«Bis Terroristen Atomwaffen haben, ist es nur eine Frage der Zeit»

Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei hielt am UBS-Event «The Economics of War and Peace» im Zürcher Kaufleuten eine Rede. Den Westen kritisierte er hart.

Sprach über das Versagen der Weltgemeinschaft: Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei.

Sprach über das Versagen der Weltgemeinschaft: Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei. Bild: Reuters

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Die Veranstaltung mit dem Titel «The Economics of War and Peace» hatte das UBS-Center of Economics in Society schon länger geplant. Doch nach den Anschlägen in Paris hat sie eine besondere Aktualität gewonnen. Mit Mohammed al-Baradei, Friedensnobelpreisgewinner und Ex-Politiker Ägyptens, leitet ein besonders guter Kenner der aktuellen Konflikte die Veranstaltung ein. Bekannt ist Baradei auch als einstiger Direktor der internationalen Atomagentur IAEA. In dieser Funktion war er auch mit der Diplomatie um mögliche Atombombenpläne in Irak, Iran und Nordkorea betraut.

Thema seiner Rede war vor allem das Versagen der Weltgemeinschaft: Die Menschheit mache zwar gewaltige wissenschaftliche Fortschritte und ist sogar daran und in der Lage, den Weltraum genauer zu erkunden. Doch beim zwischenmenschlichen Leben auf unserem Planeten seien wir weit zurückgeblieben.

Besonders hart ins Gericht ging er mit den reichen Ländern des Westens. Ihnen wirft er vor, den grösseren Zusammenhang von Ereignissen wie jenen in Paris zu vernachlässigen. Die Organisation Islamischer Staat (IS) – auf deren Konto die Anschläge in Paris gehen – ist laut Baradei eine direkte Konsequenz der Kriege im Irak.

Die Konflikte in allen arabischen Ländern und der daraus hervorgehende Terrorismus seien das Ergebnis eines jahrzehntealten Missmanagements in diesen Ländern und der weltweiten Institutionen. Der Westen hätte sich im Namen der Stabilität aktiv auf die Diktatoren in diesen Ländern gestützt. Diktatoren, die grundlegende Menschenrechte missachtet haben. Es gebe daher im ganzen Mittleren Osten ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Westen. Es herrsche die Ansicht vor: «Die interessiert es nicht, wie es uns geht, sie wollen bloss unsere Ressourcen ausnützen.» Verheerende Anschläge in diesen Ländern würden kein grosses Echo in der westlichen Welt auslösen. Das nehme man dort sehr wohl war.

Ohne Bodentruppen gehts nicht

Dazu würden auch Aussagen von Europäern passen, die Flüchtlinge wegen ihrer Religion nicht hier haben wollten. Das sei Wasser auf die Mühlen des IS und anderer Terrororganisationen. Schliesslich kritisierte der Friedensnobelpreisträger auch die Art des militärischen Vorgehens gegen den IS. Ohne dass diese Organisation mit Truppen am Boden bekämpft werde, sei sie nicht zu besiegen. Damit ein solcher Sieg möglich sei, müsse der Westen aber auch glaubwürdig werden. Die Vertreter der reichen Länder seien bisher nicht im Nahen Osten unterwegs, um Frieden und Demokratie und Gerechtigkeit zu befördern, sondern um Waffen zu verkaufen. Das sei das Letzte, was die Region jetzt brauche, sagte Baradei.

Jetzt würden zwar wieder viele kurzfristige Massnahmen besprochen und umgesetzt, um den Terrorismus einzudämmen, der grössere weltweite Zusammenhang bleibe aber wohl auch bei den G-20-Nationen wieder unbeachtet. Die Länder müssten von ihren eng verstandenen nationalen Interessen abrücken. Eine Sicht auf die weltweiten Zusammenhänge würde für alle die Sicherheit und Stabilität fördern. Denn wenn die Menschen in den benachteiligten Regionen den Eindruck gewinnen, dass sich der Westen nicht um ihre Sorgen und Träume kümmert, warum sollten sie sich um die der anderen kümmern.

In diesem Sinn kritisiert Baradei auch die internationalen Organisationen wie die UNO heftig. Sie funktioniere schlicht nicht und sei mit viel zu wenig Ressourcen ausgestattet. Der alles bestimmende Sicherheitsrat versage vollkommen, was alleine schon Ursache von unzähligen Opfern sei. Noch nicht einmal das Milliardenvolk von Indien hätte zudem dort ein Mitspracherecht.

Demokratie ist kein Instant-Kaffee

Die Regelungen zu den Menschenrechten und die internationalen Gerichte könnten schliesslich wenig bewirken, um all das Unrecht, die Gewalt und das ökonomische Elend zu bekämpfen. Es werde trotz all der grossen Sonntagsreden der Staatsführer nicht viel getan. Es sei eben die Frage, wo die reichen Länder ihre Prioritäten setzen. Um bei der Bevölkerung in den von Gewalt, Unterdrückung und Armut geprägten Ländern glaubwürdig zu sein, müssten Signale kommen, die von echter Anteilnahme und einem echten Bemühen zeugen. Davon sei nichts zu sehen.

Neben all den Anwürfen und Forderungen nach einer Verhaltensänderung der übrigen Welt war aber auch die Analyse der konkreten Probleme der Länder im Nahen Osten ernüchternd: Was es brauche, seien politische Institutionen, die die Beteiligung aller sicherstellen und für Kohäsion sorgen, und auch ein breit getragenes Einverständnis über die allgemeinen Rechte und die angemessene Regierungsform. Doch hierzu gebe es in diesen Ländern keine Einigkeit in der Bevölkerung. Demokratie sei schliesslich kein Instant-Kaffee, sondern ein sehr weiter Weg, und es brauche weit mehr als das Bereitstellen von Wahlurnen. Selbst wirtschaftliches Wachstum reiche nicht. Ägypten hatte im Jahr 2011 sieben Prozent Wachstum, doch die Arbeitslosigkeit hat sich kaum verändert und auch nicht die Lage der Ärmsten.

Gegen Ende seines Vortrags ging der ehemalige Atomenergie-Direktor schliesslich auf die anhaltende nukleare Bedrohung ein: Dass es noch immer 16'000 Nuklearsprengköpfe gebe, sei krank. 2000 davon seien ständig einsatzbereit. Es sei naiv, zu glauben, dass es auf Dauer gelinge, die Weitergabe von solchen Waffen zu verhindern. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch terroristische Gruppen Zugang zu solchen Waffen erlangen würden. Baradei forderte eine echte Abrüstung. Dass es bisher noch zu keiner Katastrophe mit solchen Waffen gekommen sei, würden wir genauso purem Glück verdanken wie den gezielten Bemühungen, dies zu verhindern.

Erstellt: 16.11.2015, 18:06 Uhr

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