Blackrock fordert Bilanzstandard für Umweltrisiken

Der grösste Vermögensverwalter der Welt animiert seine Kunden zu nachhaltigem Geldanlegen. Doch es gibt Fallstricke.

Wer seiner sozialen Verantwortung nicht nachkomme, werde als Unternehmer «stolpern und untergehen», sagt Blackrock-Chef Larry Fink. Foto: Keystone

Wer seiner sozialen Verantwortung nicht nachkomme, werde als Unternehmer «stolpern und untergehen», sagt Blackrock-Chef Larry Fink. Foto: Keystone

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Wenn Larry Fink anderen Unternehmenschefs einen Brief schreibt, so ist dem US-Finanzmanager Aufmerksamkeit gewiss. Denn Fink leitet Blackrock. Das Unternehmen verwaltet über 6000 Milliarden Dollar und ist der grösste Vermögensverwalter der Welt. Anfang Jahr schrieb Fink «seinen» Firmen ins Stammbuch: Profit sei nicht alles. Unternehmen, die nicht ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkämen, würden langfristig «stolpern und untergehen».

Das zeigt: Nachhaltiges Investieren ist keine Nische mehr, sondern wird zur Norm. Allein in der Schweiz waren laut Swiss Sustainable Finance 2017 rund 390 Milliarden Franken nach Nachhaltigkeitskriterien angelegt, das ist ein Plus von 82 Prozent. Blackrock selbst gibt an, dass von den 6 Billionen Kundengeldern rund 512 Milliarden Dollar nach Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) investiert sind.

Was ist wirklich nachhaltig?

Doch nachhaltig Geld anlegen, das ist gar nicht so einfach. Das sagt selbst Tariq Fancy, der bei Blackrock weltweit als Anlagechef für nachhaltige Investments verantwortlich ist. «Es gibt eine allgemeine Konfusion darüber, was nachhaltige Investments eigentlich sind», sagt der Blackrock-Manager im Gespräch.

So gibt es keinen weltweiten Standard, wie Unternehmen über ihre Umwelt- und Sozialrisiken berichten sollen. Die Aufbereitung der Finanzzahlen ist dagegen längst standardisiert, so ist für börsenkotierte Unternehmen in Europa eine Bilanz nach IFRS Pflicht. «Das ESG Reporting der Unternehmen dagegen erinnert an die Bilanzstandards vor 50 Jahren», moniert Fancy. «Es fehlt an Kohärenz. Das macht die Kapitalallokation schwieriger.»

Tatsächlich gibt es bereits eine Reihe Initiativen, um den Wildwuchs beizulegen. So gibt es von den Vereinten Nationen die «Principles for Responsible Investment (PRI)», die sich auch mit den Berichtspflichten von Unternehmen befassen. Die EU-Kommission arbeitet an Standards. Die Liste liesse sich fortsetzen.

Einheitliche Definitionen fehlen zudem auf Produktebene. Für Anleger ist es so schwierig, zu erkennen, welcher Fonds wirklich nachhaltig ist und welcher nicht. Die EU will den Wildwuchs eindämmen. Dazu sollen eigene Labels für «grüne» Investments geschaffen werden, damit Anleger noch durchblicken. Auf Ebene der Unternehmen will die EU eine Art Positivliste erarbeiten, welche Aktivitäten als «grün» gelten und welche nicht.

«Angesichts der Vielfalt halte ich es weder für wünschenswert noch für machbar, hier eine einheitliche Definition einführen zu wollen.»Sabine Döbeli, Geschäftsleiterin der Swiss Sustainable Finance

Experten sind aber skeptisch. «Es gibt verschiedene Ansätze, einen nachhaltigen Fonds zu managen», sagt Sabine Döbeli, Geschäftsleiterin der Organisation Swiss Sustainable Finance. «Angesichts der Vielfalt halte ich es weder für wünschenswert noch für machbar, hier eine einheitliche Definition einführen zu wollen.»

Sie verweist darauf, dass die EU bei ihren Bemühungen auch nur den Aspekt «Umwelt» im Blick hat. «Was die Kategorien ‹sozial› oder ‹Unternehmensführung› angeht, so ist eine Definition viel schwieriger», gibt sie zu bedenken.

Das meinen auch die Experten der Ratingagentur Scope. «Unabhängig von einer konkreten Nachhaltigkeitsdefinition halten wir die Messung in der Praxis für sehr komplex», sagt Scope-Analyst Bernhard Bartels, «denn Unternehmen müssten hierzu über ihre gesamte Lieferkette berichten.» Andernfalls könnten Unternehmen einfach nicht nachhaltige Produktionsverfahren auf ihre Zulieferer abwälzen.

Blackrock vertreibt in Europa 18 aktiv gemanagte Nachhaltigkeitsfonds. Laut Fancy würden die ESG-Kriterien aber auch bei den aktiv gemanagten Fonds als zusätzliches Entscheidungskriterium hinzugezogen werden. Die Grenzen verwischen also.

Nachhaltigkeit rentiert

Es ist längst widerlegt, dass sauberes Wirtschaften zulasten der Rendite geht. Das Gegenteil ist eher der Fall. Seit den 70er-Jahren wurden 2200 Abhandlungen zu dem Thema verfasst. Die Deutsche Bank hat sie ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass 90 Prozent der Studien belegen, dass sich Nachhaltigkeit nicht negativ auf die Rendite auswirkt. Laut der grossen Mehrheit der Studien gibt es sogar einen positiven Effekt.

Um zu entscheiden, welches Unternehmen konkret nachhaltig ist, vertiefen sich die Blackrock-Analysten unter anderem in die Nachhaltigkeitsberichte der Unternehmen und ziehen die Ratings des Anbieters MSCI hinzu. Das Fehlen von Reporting-Standards mache die Arbeit zwar mühsam, aber nicht unmöglich. «Wir sehen das Glas halb voll», so Fancy.

Nichtregierungsorganisationen wie Friends of Earth halten dagegen Blackrocks Bekenntnis zur Nachhaltigkeit für eine Schönfärberei. «Blackrock ist der grösste Treiber bei der Zerstörung des Klimas», heisst es in der Kampagne «Blackrock's Big Problem». Denn der grösste Teil des Vermögens steckt in den passiven Fonds, die einen Aktienindex wie den MSCI World oder den Schweizer SMI nachbauen. Daher sei Blackrock einer der grössten Investoren in Sektoren wie Kohle und Ölindustrie.

Fancy verteidigt seinen Arbeitgeber: Das Geld gehöre den Kunden, und wenn diese einen Fonds nach dem Vorbild eines Aktienindex kauften, in dem Ölkonzerne enthalten seien, habe Blackrock keine Wahl. Als Aktionär versuche Blackrock aber seinen Einfluss geltend zu machen. So habe Blackrock Öl- und Gasunternehmen dazu aufgefordert, besser über die Folgen der Umweltregulierung für ihre Bilanz zu informieren. Allein im vergangenen Jahr hat der Vermögensverwalter bei seinen Kontakten mit über 200 Unternehmen den Klimawandel thematisiert. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.03.2019, 19:32 Uhr

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