Pensionskassen: So viele Milliarden fliessen von Jung zu Alt

Die CS zeigt Zahlen zur Umverteilung in der zweiten Säule. 4 Fragen zu einer Entwicklung, die so nicht vorgesehen ist.

Die Pensionskassenrenten von Pensionierten werden teilweise von den Berufstätigen finanziert.

Die Pensionskassenrenten von Pensionierten werden teilweise von den Berufstätigen finanziert. Bild: Bernd Wüstneck/Keystone

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In der zweiten Säule sorgt jeder Berufstätige für sich selbst vor. Ein Teil des Einkommens fliesst in die Pensionskasse, und das so gesammelte Kapital bildet die Grundlage zur Finanzierung der Altersrente. Damit unterscheidet sich die berufliche Vorsorge grundlegend von der AHV. Deren Finanzierung basiert auf einem Generationenvertrag: Sie baut darauf auf, dass die wirtschaftlich aktive Bevölkerung für die Renten der Pensionierten aufkommt. Die steigende Lebenserwartung, die zunehmende Überalterung der Bevölkerung und aktuell auch die tiefen Zinsen haben das Modell der beruflichen Vorsorge aber aus dem Ruder geworfen. Ökonomen der Credit Suisse haben ausgerechnet, dass in den Pensionskassen allein im Jahr 2015 schweizweit 5,3 Milliarden Franken von der werktätigen Bevölkerung zu den Pensionierten geflossen sind.

Wie kommt die im Modell nicht vorgesehene Umverteilung zustande? Die Umverteilung findet auf zweierlei Wegen statt. Zu einer ersten Umverteilung kommt es bei Pensionierungen. Dann also, wenn mit dem sogenannten Umwandlungssatz ausgerechnet wird, wie viel Rente eine Person erhält. Wendet eine Pensionskasse dabei einen Satz an, der aus versicherungsmathematischer Sicht zu hoch ist, entsteht ein Pensionierungsverlust. Dies ist etwa der Fall, wenn die Kasse von einer zu tief angesetzten durchschnittlichen Lebenserwartungen ausgeht oder die erwarteten Renditen auf dem Kapital – zumindest momentan – nicht erzielt werden können. Der Pensionierungsverlust ist gewissermassen die Differenz aus den bei der Pensionierung versprochenen Renten und dem zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Kapital plus den damit voraussichtlich erwirtschafteten Anlageerträgen. 2015 belief er sich laut Berechnungen von Credit-Suisse-Experten auf 3,5 Milliarden Franken.

Zur Umverteilung kommt es aber auch bei den laufenden Renten: Kann mit dem Vorsorgekapital der Rentner auf den Kapitalmärkten nämlich nicht mehr jene Rendite erzielt werden, von der pensionskassenintern ausgegangen wird, kommen automatisch die aktiven Mitglieder einer Pensionskasse für die Differenz auf. Denn Anpassungen an laufenden Renten sind ja ausgeschlossen. Auf diese Weise sind 2015 rund 1,8 Milliarden Franken von den Aktiven zu den Pensionierten umgelagert worden.

Ist diese Entwicklung neu? Neu ist das Phänomen nicht – mit dem tiefen Zinsniveau hat sich die Umverteilung in den letzten Jahren aber verstärkt. Die Credit Suisse hatte ähnliche Berechnungen bereits für das Jahr 2010 angestellt. Für jenes Jahr kamen die Experten auf eine Generationenumlagerung in der zweiten Säule in Höhe von 3,5 Milliarden Franken. Seither sind die Pensionierungsverluste markant gestiegen, derweil die Umverteilung auf den laufenden Renten 2010 noch höher ausfiel als fünf Jahre später. Der Grund dafür: Viele Pensionskassen haben den sogenannten technischen Zins, jenen Satz also, den sie intern für die Guthaben der einzelnen Versicherten anwenden, inzwischen gesenkt.

Was würde das System der zweiten Säule wieder in die Balance bringen? Die Pensionskassen haben grundsätzlich drei Möglichkeiten: Neben der Reduktion des technischen Zinssatzes ist dies insbesondere die Herabsetzung des Umwandlungssatzes. Für Berufstätige, die kurz vor der Pensionierung stehen, hat dies aber gravierende Auswirkungen auf die Höhe ihrer Renten. Das ist mit ein Grund, weshalb der Umwandlungssatz nicht abrupt geändert wird, sondern es meist Übergangsfristen und Massnahmen zur Abfederung der Folgen gibt. Für den gesetzlich vorgeschriebenen Teil des in der zweiten Säule gesparten Kapitals besteht zudem ein Mindestumwandlungssatz. Nicht schlüssig zu beantworten ist zudem die Frage, welcher Umwandlungssatz überhaupt angemessen ist: Denn der Satz, der in der Gegenwart zur Anwendung kommt, muss bereits die Kapitalerträge miteinschliessen, die in der Zukunft erzielt werden. Gemäss einer Umfrage der Credit Suisse haben 82 Prozent der Pensionskassen in den letzten fünf Jahren den Umwandlungssatz gesenkt. Bei rund einem Drittel der Vorsorgeeinrichtungen wird es bis 2021 eine weitere Senkung geben, bei weiteren 55 Prozent der Kassen steht ein solcher Schritt derzeit zur Diskussion. Pensionskassen können aber auch die Verzinsung der Guthaben der Berufstätigen jenem Satz anpassen, den sie den Pensionierten gewähren. Dass dies überhaupt möglich ist, dafür muss aber die an den Kapitalmärkten tatsächlich erzielte Rendite überhaupt ausreichend hoch sein.

Kann man als einzelner Arbeitnehmer Einfluss darauf nehmen, ob das eigene Kapital zur ältereren Generation fliesst? Nein, Versicherte von Pensionskassen haben keinen direkten Einfluss darauf, ob es zu einer Umverteilung kommt oder nicht. Aufgrund der Vorschriften sind selbst den Pensionskassen die Hände gebunden. Wieder zurück in die Balance gebracht werden kann die berufliche Vorsorge eigentlich nur mit politischen Massnahmen. Über die sogenannte Rentenreform 2020 hat das Volk diesen Herbst zu befinden. Gemäss einer Umfrage, welche die Credit Suisse Ende letzten Jahres bei rund 200 Vorsorgeeinrichtungen durchführte, sehen über die Hälfte der Pensionskassen aber noch einen weiter gehenden politischen Handlungsbedarf. Forderungen, die dabei im Raum stehen, sind eine noch weiter gehende Senkung des Mindestumwandlungssatzes auf obligatorischen Pensionskassengeldern, die Erhöhung des Rentenalters über 65 Jahre hinaus und die Möglichkeit zur Kürzung von laufenden Renten.

Erstellt: 02.05.2017, 19:52 Uhr

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