China greift zum letzten Mittel

Nach der zweimaligen Abwertung des Renminbi wird an den Märkten ein neuer Währungskrieg befürchtet. Das überraschende Vorgehen der Notenbank nährt Spekulationen.

Weniger ist mehr für Chinas Notenbank. Angestellte von Chinas grösster Bank ICBC beim Geldzählen. Foto: Carlos Barria (Reuters)

Weniger ist mehr für Chinas Notenbank. Angestellte von Chinas grösster Bank ICBC beim Geldzählen. Foto: Carlos Barria (Reuters)

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Eigentlich hätte es eine «einmalige» Aktion sein sollen. So jedenfalls hatte die chinesische Notenbank, die People’s Bank of China (PBoC), ihren Entscheid vom Dienstag bezeichnet, die Landeswährung Renminbi gegenüber dem Dollar um 1,9 Prozent abzuwerten. Doch bereits am Mittwoch hat die PBoC nachgelegt: Sie setzte den täglichen Referenzkurs gegenüber der US-Währung nochmals um 1,6 Prozent herunter.

Prompt schwächte sich der Renminbi gestern im innerchinesischen Handel bis auf ein Vierjahrestief von 6.44 je Dollar ab. Zum Handelsende konnte sich Chi-nas Währung indes auf 6.38 aufrappeln, was Spekulationen aufkommen liess, die PBoC habe interveniert, um den Absturz des Wechselkurses in Grenzen zu halten.Zudem liess die Notenbank gestern verlauten, es bestehe keinerlei Absicht, den Renminbi dauerhaft abzuwerten.

Nachdem China im Juli 2005 den festen Wechselkurs gegenüber dem Dollar aufgab, betreiben die Notenbanker eine Politik der weichen Anbindung: Ausgehend vom Referenzwert, den die PBoC jeweils kurz vor Handelsbeginn festlegt, darf der Wechselkurs zum Dollar nur in einer Bandbreite von plus/minus 2 Prozent schwanken. Die beiden jetzigen Abwertungsschritte sind die mit Abstand grössten in den letzten zehn Jahren.

Droht ein Abwertungswettlauf?

Beobachter werteten das überraschende Vorgehen der Währungshüter in Peking als Indiz für die zunehmende Abkühlung der chinesischen Wirtschaft – und die wachsende Besorgnis darüber in der po-litischen Führung des Landes. Aufsehen erregte zuletzt der Einbruch von Chinas Exporten im Juli um 8,3 Prozent gegenüber demselben Vorjahresmonat, während Experten einen Rückgang von 1,5 Prozent geschätzt hatten. Ob die weltweit zweitgrösste Wirtschaft das ­anvisierte Ziel eines Wachstums von 7 Prozent in diesem Jahr erreichen wird, bezweifeln immer mehr Kenner. Einzelne Stimmen sprechen mittlerweile von einer effektiven Expansionsrate von unter 5 Prozent – was von den offiziellen Statistiken verschleiert werde.

Im Markt überwiegt jedenfalls die Einschätzung, Peking habe zum letzten Mittel einer kompetitiven Abwertung ­gegriffen – also mit dem vorrangigen Ziel vor Augen, die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Exporteure durch eine schwächere Währung zu erhöhen. Dies, nachdem andere Massnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft, wie erleichterte ­Finanzierungsbedingungen für kommunale Behörden und Zinssenkungen, ­wenig Wirkung zeitigten. Für weitere Unsicherheit sorgten die Kurseinbrüche am chinesischen Aktienmarkt im Juli – und womöglich noch mehr die anschliessenden unbeholfenen Eingriffe der Be­hörden, um die Wogen zu glätten.

So wird denn vielerorts befürchtet, China könnte mit der Renminbi-Abwertung einen neuen «Währungskrieg» vom Zaun brechen. Gemeint ist damit ein ­globaler Abwertungswettlauf von Ländern, die ihre Konjunktur allesamt mittels höherer Exporte beleben wollen. Dies betrifft besonders Märkte in der ­näheren und weiteren Nachbarschaft Chinas wie Südkorea, Malaysia, Taiwan oder Australien, aber auch die Euro­staaten. Am stärksten dürfte Japan tangiert sein, dessen Warenexporte zu etwa einem Fünftel ins Reich der Mitte gehen. Gut möglich, sagen Beobachter, dass ­Japans Notenbank ihre Anleihenaufkäufe alsbald ein weiteres Mal ausweiten wird, um so den Yen zu schwächen.

Starke vorgängige Aufwertung

Es gibt indes auch eine andere Sicht der Dinge. Sie verweist darauf, dass der Renminbi in den letzten zwölf Monaten den zweitbesten Kursverlauf aller Schwellenländer-Währungen verzeichnete, wogegen Euro und Yen starke Einbussen erlitten. Grund hierfür ist der Höhenflug des Dollar, von dem – wegen seiner Anbindung an die US-Währung – auch der Renminbi erfasst wurde. So lag dieser zum Dollar bis kurz vor Ankündigung der Abwertung ungefähr auf dem gleichen Niveau wie Mitte Dezember. Da der Dollar-Index – der die Kursentwicklung der US-Valuta gegenüber einem Bündel anderer wichtiger Währungen misst – im selben Zeitraum aber um annähernd 9 Prozent gestiegen ist, heisst das nichts anderes, als dass der Renminbi gegenüber Euro, Yen und britischem Pfund in gleichem Masse aufwertete.

Vor diesem Hintergrund würden die beiden Abwertungsschritte der chinesischen Notenbank dann doch nicht allzu stark ins Gewicht fallen, argumentieren einzelne Experten. Gegen eine kompetitive Abwertung spricht aus ihrer Sicht ferner, dass sich China mit einer Schwächung der eigenen Währung neue Probleme aufhalst. Das gilt vor allem für die Kapitalflucht, die in diesem Jahr besorgniserregende Ausmasse erreicht hat und nun noch mehr befeuert werden könnte. Auch erhöht sich mit einem schwächelnden Renminbi die Schuldenlast für jene chinesischen Unternehmen, die Kredite in Fremdwährung aufgenommen haben; viele von ihnen leiden ohnedies schon unter Überkapazitäten.

Chinas Notenbank selbst verkaufte den ersten Abwertungsschritt als Teil ihres Vorhabens, den Renminbi-Kurs verstärkt den Markteinflüssen zu unterwerfen. Genau davon macht der Internationale Währungsfonds (IWF) abhängig, ob er die chinesische Valuta in jenen exklusiven Währungskorb aufnehmen wird – neben Dollar, Euro, Yen und Pfund –, aus dem er seine eigene Währungseinheit, die Sonderziehungsrechte (SZR), bestimmt. Die Einbeziehung des Renminbi würde diesen in den Status einer glo­balen Reservewährung heben und wäre für die Führung in Peking mit beträchtlichem Prestigegewinn verbunden.

Der IWF hatte jedoch unlängst durchblicken lassen, dass Chinas Währung die Kriterien für eine Aufnahme in den SZR-Währungskorb noch nicht erfülle und weitere Fortschritte bei der freien Handelbarkeit nötig seien. Zum jüngsten Schritt der Chinesen äusserte der Fonds nun vorsichtige Zustimmung. Dass bei der Fixierung des Renminbi-Referenzwerts die Marktkräfte stärker zum Zuge kommen sollen, wertete er als «willkommenen Schritt». Doch welche Wirkung davon ausgehen werde, so die Einschränkung, hänge davon ab, wie der neue Mechanismus praktisch umgesetzt werde.

Erstellt: 12.08.2015, 23:32 Uhr

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