Bericht: Schüler werden in Apple-Watch-Fabrik zu Arbeit gezwungen

Ohne das «Praktikum» würde die Schulleitung ihre Zeugnisse zurückhalten, berichten Schüler einer chinesischen NGO.

Ein Mitarbeiter in der Quanta-Fabrik in Chongqing wird befragt. Foto: Gilles Sabrie («The New York Times», Redux, Laif)

Ein Mitarbeiter in der Quanta-Fabrik in Chongqing wird befragt. Foto: Gilles Sabrie («The New York Times», Redux, Laif)

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Ob all der Freude droht in Vergessenheit zu geraten, dass solche iPhones und andere smarte Gadgets nach wie vor unter miesen Arbeitsbedingungen und Missachtung der Menschenrechte produziert werden. So prangert die chinesische NGO Sacom in einem neuen Report den Produzenten der Apple Watch in China an, Schüler als billige Arbeitskräfte auszubeuten.

«Ohne uns Studierende würde die Fabrik nicht funktionieren. Wir sind wie Roboter am Fliessband und wiederholen dieselben Handlungen Hunderte und Tausende Mal am Tag», wird ein 18-Jähriger zitiert. Er beschreibt die Situation in einer Fabrik des taiwanischen Elektronikkonzerns Quanta in der Stadt Chongqing.

Schüler werden zur Billigarbeit gezwungen

Quanta ist exklusiver Hersteller von Apples smarter Uhr, die eben in der vierten Ausgabe auf den Markt gekommen ist. Diese findet so reissenden Absatz, dass ab November auch die Firma Compal bei der Produktion mithelfen muss. «Solche Kapazitätsengpässe bergen immer ein hohes Risiko, dass Arbeitsrechte verletzt werden», sagt Karin Mader von der Entwicklungsorganisation «Brot für alle», die mit Sacom zusammenarbeitet.

Auch im normalen «Fabrikalltag» sind laut Report 12-Stunden-Tage und Nachtschichten die Regel. Eine «signifikante Zahl» von Berufsschülern werde zudem zur Arbeit gezwungen. «Eine 16-jährige Studentin, die Früherziehung studiert, erzählte uns, dass sie das Praktikum am Fliessband machen musste, sonst werde ihre Schule ihr Abschlusszeugnis zurückhalten», schreibt Sacon-Projektleiter Michael Ma in einem E-Mail.

Die 72'000 Quanta-Fabrikarbeiter produzieren nebst Apple Watches vor allem Notebooks und Drucker, und das an vier Standorten in China. Der Umsatz beträgt 33,5 Milliarden US-Dollar, Hauptkunden nebst Apple sind Google, HP, Asus oder Dell.

Was im Werk in Chongqing abgeht, verstösst gegen das chinesische Arbeitsgesetz und auch gegen die Regeln von Apple. So müssen Schüler sogenannte Praktika absolvieren, die nichts mit ihrer Ausbildung zu tun haben. Mit Billigung der Schulleitungen und Behörden werden sie so als billige Arbeitskräfte missbraucht.

Bereits den Fall Foxconn aufgedeckt

Die chinesische Sacom hat das Quanta-Werk in Chongqing bereits vor einem Jahr untersucht und die Missstände angeprangert. Seither habe sich wenig gebessert, heisst es im Report. Damals haben Apple und Quanta abgestritten, in Chongqing miteinander zu geschäften. «Dieser Report belegt nun eindeutig, dass Apple seine Watch dort zusammenbauen lässt», sagt Karin Mader. Sicher macht sie, dass sich die chinesische NGO mit früheren Undercover-Reports bereits einen Namen gemacht hat und auch die miserablen Arbeitsbedingungen bei der iPhone-Produktion von Foxconn aufdeckte.

Diesmal indes wurde nicht verdeckt gearbeitet. «Unsere V-Leute hätten erneut wie reguläre Angestellte 12 Stunden am Fliessband stehen müssen, das konnten wir nicht verantworten», sagt Sacom-Projektleiter Michael Ma. Deshalb hätten sie Quanta-Arbeiter auf dem Weg ins Werk befragt. Insgesamt kamen so 28 Interviews zustande. Weitere 500 bis 600 Arbeiter wurden via studentische Plattformen befragt.

Sacom und «Brot für alle» fordern Apple nun auf, die Arbeitsrechte in der gesamten Lieferkette einzuhalten und sicherzustellen, dass alle Hersteller die lokalen Arbeitsgesetze und -vorschriften einhalten. Zudem soll Apple die Zwangszuweisungen von Schülern stoppen. Die Bitte von Tagesanzeiger.ch/Newsnet an Apple um eine Stellungnahme blieb unbeantwortet.

Karin Mader von «Brot für alle» zeigt sich trotzdem zuversichtlich, dass sich etwas verbessern wird: «Öffentlicher Druck, aber auch entsprechendes Verhalten von Konsumenten kann dabei helfen, zumindest kurzfristig.» Das habe die Vergangenheit gezeigt.

Erstellt: 25.10.2018, 09:23 Uhr

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