen sind ähnlich wie bei richtigem Stress: Am Abend ist man vom Nichtstun müde, man entwickelt eine innere Distanz zum Unternehmen.

Es gibt aber auch Leute, die sich über zu wenig Arbeit freuen, um eine ruhige Kugel zu schieben, und sogar ihre Chefs täuschen. Wie hoch schätzen Sie den Anteil solcher Mitarbeiter?
Den Anteil zu schätzen, macht keinen Sinn. Wir müssen das Problem fokussieren: Wer in einem neuen Job anfängt und zu wenig zu tun hat, freut sich über die freie Zeit. Das ist die Mär des süssen Nichtstuns, wie wir es nennen. Die Freude ist bald vorbei. Nichts ist schlimmer als das Gefühl, nicht gebraucht zu werden und die Zeit mit dem Alternativangebot am Arbeitsplatz wie Internet, E-Mail oder Handy totschlagen zu müssen.

Was sind die beliebtesten Tricks? Und wie kann man sie entlarven?
Man tut beschäftigt: am morgen früh ins Büro, am Abend spät nach Hause. Viel Papier und umfangreiche Unterlagen in Sitzungen mitnehmen, jeden Projektschritt an alle bis ins Detail kommunizieren, in die Tasten hauen, damit es alle merken, leicht gestresst durch die Gänge hechten. Das sind nur wenige Beispiele, wir haben in unseren beiden Büchern viele weitere Strategien beschrieben.

Abschlussfrage: Stresssituationen am Arbeitsplatz würden oft übertrieben dargestellt, lautet ein Leser-Feedback. Wie stehen Sie dazu?
Sehe ich auch so – nur nützt diese Aussage nichts. Denn viele Leute erleben tatsächlich täglich sehr viel Stress. Wir sollten aufhören mit Allgemeinaussagen und auch in solchen Fragen präziser werden. Das würde helfen, Bore-out wie auch Burn-out breit zu bekämpfen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.02.2013, 16:01 Uhr

Kommunikationsfachmann Peter Werder hat sich mit dem Thema Unterforderung in der Arbeitswelt beschäftigt. Mit Philippe Rothlin hat er zwei Boreout-Bücher geschrieben. «Diagnose Boreout» und «Die Boreout-Falle», beide erschienen im Redline Verlag (2007 und 2009).
(Bild: zvg)

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