Am Abend 10 Rappen billiger tanken?

Der Konkurrenzkampf unter den deutschen Tankstellen lässt die Preise purzeln. Jeden Tag zwischen 17 und 19 Uhr ist das Benzin am günstigsten. Schweizer Anbieter sind skeptisch.

Günstiger tanken: In Deutschland passen Tankstellen den Preis mehrmals täglich an – meist nach unten.

Günstiger tanken: In Deutschland passen Tankstellen den Preis mehrmals täglich an – meist nach unten. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Ändert eine Tankstelle in Deutschland den Preis an der Zapfsäule, so muss sie das umgehend melden. Eine vom Bundestag geschaffene Markttransparenzstelle für Kraftstoffe sammelt die Meldedaten und stellt sie gleich online. So können die Autofahrer stets sehen, was das Benzin oder der Diesel an einer der rund 14'500 Tankstellen kostet – rund um die Uhr und in Echtzeit. Damit ist eine langjährige Forderung des Automobilclubs ADAC umgesetzt worden.

Die Transparenz zeigt Wirkung. Vorbei sind die Zeiten, als die Tankstellenbetreiber die Preise tage- oder wochenlang unverändert liessen, obwohl die Mineralölprodukte im Einkauf billiger wurden. Wenn jetzt ein Konkurrent den Preis senkt, ziehen die andern sofort nach, wenn nötig mehrmals täglich. An einem durchschnittlichen Tag gab es laut einer ersten Zwischenbilanz der Markttransparenzstelle «eine Preiserhöhung pro Tankstelle und drei bis vier Preissenkungen». Der Bericht erschien vor einigen Monaten, inzwischen hat die Volatilität weiter zugenommen. Besonders an hart umkämpften Lagen sind mehr als ein Dutzend Preisrunden pro Tag zu beobachten.

Tagesschwankung bis 10 Cent pro Tankstelle

An einer Tankstelle schwankt der Preis pro Tag im Durchschnitt um 7 bis 10 Cent (umgerechnet 8 bis 11 Rappen), wie es in der Zwischenbilanz heisst. Betrachtet man alle Tankstellen in derselben Stadt, sind Unterschiede bis zu 20 Cent zu beobachten. Der Verlauf folgt jeweils einem prägnanten Muster. Bis sechs Uhr morgens ist das Benzin am teuersten, dann zeigt die Kurve kontinuierlich bergab. «Im Schnitt ist die günstigste Zeit zum Tanken spätnachmittags und abends – am besten nach 18 Uhr, aber vor 20 Uhr», stellt die Transparenzstelle fest. Dann ist offenbar die Schmerzgrenze der Tankstellenbetreiber erreicht. Aral und Shell eröffnen Preiserhöhungsrunden, die anderen Anbieter folgen dann mit einem gewissen Abstand.

Schweiz: Preis ändert nur träge

In der Schweiz sind die Preise weniger transparent. Die Migrol informiert zwar über eine App in Echtzeit über die Preise an ihren rund 300 Tankstellen. Doch die anderen Anbieter verzichten auf einen solchen Service und schreiben den Literpreis nur gerade an der Tankstelle selbst an. So ist es kaum möglich, gezielt die günstigste Zapfsäule in einer Stadt anzufahren. Der Autofahrer sieht das Preisschild am Strassenrand und entscheidet sich dann in Sekundenbruchteilen, ob er weiterfährt oder der Bequemlichkeit halber doch gleich hier tankt.

Entsprechend zahm verläuft der Wettbewerb. Grosse Tankstellenbetreiber können zwar die Preise per Knopfdruck in der ganzen Schweiz auf einen Schlag erhöhen oder senken. Doch das tun sie kaum je. BP zum Beispiel passt den Preis laut Sprecherin Isabelle Thommen in der Regel nicht mehr als zwanzigmal pro Jahr an. Warum so selten? «Wir ändern den Säulenpreis, sobald sich einer der relevanten Faktoren ändert, das sind der Produktepreis am Spotmarkt in Rotterdam, der Wechselkurs Dollar/Franken und die Frachtpreise», sagt Thommen und fügt an, dass «unsere Nachbarn offenbar andere Faktoren berücksichtigen».

«Deutsches System für Autofahrer verwirrend»

Migrol-Unternehmensleiter Daniel Hofer pflichtet ihr bei. «Hinter diesen unsinnigen Preisanpassungen in Deutschland stecken Marketingüberlegungen und ein Verdrängungswettbewerb», sagt er. Irgendwann würden die Anbieter realisieren, dass das wilde Auf und Ab wenig bringe. «Auch der Autofahrer profitiert kaum davon, er bekommt das Benzin am Abend zwar günstiger als am Morgen, dafür muss er aber länger anstehen.» Zudem seien die wilden Preisausschläge für den Konsumenten verwirrend.

Dass der Wettbewerb in der Schweiz nicht spiele, wollen die Tankstellenbetreiber nicht gelten lassen. «Der Schweizer Markt ist wettbewerbsintensiv, die Zahl der Anbieter ist hoch und das Tankstellennetz dichter als in den umliegenden Ländern», argumentiert Cornelia Wolber, Sprecherin von Shell mit ebenfalls rund 300 Tankstellen in der Schweiz. Daniel Hofer spricht ebenfalls von einem «harten Konkurrenzkampf auch in der Schweiz». Der Preis richte sich aber mehr nach der Lage als nach der Tageszeit.

Deutsche Tankstellenshops beklagen Minderumsatz

Diese Argumente waren einst auch in Deutschland zu hören. Die Markttransparenzstelle hält in ihrem ersten Zwischenbericht aber fest, dass das neue System funktioniere und «den Autofahrern günstiges Tanken ermöglicht».

Wenig begeistert zeigen sich hingegen die Pächter der Tankstellen. Bis zu 14-mal pro Tag ändere sich der Treibstoffpreis, klagte Sigrid Pook, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Tankstellen und Gewerbliche Autowäsche Deutschland, der Deutschen Presse-Agentur. «Das macht den Betreibern zu schaffen, weil sie im Shop auf ihren Frühstücksangeboten sitzen bleiben.» Kaffee und Gipfeli bleiben liegen, wenn die Autofahrer die Tankstellen gezielt am frühen Abend anfahren. Und dann wollen sie nicht gross einkaufen oder sich verpflegen. Sondern sparen beim Tanken und so rasch wie möglich nach Hause.

Erstellt: 11.08.2015, 16:37 Uhr

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