Banken verlangen überrissene Gebühren

Über 100 Franken Jahresgebühr für ein simples Konto sind hierzulande normal. Die Banken hätten durchaus Spielraum für Kostensenkungen – doch sie wollen nicht.

Hat viel Cash zur Verfügung, will die Gebühren für die Kunden aber trotzdem nicht senken: Der Hauptsitz der Raiffeisenbank in St. Gallen. Foto: Keystone

Hat viel Cash zur Verfügung, will die Gebühren für die Kunden aber trotzdem nicht senken: Der Hauptsitz der Raiffeisenbank in St. Gallen. Foto: Keystone

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Raiffeisen Schweiz steht mitten im Umbau. In drei Arbeitsgruppen meisseln Vertreter der Einzelbanken neue Strukturen für ihre St. Galler Zentrale heraus. Im November stimmt die Delegiertenversammlung darüber ab. Auf den Prüfstand kommt auch die Verwendung der liquiden Mittel der Gruppe durch die Zentrale, wie diese Zeitung erfahren hat. «Raiffeisen Schweiz hat zu viel Cash zur Verfügung», fasst ein früheres Geschäftsleitungsmitglied, das ungenannt bleiben will, die Problemstellung zusammen.

Die 246 Banken deponieren ihr Überschusskapital bei Raiffeisen Schweiz, die als Ausgleichskasse fungiert. Mit rund 1 Milliarden Franken davon ging ihr Ex-Chef, Pierin Vincenz, in seiner Amtszeit auf Einkaufstour. Die grösste Einzelbeteiligung, der Kauf der ehemaligen Privatbank Wegelin, kostete 577 Millionen Franken und geschah in einer Nacht- und-Nebel-Aktion. «Damals drückte Vincenz auf den Knopf und hatte das Geld», sagt die frühere Insiderperson. «So was soll in Zukunft nicht mehr möglich sein», sagt ein Mitglied der Reformgruppe.

Kosten steigen seit 15 Jahren

Die Beteiligungen aus der Vincenz-Ära sind heute verkauft oder weitgehend abgeschrieben. Das konnte die Bankgruppe locker verkraften. Durch das grosse Hypothekargeschäft ist sie eine Cash-Maschine mit einem Ertrag von über 3 Milliarden Franken und einem Gewinn von über einer halben Milliarde in 2018. Mit Eigenkapital ist sie komfortabel ausgestattet. «Die enormen Mittel sollten jetzt dafür verwendet werden, die Genossenschaftsscheine höher zu verzinsen oder die Bankgebühren der Kunden zu senken», sagt das Ex-Mitglied der Geschäftsleitung. Bei Raiffeisen Schweiz will man sich dazu nicht äussern. Gebührensetzung und Anteilsscheinverzinsung seien Aufgabe der Einzelbanken (vgl. Box rechts).

Im Raiffeisen-Reich sucht man seit Längerem das Gespräch. In Webvideos kommen Bankleiter, Mitarbeiter und Kunden zu Wort. Zuverlässigkeit, Vertrauen, Ehrlichkeit sind Worte, die oft fallen. Dabei stört die Kunden in der Schweiz an ihren Banken vor allem eines: die hohen Gebühren, wie der Vergleichsdienst Moneyland in einer repräsentativen Umfrage im März aufzeigte. So sind Jahresgebühren über 100 Franken für ein simples Konto bei Schweizer Banken Standard.

«Die Bankgebühren sind in der Schweiz in den letzten 15 Jahren deutlich gestiegen», sagt André Bähler von der Stiftung für Konsumentenschutz. Da die meisten Banken kaum mehr Zinsen geben, zahlt so fast jeder Kleinkunde heute ab dem ersten Rappen Negativzinsen, die sich als Gebühren tarnen. «Wir raten den Sparern, die Konditionen zu vergleichen und bei Bedarf die Bank zu wechseln», sagt Bähler. Doch obwohl die Kunden mit den Kosten unzufrieden sind «wechseln sie kaum die Bank», wird Moneyland-Geschäftsführer Benjamin Manz zitiert. Dabei gibt es das Gratiskonto hierzulande längst durch Mobile-Banking-Angebote der Bank Cler oder des Start-up Neon.

Wo die Kunden ruhig bleiben, versucht das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) seit vier Jahren, Druck aufzusetzen. Bereits 2016 forderte die Behörde von den Banken, sie sollen am besten auf Gebühren für Kontosaldierung, Wertschriftentransfer und Hypothekarablösungen verzichten. Das sei laut Seco unlauterer Wettbewerb. Für den Transfer von Wertschriftendepots verlangen manche Banken bis zu 200 Franken – und das pro Position.

Der Spielraum wäre da

Das Seco drohte damals mit Zivilklage gegen die Banken, sollten sie nicht auf ihre überrissenen Gebühren verzichten. Betroffen sind UBS und Credit Suisse, alle 24 Kantonalbanken, Postfinance, Valiant, Raiffeisen, Migros Bank, Bank Cler und die Baloise Bank SoBa. Die Häuser antworteten 2017, sie denken nicht daran, ihre Gebühren zu ändern. «Einen Ölwechsel bekommen Sie ja auch nicht gratis», sagt ein Banker, der nicht genannt werden will. Das Seco klagte nicht, schrieb die Banken erneut an, woraufhin Anfang 2019 laut Behörde eine einzige KB auf besagte Gebühren verzichtete. «Der Austausch mit weiteren Banken wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen», sagt ein Seco-Sprecher.

Angesichts guter Geschäftszahlen würde es für besagte Banken durchaus drinliegen, Gebühren zu senken. Sie legten 2018 wie schon in den Vorjahren mehrheitlich an Ertrag und Gewinn zu. Auch wenn die Einnahmen der Schweizer Banken seit der Finanzkrise weniger geworden sind (vgl. Grafik 1), verteilt sich der Ertrag heute auf weniger Häuser (vgl. Grafik 2) und weniger Mitarbeiter (vgl. Grafik 3). Ein Zeichen dafür, wie viel Geld in der Branche trotz Tiefzinsumfeld, gestiegener Regulierungskosten und Wegfall des Bankgeheimnisses noch immer vorhanden ist, sind die Saläre, die nach wie vor gezahlt werden.

Chefs von einfachen Kantonalbanken kassieren teilweise Millionensaläre, mehr als ein Bundesrat. Die Grossbanken schlagen dabei obenaus. Die Chefs von UBS und CS bekommen Gehälter in zweistelliger Millionenhöhe, vergleichbar mit den CEO-Kollegen von Nestlé, Novartis und Roche. Dabei sind die Banken nicht einmal in der Nähe der Börsenkapitalisierung oder der Aktienkursentwicklung der Riesen. UBS zahlte allein seit Anfang 2018 über 336 Millionen Franken an Bussen. Unterm Strich machte sie trotzdem noch fast 5 Milliarden Franken Gewinn – mehr als jede andere Bank der Schweiz. Doch für ein Konto zahlt der einfache Kunde bei der Grossbank immer noch mit am meisten.

Erstellt: 04.04.2019, 19:42 Uhr

Genossenschafter sind keine Aktionäre

Raiffeisen ist nicht kotiert, Aktien kann eine Anlegerin nicht kaufen. Allerdings kann sie über den Kauf von Genossenschaftscheinen an der Gewinnentwicklung der lokalen Raiffeisenbank partizipieren.

Der Nennwert des Scheins liegt je nach Bank zwischen 200 und 500 Franken. Bei manchen Banken kann man nur einen Schein kaufen, bei anderen Anteile bis zu 10 000 Franken. Die Anteile werden jährlich verzinst. Laut Statuten sind maximal 6 Prozent möglich. Die Scheine verfügen über eine unbeschränkte Laufzeit und sind nicht durch die Einlagensicherung gedeckt, was ihnen den Charakter einer Aktie gibt.

Eine Stimme pro Genossenschafterin

Kursgewinne können durch die Scheine allerdings nicht verbucht werden, die Banken kaufen sie höchstens zum Nennwert zurück. Auch das Stimmgewicht einer Genossenschafterin ist unabhängig von der Anzahl an Scheinen, die sie hält.

An der Generalversammlung, die auf Antrag des Verwaltungsrates die Höhe der Verzinsung festlegt, hat jeder Genossenschafter nur eine Stimme. Scheininhaber bekommen zumindest eine Vielzahl kultureller Vergünstigungen wie kostenlose Museumsbesuche und billigere Konditionen bei ihrer lokalen Raiffeisenbank.

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