Wie die CS-Beschattungsaffäre eine tödliche Wende nahm

Vermittler T. suchte vor seinem Suizid nach Lösungen – ein zielführendes Gespräch mit der Bank kam nicht zustande.

Bedrückte Mienen an einem Anlass, an dem es nur Verlierer geben kann: CS-Präsident Urs Rohner zeigte sich an der Medienkonferenz vom Dienstag tief betroffen vom Suizid des Vermittlers T. Foto: Keystone

Bedrückte Mienen an einem Anlass, an dem es nur Verlierer geben kann: CS-Präsident Urs Rohner zeigte sich an der Medienkonferenz vom Dienstag tief betroffen vom Suizid des Vermittlers T. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dienstag, 24. September 2019, früher Nachmittag. Die Staatsanwaltschaft und die Polizei werden an einen Tatort nach Kloten gerufen. Ein 52-jähriger Mann hat kurz vor Mittag seinem Leben ein Ende gesetzt. Es scheint die verzweifelte Reaktion einer Person zu sein, die in der Credit-Suisse-Affäre unter Druck geraten ist. Extremen Druck.

Der Verstorbene, wir nennen ihn T., war Sicherheitsexperte – ein ruhiger, sorgfältiger Mann, der es gewohnt war, bei der Planung und der Durchführung seiner Arbeit die Kontrolle zu haben. Alles musste präzis und geordnet ablaufen – das war sein Markenzeichen, sein Talent. So beschreiben ihn Bekannte, die auch schildern, wie ein verhängnisvoller Auftrag der Credit Suisse tragisch endet.

Er wurde nicht gehört

Die Bank will ihren abgehenden Manager Iqbal Khan beschatten lassen. Ein solcher Auftrag ist für Privatermittler keine Besonderheit: Kaderleute zu beschatten, wenn sie den Arbeitgeber wechseln, kommt in der Geschäftswelt immer wieder mal vor.

Er hat gestern seine neue Stelle bei der UBS angetreten: Manager Iqbal Khan auf einem Archivbild. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Wie üblich in der Branche läuft der Auftrag aus Geheimhaltungsgründen über einen Vermittler – in diesem Fall T. Er wiederum engagiert dafür eine Privatdetektei. Zuerst läuft alles normal. Doch am Dienstag, 17. September, fliegt die Aktion auf. Die Privatdetektive werden von Khan entdeckt, ihr Auto wird von ihm fotografiert. Am nächsten Morgen folgt ihre Verhaftung.

Trotz dieser Panne scheint für T. später an diesem Mittwoch noch alles mehr oder weniger unter Kontrolle. Die Detektive kommen schnell frei. Rasch wird laut seinem Anwalt Duri Bonin auch klar, dass T. sich wohl strafrechtlich nichts hat zuschulden kommen lassen.

Er schläft nicht mehr und verliert innert weniger Tage vier Kilogramm.

Die Situation ändert sich schlagartig, als die Presse zwei Tage später zu berichten beginnt. Ab Sonntag kommen weltweit praktisch stündlich neue Nachrichten zur Affäre. Vermittler T. gerät damit mitten in einen Sturm. Er schläft nicht mehr und verliert innert weniger Tage vier Kilogramm. Alle Versuche einer professionellen Problembewältigung laufen ins Leere, mehrfach versucht er mit Akteuren in der Affäre eine Lösung zu finden – wird aber nicht gehört.

Name des Detektivbüros preisgegeben

Am Montagmittag verschickt das Detektivbüro eine E-Mail an die Bank. Darin wird der Ablauf der Observation beschrieben – und im letzten Abschnitt besonders darauf hingewiesen, dass der Name der Detektivfirma nicht kommuniziert werden dürfe. Das ist T. wichtig. Ihre Existenz hängt davon ab.

Er soll von nichts gewusst haben: Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse. Foto: Peter Foley (EPA)

Doch bereits am nächsten Morgen ist ein Teil dieser E-Mail in der Presse. Und mit ihm der Name des Detektivbüros, Investigo GmbH. Eine Katastrophe für T., denn jetzt steht das Büro am Pranger – und zwar weltweit. Das Gefühl, die Kontrolle völlig zu verlieren, wird für T. immer grösser. Weiter versucht er vergeblich, den Kontakt zu Bankexponenten herzustellen. Er muss zusehen, wie die Geschichte einen Drall erhält, der sie von der Wahrheit immer mehr entfernt.

Angehörige äussern sich

Im weiteren Verlauf des Morgens erhält er auch noch einen Anruf eines Journalisten, unterdessen ist offenbar auch sein eigener Name bekannt geworden. Als sein Anwalt danach mit ihm spricht, ist T. völlig aufgelöst. Der Anwalt versucht, ihn zu überzeugen, er solle in seine Kanzlei kommen, er könne ihm in dieser verfahrenen Situation Auswege aufzeigen. T. verspricht zu kommen – doch er kommt nicht.

Nun untersucht die Staatsanwaltschaft den Todesfall. Laut seinem Anwalt gibt es keinerlei Zweifel, dass es sich um einen Suizid handelt. Die Angehörigen sagen, T. sei verzweifelt gewesen, habe in dieser schlimmen Situation Lösungen gesucht und sei nicht gehört worden. Einen Schuldigen gebe es nicht. Viele Umstände hätten diese Kurzschlussreaktion ausgelöst. Man sei sehr traurig und bitte, die Privatsphäre zu respektieren.

Haben Sie Suizidgedanken, oder kennen Sie jemanden, der Unterstützung benötigt? Kontaktieren Sie bitte die Dargebotene Hand, Telefon 143. E-Mail- und Chat-­Kontakte finden Sie auf www.143.ch. Das Angebot ist ­vertraulich und kostenlos.

Erstellt: 01.10.2019, 22:57 Uhr

Artikel zum Thema

«Fast unerträglich, dass wir unseren Mitarbeiter bespitzelt haben»

Interview Das sagt Präsident Urs Rohner nach einem denkwürdigen Tag für die Credit Suisse. Mehr...

Widersprüche und offene Fragen um Thiam, Khan und Co.

Die Credit Suisse wollte reinen Tisch machen. Trotz des Untersuchungsberichts existieren noch Ungereimtheiten. Mehr...

«Hat Thiam die Credit Suisse noch im Griff?»

Video Finanzplatz-Reporter Holger Alich beantwortet die wichtigsten Fragen zur Bespitzelungsaffäre bei der CS, nachdem die Grossbank heute in die Offensive ging. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Feueralarm: Ein Lufttanker lässt Flammschutzmittel auf die Brände in den Gospers Mountains in New South Wales fallen. Durch die hohen Temperaturen und starke Winde ist in Australien die Gefahr von Buschfeuer momentan allgegenwärtig. (15. November 2019)
(Bild: Dean Lewins) Mehr...