Bezos hätte es besser wissen müssen

Der sorglose Umgang des Amazon-Chefs mit SMS-Nachrichten macht es dem «National Enquirer» allzu leicht, die Affäre öffentlich auszuschlachten.

Die Affäre ist für Jeff Bezos noch lange nicht ausgestanden. Foto: Getty Images

Die Affäre ist für Jeff Bezos noch lange nicht ausgestanden. Foto: Getty Images

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Die Chancen für den Amazon-Gründer, den «National Enquirer» erfolgreich auf Erpressung zu verklagen, dürften nicht allzu gross sein. Jeff Bezos hätte als Chef eines weltweit bekannten und kritisch beobachteten Konzerns seine private Korrespondenz besser schützen müssen, sagen Anwälte. Darüber hinaus haben die Ermittler bereits entschieden, nicht strafrechtlich gegen das Schmuddelblatt vorzugehen, das mit den Enthüllungen der Bezos-Affäre möglicherweise Präsident Trump einen Dienst zu erweisen suchte.

Noch sind nicht alle Winkel der düsteren Geschichte ausgeleuchtet, doch die Quelle des Lecks dürfte bei Michael Sanchez, dem Bruder der Bezos-Geliebten und einem überzeugten Trump-Anhänger, zu suchen sein. Selbst der Anwalt des «National Enquirer» verneinte am Wochenende diese Vermutung nur noch halbherzig. «Ich werde nicht sagen, wer die Quelle ist», so Elkan Abramowitz, aber «es war jemand, der Bezos und Frau Sanchez nahesteht».

Politisches Komplott?

Gemäss dem Fernsehsender CBS haben die Anwälte von Bezos den Verdächtigen mehrmals befragt und das Resultat ihrer Ermittlungen gestern der Justiz übergeben. Sie machen geltend, dass Michael Sanchez den Fall mit den beiden Trump-Vertrauten Roger Stone und Carter Page erörtert habe, angeblich in der Absicht, dem Präsidenten einen Dienst zu erweisen.

Ganz von der Hand zu weisen ist die Theorie eines politischen Komplotts nicht. Gemäss der «Washington Post» wusste Sanchez, dass der «National Enquirer» eine grössere Enthüllung plante, «um Trump zufriedenzustellen». Letzte Woche eskalierte der Fall, nachdem Bezos selbst intime SMS-Nachrichten an seine Geliebte Lauren Sanchez und E-Mails mit den Herausgebern der Zeitung publik gemacht ­hatte. Er unterstellte politische Motive und bezeichnete die Drohung, intime Fotos von ihm zu veröffentlichen, als Nötigung. Erpresserisch sei auch, so Bezos, wenn der «National Enquirer» verlange, seine Ermittlungen über bereits publizierte Enthüllungen über sein Privatleben zu stoppen.

Trump und «National Enquirer»-Verleger David Pecker sind seit Jahrzehnten befreundet. Pecker verrichtete für den Unternehmer und Präsidenten wiederholt Drecksarbeit, indem er Informationen über dessen Affären kaufte und sie verschwinden liess. Mit dieser Taktik des «Catch and Kill» vertuschte das Blatt 2016 vor den Wahlen auch die Affäre Trumps mit Stormy Daniels und das Schweigegeld von 150000 Dollar. Das Blatt räumte später ein, die Geschichte beerdigt zu haben, um «die Wahlen nicht zu beeinflussen». ­

«Es ist erschreckend, zu sehen, wie sorglos Bezos mit seiner elektronischen Kommunikation umgegangen ist.» Paul Viollis, Rechtsanwalt

Damit ist der Tatbestand der illegalen Wahlkampffinanzierung wohl erfüllt, doch ausgerechnet dies dürfte der Bezos-Klage nun in die Quere kommen. Zwar verpflichtete sich der «National Enquirer» nach dem Fall Stormy Daniels, zwei Jahre lang keine weiteren Enthüllungen zu publizieren. Diese Stillschweigepflicht könnte mit dem Fall Bezos verletzt worden sei, erklärt der frühere Staatsanwalt Renato Mariotti. Doch habe die Justiz bereits entschieden, ein weiteres Strafverfahren sei nicht nötig, um die politischen Verwicklungen des «National Enquirer» zu untersuchen.

Hinzu kommt eine gewisse Naivität von Bezos. Es sei schon erstaunlich, dass der Amazon-Chef sich nicht besser abgesichert habe, meint Rechtsanwalt Paul Viollis. «Es ist erschreckend, zu sehen, wie sorglos Bezos mit seiner elektronischen Kommunikation umgegangen ist.»

Bezos kann versuchen, auf Verletzung des Urheberrechts zu klagen, sofern er oder seine Geliebte die enthüllenden Fotos gemacht haben. Dies ist der übliche Weg, wenn Opfer von rachsüchtigen Ex-Geliebten bedroht werden, doch Bezos müsste in diesem Fall gewärtigen, dass nicht nur seine SMS-Nachrichten, sondern auch die intimen Fotos publik werden.

Eine Erpressungsmaschine

Ob der «National Enquirer» mit dem Herausgeber der «Washington Post», Bezos, endlich den ­Widersacher gefunden hat, der ihn erledigen wird, ist abzuwarten. Schlammschlachten seien schon immer das Kerngeschäft des Boulevardjournalismus gewesen, räumt David Pole ein, der Sohn des Gründers des «National Enquirer». «Wir haben verrückte und durchgeknallte Dinger gemacht», sagt er. «Aber wir haben nie jemanden erpresst. Das war eine Linie, die wir nicht überschritten haben.»

Diese Grenze fiel aber schon 1999, als die Zeitung die Hand wechselte. Pecker habe das Unternehmen zu einer Erpressungsmaschine umgebaut und die Zeitung ruiniert, erklärt Pole. «Er ist viel zu weit gegangen und tat es nur für seinen persönlichen Gewinn.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.02.2019, 11:10 Uhr

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