Chinas Macht über die Medikamentenpreise 

Die chinesische Führung ringt Roche und Novartis enorme Rabatte ab. Die Firmen machen mit – sie wollen im riesigen Markt punkten. Doch die Zeit läuft ihnen davon.

China ist dabei, zur Konkurrenz in der Medikamentenentwicklung zu werden: Im Novartis Institute for Biomedical Research in Shanghai betrachtet ein Mitarbeiter Bildschirme. Foto: Qilai Shen (Getty)

China ist dabei, zur Konkurrenz in der Medikamentenentwicklung zu werden: Im Novartis Institute for Biomedical Research in Shanghai betrachtet ein Mitarbeiter Bildschirme. Foto: Qilai Shen (Getty)

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Die neusten Biotechmedikamente werden in Zukunft aus China kommen. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis China an die Spitze aufsteigt», sagte Roche-Chef Severin Schwan im Sommer. China verfolgt einen Masterplan, mit dem es in den nächsten Jahren zu den besten Pharmafirmen der Welt aufschliessen will. Erst mal aber zeigt China sich als riesiger neuer Absatzmarkt für die westlichen Pharmakonzerne . Wie sich nun herausstellt aber als einer, der die Preise einbrechen lässt und das weltweite Gefüge ins Wanken bringen dürfte.

Die chinesische Führung will keine Unsummen für Medikamente ausgeben. Die neuesten Therapien aus aller Welt will das Land zwar haben, aber zu bezahlbaren Preisen. Der Staat hat in den letzten Jahren ein Gesundheitssystem und eine Krankenversicherung aufgebaut, die 95 Prozent der Bevölkerung abdecken.

Wollen Pharmafirmen auf die Erstattungsliste für die chinesische Grundversicherung kommen, müssen sie mit dem Staat hart verhandeln. Letzte Woche haben dies Roche und Novartis wie auch andere westliche Pharmafirmen getan – und dabei so hohe Zugeständnisse gemacht wie sonst nirgends. Im Schnitt liegen die Preise 61 Prozent unter denen in den USA. Zum Teil sind Spitzenmedikamente sogar noch günstiger. Im Vergleich zur Schweiz ist der Unterschied allerdings nur gering.

Bis zu 90 Prozent Rabatt

Roche will seine mit China frisch ausgehandelten Preise nicht öffentlich machen, wie ein Sprecher sagt. Novartis dagegen schon: So kostet sein Medikament Cosentyx in China über 90 Prozent weniger als in den USA.

In den USA dürfte es bei Krankenversicherern gären, denn der teuerste Medikamentenmarkt subventioniert damit praktisch auch China. Roche verweist jedoch auf ihr Preismodell, «wonach Länder mit einem tieferen Pro-Kopf-Einkommen für Produkte, welche in die Erstattung des nationalen Gesundheitssystems aufgenommen werden, tiefere Preise bezahlen als Länder mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen.»

Balance von Menge und Preis

In erster Linie ist es jedoch nicht die nationale Kaufkraft, die für den Preis in China ausschlaggebend ist. Sondern der riesige Absatzmarkt. «Bei den Preisen verhandelt China hart», sagt Pharmaexperte Hültenschmidt von der Beratung Bain & Company. Die Firmen lockt jedoch die Menge, die den Preisnachlass ausgleicht. China fungiert wie ein Discounter, der über seine schiere Einkaufsmacht die Margen der Hersteller drücken kann.

Der Pharmaexperte der Zürcher Kantonalbank, Michael Nawrath, erwartet, dass sich Chinas Preisdruck zwar nicht sofort, aber künftig auch im Westen auswirkt: «In fünf bis zehn Jahren wird dies auch bei uns zu einem grossen Thema.» Dann, wenn weitere sehr teure neue Medikamente auf den Markt kommen. «Dann werden sich auch andere Staaten fragen, warum sie so hohe Preise zahlen sollen, auch wenn sie weniger Bevölkerung haben.»

Erste US-Zulassung für Immuntherapie aus China

«Neben der Grösse des Landes haben zwei systemische Änderungen der letzten Jahre den Markt attraktiv gemacht», erklärt eine Roche-Sprecherin. Die Zulassungszeit wurde stark verkürzt. Und es ist nicht mehr nötig, Studien in China durchzuführen. Die chinesische Führung hat so die Voraussetzung für den Einzug westlicher Medikamente erst geschaffen. Das wirkt sich prompt aus: Roche steigerte im ersten Halbjahr 2019 seinen Umsatz in China um 58 Prozent auf 1,6 Milliarden Franken.

«Es gibt entscheidende Veränderungen in China, für Lonza ist das der entscheidende Grund, dort Biotechprodukte zu entwickeln.»Lonza-Sprecherin

Auch wenn das Land im Moment als neuer Absatzmarkt für Aufsehen sorgt: China ist dabei, zur Konkurrenz zu werden. Mit der Immuntherapie Brukinsa von Beigene wurde dieses Jahr das erste chinesische Medikament in den USA zugelassen. Am 1. Dezember trat ein neues Gesetz in Kraft, das die Zulassung klinischer Studien beschleunigt. Patentverletzungen belegt das neue Recht mit deutlich höheren Strafen. Zudem werden Forschung und Entwicklung speziell gefördert.

Das gibt der Gründung ausländischer wie auch chinesischer Firmen weiteren Schub. «Es gibt entscheidende Veränderungen in China, für Lonza ist das der entscheidende Grund, dort Biotechprodukte zu entwickeln», sagt eine Sprecherin des Schweizer Lifesciences-Konzerns. Lonza wird 2020 ein neues Werk in Guangzhou eröffnen, das Biotechmedikamente für Drittfirmen entwickelt und herstellt. «Es gibt enorm viele neue chinesische Biotechfirmen, für die wir arbeiten möchten», so die Lonza-Sprecherin.

Erstellt: 04.12.2019, 06:09 Uhr

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